Fridays for Future

Aufgrund des Wunsches einiger Leser*innen auf Instagram beschäftigt sich der nachfolgende Blogeintrag mit der Jugendbewegung „Fridays for Future“ (FFF). Hierzu wird sich einem Artikel von Tjark Kunstreich aus der Bahamas 81 mit dem Titel „My own Private Holocaust“ gewidmet, welcher als Paradebeispiel für ein falsches Verständnis von Ideologiekritik und die Annäherung an neurechte Positionen von Seiten des Bahamas-Umfelds verstanden werden kann. Allerdings teilen wir die grundlegende Kritik des Artikels, dass die Jugendbewegung nur Erfolg haben kann, wenn sie kapitalismuskritische Positionen in ihren Umweltaktivismus integriert. Unsere Einschätzung für den Erfolg einer linken Intervention in den Schüler*innenstreik ist den Kommentaren zum Artikel zu entnehmen. Zusätzlich wollen wir euch einen Flyer an die Hand geben, der zum Verteilen auf den FFF-Demonstrationen gedacht ist, um dort diese dringend notwendige antikapitalistische Perspektive einzubringen.

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Disclaimer
Für alle neunmalklugen Verschwörungsheinis und AfD-Friedas: Die ganze Argumentation von wegen „Der Klimawandel findet unabhängig vom Menschen statt und ist eine Erfindung der Ökoindustrie“ ist der letzte Blödsinn. Zum einen gibt es genug Interessengruppen innerhalb der Industrie (v.a. Stromerzeuger und Automobilkonzerne), die von solchen wissenschaftlichen Ergebnissen profitieren würden und gerne den Klimawandel abstreiten – die Fakten sind aber so ungünstig, dass dieser Versuch weitestgehend ausbleibt, obwohl derartige Konzerne alle alleine über weitaus mehr Kapital und jahrelange Kontakte zur Politik verfügen, als alle Ökostromanbieter und Solaranalagenfirmen zusammen. Die aktuelle Diskussion dreht sich lediglich um die Frage wie groß der Anteil des Menschen ist:

[1] „Nach der Auswertung Tausender Studien zu dem Thema aus einem Zeitraum von 20 Jahren kamen Wissenschaftler aus den USA, Australien und Kanada zu dem Ergebnis, dass die überwältigende Mehrheit von knapp über 97 Prozent darin übereinstimmt, als Verursacher der Klimaerwärmung den Menschen anzusehen.“

„Die Natur verhandelt nicht“, so wiederholt es Martin Kaiser von Greenpeace Jahr ein, Jahr aus, auf jeder Klimakonferenz der Vereinten Nationen, zuletzt anlässlich der Sicherheitskonferenz in München, wo er dem US-Vizepräsidenten Mike Pence vorwarf, den Klimawandel nicht einmal erwähnt zu haben. […] Dass der Mensch dabei nicht selbst als Teil der Natur begriffen wird, die er bearbeitet und in die er eingreift, zeugt von einem Naturverständnis, das deckungsgleich ist mit dem derjenigen, die angeklagt werden, den Klimawandel nicht ernst zu nehmen und dadurch zum Weltuntergang beizutragen. Natur, das soll etwas an sich sein: unterworfen und zugleich absolut herrschend; lieblich und schützenswert, aber ebenso grausam und gnadenlos; wild und ungebändigt, dennoch ehernen Gesetzen folgend; betörend schön und doch lebensgefährlich; Lebensgrundlage und Todeszone in einem; vor allem aber: sprachlos. Denn die Sprachlosigkeit der Natur ermöglicht es sowohl jenen, die den menschengemachten Klimawandel für eine Tatsache halten – selbst wenn alle Prognosen, von der Versteppung des Planeten über das Waldsterben bis zum Ozonloch, sich nicht bewahrheitet oder durch Gegenmaßnahmen erledigt haben –, als auch jenen, die die Erderwärmung für einen menschenunabhängigen Prozess halten, in ihrem Namen zu sprechen. So schwanken die Positionen zwischen Allmacht – wir können das Klima machen – und Ohnmacht – die Natur macht eh, was sie will. Der gemeinsame Bezugspunkt ist ein Naturverständnis, das die zweite, die gesellschaftliche Natur von der ersten, der biologisch-organischen abspaltet. In Formulierungen, die nahelegen sollen, dass der Mensch ein Fremdkörper in der Natur sei, also wie ein Alien vom Planeten Zweite Natur über die unschuldige Erde hergefallen ist, aber ebenso in Phantasien, in denen die Erde zu einer Mischung aus Selbstbedienungsladen und Raubrittergut gerät, verrät sich das Gegenteil des schöpferischen Anspruchs, in der Auseinandersetzung mit der ersten Natur die Welt zu einer menschlichen zu machen. Die Grundannahme des historischen Materialismus, dass gesellschaftlicher Fortschritt mittels der Beherrschung der Natur notwendig und möglich wird – und dabei die Trennung von erster und zweiter Natur eine Arbeitshypothese darstellt, die diesen Zusammenhang erhellen soll –, ist aus dem Denken verschwunden, weil die Konsequenz ein Dementi der Behauptung wäre, dass die Natur nicht verhandele: Sie tut es mittels ihres sprachbegabten Tieres.”

Der Vorwurf, die Natur zu romantisieren und vom Menschen abzuspalten, widerspricht dem eigentlichen Anliegen der Klimabewegungen: den Menschen zu ermächtigen, die eigene Spezies zu erhalten. Auch wenn im Angesicht der eigenen Machtlosigkeit gegenüber der unsichtbaren Hand des Kapitalismus einige Klimaaktivist*innen dazu neigen, sich eine Ursprünglichkeit der Natur als Ideal vorzustellen, auf die der Mensch keinen negativen Einfluss haben kann, so spiegelt sich im Aktivismus doch gleichzeitig die unbewusste Einsicht, dass es eine Notwendigkeit gibt, die Welt zu einer menschlicheren zu machen, um sie für die eigene Spezies zu erhalten. Der Erde ist es völlig egal, ob gerade 100mio. Tonnen Plastik im Meer schwimmen oder ob es 10 Grad kälter oder wärmer wird. Während das für den Menschen essentiell ist, bedeutet das für die Umwelt nur einen Wimpernschlag. Artensterben gab es schon immer und die Umwelt wird es auch noch geben, wenn es keine Bienen oder Wale mehr gibt. Die Frage, die sich stellt ist vielmehr, wird es uns dann noch geben und wenn ja, wie wird unser Leben dann aussehen. Diese Frage ist geradezu der Inbegriff der Beherrschung der Natur.

„Die Debatte über den Klimawandel als über das Schicksal der Gattung entscheidende Frage sorgt dafür, dass viele andere Fragen nicht gestellt werden, die für die Gattung, so sie denn einmal Menschheit sein will, entscheidend sind, erlaubt aber zugleich die Fiktion des Subjekts Menschheit im Angesicht der Natur, vor der „wir“ alle gleich sind und alle die gleiche Verantwortung haben, egal, ob wir Dieselfahrer, Sojabauern, Vielflieger oder Morgenmuffel sind:”

Warum eine derart dringende Frage keine Berechtigung neben anderen Fragen haben kann, erschließt sich aus der Argumentation leider nicht. Warum die Frage nach Klimapolitik automatisch dafür sorgt, dass die soziale Frage nicht gestellt wird, kann demnach nicht plausibel gemacht werden. Vielmehr besteht sehr wohl die Möglichkeit für die radikale Linke eigene systemkritische Akzente innerhalb der Bewegung zu setzen. Vielmehr sind es doch die Ideologiekritiker*innen der Bahamas, die scheinbar nur in der Lage sind eine einzige Frage zu stellen: Wie man die radikale Linke mit überzogenen Äußerungen provozieren kann. Vielleicht scheint hier ja doch auch ein bisschen Narzissmus durch, der an anderer Stelle gerne den anderen angedichtet wird.

“Das ist so herrlich unausweichlich und gleichzeitig derart abstrakt, dass, wie Wolfgang Pohrt bereits 1991 feststellte, es ein Missverhältnis geben muss zwischen der Untergangsangst und der konkreten Befürchtung, selbst betroffen zu sein: Je abstrakter der Inhalt der Untergangserwartung ist und je ferner die Behauptung dem Erfahrungs- und Vorstellungshorizont eines Normalbürgers liegt – von der möglichen eigenen Krebskrankheit kann man sich vielleicht noch eine Vorstellung machen, vom Weltuntergang nach der Klimakatastrophe kaum –, desto größer wird also einerseits die Zustimmung sein, die sie erntet, und desto geringer ist andererseits einstweilen noch der Zusammenhang zwischen der Untergangserwartung und beliebigen anderen Vorstellungsinhalten. Es scheint, als wäre der Weltuntergang als abstrakte Idee eine lockende Vorstellung für alle, und als träten Differenzen erst bei der Frage auf, wie weit man mit der Realisierung gehen und welchen Preis man dafür zahlen möchte.[…] Die Untergangsangst – oder besser: Untergangsangstlust – aber, die sich zunächst an Radioaktivität geklammert, dann an den Sauren Regen gebunden, danach auf die Mittelstreckenraketen verschoben und alsbald auf das Ozonloch verlagert […]. Die „Klimakatastrophe“ ist dabei die abstrakteste Form der Untergangsphantasie, eine, die nicht allein von Bildern verhungernder Eisbären, schmelzender Gletscher oder von Wetteranomalien bedient werden kann. Vielmehr gilt hier Benjamins Diktum, dass es so weitergehe, sei die Katastrophe: jedenfalls für viele Mittelschichtsjugendliche Westeuropas, die die eigenen mauen Lebensaussichten in die Welt und aufs Klima projizieren und sich gegen die Erwachsenen zusammenschließen, denen sie die Schuld an der Kläglichkeit ihrer Zukunftsaussichten geben. Der Hype um Greta Thunberg und den von ihr inszenierten Klima-Schulstreik gibt dieser diffusen Angst eine Richtung.“

Die Reduktion der Klimabewegung auf eine „Untergangsangstlust“ verkennt die reale Gefahr, die sich hinter dem abstrakten Begriff „Klimawandel“ versteckt. Sinnvoll wäre es darauf hinzuweisen, dass durchaus eine Notwendigkeit besteht die Ursachen und Folgen des Klimawandels differenziert darzustellen, um vom Abstrakten zum Konkreten zu gelangen und damit Ansatzpunkte für politische Lösungen zu finden. Die lahme Kritik vorausahnend, haben die Kids hinter FFF das geschafft, wofür ihre Eltern viele Jahre gebraucht haben: Einen Forderungskatalog vorgelegt, in dem auf halbwegs konkrete Lösungsvorschläge eingegangen wird, ohne die soziale Dimension der Forderungen zu vergessen. Der Luxus sich um Probleme wie den Klimawandel zu kümmern, zeugt weniger von „kläglichen Zukunftsaussichten“, sondern eher vom Aufwachsen in einer Wohlstandsgesellschaft, welche zur Zeit (noch) Raum und Wissen für derartige Probleme bereitstellt und damit einen zusätzlichen Beweis liefert, dass die Beherrschung der Natur um des Fortschritts Willen selbstverständlicher Alltag für die Schüler*innen ist, auch wenn dies dazu führen kann, dass Wissen über die Funktionsweise des Kapitalismus und damit die richtige Einordnung der Klimakatastrophe in die kapitalistische Gesellschaftsordnung fehlt. Auf dieses Fehlen hinzuweisen wäre Aufgabe der Ideologiekritik, nicht die umfassende Denunziation der Proteste.

„Das wohlige Grausen, das sich einstellt, wenn Greta, wie sie von allen genannt wird, vor der „Wirtschaftselite der Welt“ in Davos zu „Panik“ aufruft und im Namen ihrer Generation den Erwachsenen scheinbar die Gefolgschaft entzieht, hat eher mit der Figur des Racheengels als mit der einer jugendlichen Aktivistin zu tun, die sich selbstbewusst Öffentlichkeit verschafft. […] Die Vermarktung ihres Asperger-Autismus macht Greta zudem immun gegen eventuelle Kritik. Ihre Diagnose hat sie zur Herrscherin über ihre Familie gemacht, und nun tritt sie so, wie sie ihren Eltern gegenübertrat, auch der Öffentlichkeit gegenüber auf. Begründen muss sie das nicht, denn: „Ich sehe die Welt etwas anders, aus einer anderen Perspektive. Ich habe ein besonderes Interesse. Es ist sehr üblich, dass Menschen im Autismus-Spektrum ein besonderes Interesse haben.“ […] Freilich kann es nicht darum gehen, sich über Greta lustig zu machen oder sie einfach als ideologisch verblendet zu denunzieren, wie es vielfach auch in ideologiekritischen Kreisen geschehen ist. Wem noch nicht jedes Scham- und Mitgefühl abhandengekommen ist, der sollte sich eher fragen, was es bedeutet, wenn ein 16-jähriges Mädchen mit schweren psychischen Problemen, dem ihre Eltern einreden, ihr Zustand sei nun einmal Schicksal, zur öffentlichen Figur wird. […]

Im deutschen Manual für die Diagnostik heißt es allgemein: „Die Kernsymptome von Autismus-Spektrum-Störungen umfassen altersunabhängige Defizite in der sozialen Interaktion und Kommunikation […]. Eingeschränkte, repetitive Verhaltensweisen, Interessen oder Aktivitäten umfassen Spezialinteressen, ritualisierte Tagesabläufe und eine starke Abneigung gegenüber Veränderungen der eigenen Lebensumstände. Diese Phänomene müssen von frühester Kindheit an bestehen und bleiben lebenslang präsent.“ Charakteristisch ist ein ausgeprägter Mangel an Empathie, das heißt am Erkennen von Gemütszuständen anderer, gepaart mit einem Unverständnis der Reaktionen andere […]. Dass „Menschen im Autismus-Spektrum“ nunmehr nicht als behindert oder krank gelten wollen, hat mit der exorbitanten Zunahme von diagnostizierten und selbstdiagnostizierten Fällen von Asperger-Autismus zu tun. […]

Das […] hat einen hohen Grad sozialer Anpassung erreicht, die es ihr ermöglicht, sich in der Öffentlichkeit zu präsentieren. Sie will das sicher selbst auch, aber inwieweit sie ihre öffentliche Wirkung selbst einschätzen und bestimmen kann, muss dahingestellt bleiben. Als Figur präsentiert sie une sauvage – eine Wilde – im Sinne Rousseaus, die, eben weil sie „anders“ ist, eine unbequeme Wahrheit geradeheraus auszusprechen vermag, und als solche ist sie im unerklärten Krieg der europäischen Mittelschichten gegen die Armen und Verwahrlosten eine unschätzbar kostbare Waffe. Denn so aggressiv, anklagend, vernichtend gar ihre Worte sind – ihnen fehlt die Leidenschaft, und das scheint es zu sein, was viele ihrer Altersgenossen mobilisiert, die sich durch einen ähnlichen Mangel an Empathie, insbesondere gegenüber der Elterngeneration, auszeichnen.

Anstatt bei der Aussage: „Freilich kann es nicht darum gehen, sich über Greta lustig zu machen oder sie einfach als ideologisch verblendet zu denunzieren, wie es vielfach auch in ideologiekritischen Kreisen geschehen ist.“ zu belassen, schöpft der Autor, selbst ausgebildeter Psychoanalytiker, das volle Arsenal an pseudanalytischer Psychologie aus, um Greta Thunberg, nicht direkt, sondern durch die Darstellung ihrer Krankheit als schwerwiegende Störung, anzugreifen und ihren Aktivismus damit zu diskreditieren. Warum eine seitenlange Auseinandersetzung mit ihrer Krankheit oder Art zu Sprechen zielführend sein soll, darüber erfährt die Leserin nichts. Eine solche Pathologisierung von durchaus diskutablen Positionen zeugt nicht nur von fehlendem Anstand, den der Autor fälschlicherweise für sich beansprucht, sondern auch von einem falschen Verständnis von Ideologiekritik, welche ansonsten stets darauf bedacht ist, dass nur das Argument und niemals der Sprechort einer Person zähle, falls sie selbst einmal unter Beschuss gerät. Gerade in einem gesellschaftlichen Klima, in dem Greta Thunberg aufgrund ihres Autismus von ihren Eltern glorifiziert und von  Rechten angegangen wird, wäre es die Aufgabe einer antifaschistischen Linken Denuanziationen und Vereeinnahmung gleichsam in die Schranken zu weisen, statt in die gleiche Kerbe zu schlagen. Warum die europäische Mittelschicht einen Krieg gegen die Armen führt bleibt immer noch offen. Vielmehr ist Klimaschutz ein Kampf für die Lebensbedingungen aller Menschen, der damit auch sozial-integratives Potenzial aufweist.

„Autistoide Emotionslosigkeit ist es, was den gesamten halbgaren Klimaprotest charakterisiert. […] Von Streik oder Protest könnte keine Rede sein, wäre da nicht die Angst der Eltern vor der Rache ihrer Kinder. Es ist keineswegs Radikalität oder Konsequenz, die deren Protesten Bedeutung verschafft, vielmehr ist es schlechtes Gewissen und schiere Angst, dass alle Kinder so sein oder werden könnten wie Greta – und wo die Angst ist, ist der Wunsch nicht weit. […] Diese Leidenschaftslosigkeit in der Abrechnung mit den Altvorderen war auch den Nationalsozialisten eigen, und ohne historische Parallelen allzu sehr strapazieren zu wollen, ist es doch auffällig, dass vor allem jüdische Vertriebene ausdrücklich das jugendlich-revolutionäre, aber dennoch vollkommen leidenschaftslose Element der nationalsozialistischen Machtübernahme thematisiert haben, und zwar nicht zuletzt in Horror- und Gruselfilmen, die die Möglichkeit bieten, eigene Phantasien zu visualisieren. […] Die Verleugnung dieses Gefühls, dem Sigmund Freud sich in der historischen Wirklichkeit bis zur letzten Minute widersetzt hat: dass da eine Generation heranwächst, die mit der Generationenfolge aufräumt, weil sie glaubt, nur die Vernichtung der Eltern könne ihre Zukunft sichern, hat vielen anderen das Leben gekostet, weil sie für sie eine Denkunmöglichkeit darstellte. Heute scheint die Lage anders zu sein: Seit Jahrzehnten sinkt der Lebensstandard der Mittelschichten, und deren Kinder ahnen, dass sie keineswegs den ihrer Eltern erhalten oder übertreffen werden. Den Verzicht ökologisch zu rationalisieren, als eigene Wahl darzustellen, hilft dabei, sich der Enttäuschung zu entziehen, dass es die Eltern nicht richten können, dass sie ebenso ohnmächtig sind wie man selbst und einem lediglich Bildungschancen und Beziehung anbieten können. […]

Es kann also vermutet werden, dass in der neuesten Weltuntergangsbewegung erstens die Notwendigkeit des versorgenden äußeren Objekts, zweitens die ödipale Triangulierung sowie die Generationenfolge und drittens die Tatsache des Vergehens der Zeit und der eigene Tod geleugnet werden soll. Dass dies zwangsläufig einhergeht mit dem Ansteigen der Judenfeindschaft hat einen banalen Grund, den schon Pohrt benannt hat: „Was beispielsweise die Juden und das Ozon miteinander verbindet ist die Tatsache, daß ein Durchschnittsdeutscher [bzw. Durchschnittseuropäer, Anm. TK] beide nur vom Hörensagen kennt. Das Gerede vom ozonlochbedingten Weltuntergang wie die Parole ‚Die Juden sind unser Unglück‘ müßte er daher für zumindest abseitig und verstiegen, wenn nicht blödsinnig halten, unter der Bedingung jedenfalls, daß er nach Maßgabe seiner eigenen Erfahrungen und seines eigenen Verstandes urteilt. Ganz unabhängig also vom Inhalt oder vom Wahrheitsgehalt der Klimakatastrophenprognose ist festzustellen, daß die Bereitwilligkeit, sie zu glauben, sich in keiner Weise von der Empfänglichkeit für den Glauben an eine jüdische oder sonstige Gefahr unterscheidet. […]

Dass der Lebensstandard der Mittelschicht sinkt und die Kinder ahnen, dass sie den Standard ihrer Eltern nicht erhalten oder übertreffen werden, ist eine relativ sichere Tatsache. Genauso ist es aber auch eine Tatsache, dass der Klimawandel nicht nur den Lebensstandard, sondern gleich die ganze Existenz der heutigen und zukünftigen Kindergeneration bedroht. Dies zu verleugnen kommt der Leugnung des Klimawandels und damit einer der billigsten Verschwörungstheorien gleich. Jegliches Denken, was über die eigene Erfahrung hinausgeht, als blinden Glauben zu diffamieren und damit auch noch antisemitische Vernichtung zu assoziieren, ist nur eine Fortsetzung des pseudopathologischen Geblubber. Vielmehr könnte die Fähigkeit zur Abstraktion auch als Voraussetzung dafür verstanden werden, Denken und Handeln so einzurichten, dass Auschwitz nie wieder sei, was sich auch in der, von Anfang an klar antifaschistischen und globalen Ausrichtung von FFF widerspiegelt. Im Vergleich zu anderen reformistischen Bewegungen, wie den Anti-TTIP Protesten sind antisemitische oder verschwörerische Positionen innerhalb der FFF-Bewegung extrem selten, was nicht über die Notwendigkeit einer entsprechenden Kritik hinwegtäuschen soll. Weiter hält die Aussage, dass ein Durchschnittsdeutscher Juden und Ozon nur vom Hörensagen kennt, einer empirischen Überprüfung nicht ansatzweise stand. Jüdisches Leben war in der Weimarer Republik alltäglich und vielleicht gerade einer Bedrohung ausgesetzt, weil der deutschen Bevölkerung die Fähigkeit zur kritischen Abstraktion fehlte, nämlich das Kapitalverhältnis mit seinem Fetischcharakter zu entschlüsseln. Und auch viele Indikatoren des Klimawandels wie Gletscherschmelze oder ein verfrühtes Winterende, was dieses Jahr in Deutschland unmittelbar zu bemerken war, sind weder abstrakt noch schwierig zu interpretieren.

Verzicht ökologisch zu rationalisieren, als eigene Wahl darzustellen, ist ein Kritikpunkt der ausgehend von den Forderungen von FFF ins Leere läuft, denn hierbei handelt es sich ausschließlich um politische Vorschläge, die zwar innerhalb der Marktlogik verhaftet bleiben, keinesfalls aber zu persönlich-freiwilligem Verzicht aufrufen und damit auch keine klassische Konsumkritik darstellen. Viel eher könnte man die mangelnde Bereitschaft von Klimakritiker*innen zu Selbigem als unauthentisch kritisieren, so fliegen Grünen-Wähler*innen z.B. am meisten [2]. Trotzdem muss die Marktlogik mitsamt der davon ausgehenden Gefahr, die Schranken des Kapitalismus für die Beseitigung der Klimaerwärmung zu verkennen, aktiv kritisiert werden.

„In Konkret beschwert sich wie immer schwer kritisch Bernhard Torsch:
“Die besondere Niedertracht in der Wortwahl, die bis zu subtilen Vernichtungsdrohungen reichte, liegt gerade im Falle Thunbergs an der Schwere ihres Vergehens, nämlich der Leistungsgesellschaft mit Leistungs- und der Konsumgesellschaft mit Konsumverweigerung zu drohen.”
Anders als an Donald Trump nimmt an Greta niemand eine Ferndiagnose vor – das Problem ist ja vielmehr, dass sie und ihre Eltern die Diagnose wie ein Schutzschild vor sich hertragen. Interessant aber ist Torschs Absage an den Fortschritt: Die Formulierung, „eine auf ewiges Wachstum ausgerichtete Wirtschaftsform in einer Welt mit begrenzten Ressourcen“ legt nahe, es gehe einzig um Verzicht: jenen Verzicht, den Greta über sich und ihre Familie oktroyiert hat. Dass Greta andererseits mit neuesten Elektroautos (die sich kein bulgarischer Familienvater leisten kann, der deswegen ein Dieselauto aus Deutschland oder Österreich billig kaufen muss) von ihrem Vater um die Welt gefahren wird und selbst über Twitter kommuniziert; dass also Greta keineswegs Konsumverweigerung betreibt, das muss ihm entgehen, weil noch in jedem deutschen Linken (auch wenn er ein eingeborener Österreicher ist) ein Feind des Fortschritts schlummert. Da ist sogar Greta, selbst wenn sie es von sich selbst nicht wissen will, fortschrittlicher. […] Die eigenen Mordgelüste werden im wahrsten Sinne des Wortes in die Luft projiziert, deren Opfer man wird und gegen die man sich mit allen Mitteln zur Wehr setzen kann; jeder hat seinen privaten Holocaust zu gewärtigen. […] Die Schönheit und Bitterkeit der unmittelbaren Auseinandersetzung mit der äußeren Natur ist der Aussichts- und Sinnlosigkeit der Befassung mit der inneren Natur gewichen.”

Dass die Familie die Krankheit von Greta wie ein Schutzschild vor sich herträgt, sollte, wie bereits angeführt, kritisiert werden, anstatt in das selbe Horn zu blasen. Eine Ferndiagnose nimmt der Artikel nämlich nicht nur an Greta, sondern an der gesamten ökologischen Bewegung vor. Aus dieser miesen Nummer hilft auch der obligatorische Verweis auf die erhellende Kraft der Sozialpsychologie nicht mehr heraus. Der „Leistungsgesellschaft mit Leistungs- und der Konsumgesellschaft mit Konsumverweigerung zu drohen“, ist ein Anliegen, das als Elternmord oder Fortschrittsverweigerung betitelt wird. Der Elternmord ist eine mehr als fragwürdige Figur, ist es doch vielmehr so, dass die Elterngeneration in Gestalt der Wissenschaftler*innen und Pädagog*innen erst das Wissen hervorgebracht und vermittelt hat, was den Klimaprotesten der Kinder zugrunde liegt. Beobachtet man die Proteste, ist die Kritik an der infantilen Ausdrucksweise und dem Auftreten einiger Ortsgruppen berechtigt. Zu dieser Ausdrucksweise gehört neben dem Event- und Mitmach-Charakter der Demonstrationen vor allem ein fehlendes Verständnis für ernsthafte Kritik, welche sich auf valide Informationen stützt und über platte Parolen wie “Es gibt kein Recht auf Kohlebaggerfahren” hinausgeht.

Ein Protest, ein Streik, ist er auch noch so gut ins Schulsystem integrierbar, der sich den Forderungen der bürgerlichen Gesellschaft entgegenstellt, bietet gerade die Empörung und das hier entstehnde Interesse an Politik einen Ansatzpunkt für das Verständnis der ökonomischen Grundlagen unserer Gesellschaft. Die Streikenden werden sich dem Leistungsdruck bewusst, der aufgrund des “Schwänzen” schon nach kurzer Zeit, aus allen politischen Lagern, auf sie einprasselte. So unwichtig das allfreitagliche Fehlen aus einer neutralen Perspektive erscheinen mag, die Politiker*innen haben die Gefahr erkannt, ihre Kinder könnten das auf sozialer Ungleichheit basierende Gesellschaftssystem durchschauen, welches unsere Lebensgrundlagen zu Grunde richtet. So ist es kein Wunder, dass sich auch innerhalb der Bewegung schon antikapitalistische Positionen formieren, die es zukünftigt unbedingt zu unterstützen gilt [8]. Wenn der Elternmord der Mord am Kapitalismus ist, so soll er geschehen. Denn diese Art von „Elternmord“ wird durch viele Erziehungsberechtigte und Wissenschaftler*innen schon jetzt aktiv unterstützt. Hoffnung geben vor allem die begleitenden Bewegungen der Scientist oder Parents for Future oder die Beteiligung von radikal Linken Gruppen an den Protesten. Das ökologische Bewusstsein der deutschen Gesellschaft, auch wenn momentan teilweise in Denkmustern gefangen ist, die dem Antisemitismus nahestehen, darf nicht als sozialdarwinistisch abgeschrieben werden, vielmehr sollte es als Anschlussmöglichkeit für antikapitalistische und antifaschistische Interventionen begriffen werden, die dabei helfen, die verkürzte Kritik überwinden. Die Gefahr zu bannen, indem gerade die Fähigkeit, über die eigene soziale Lage hinaus zu abstrahieren, gestärkt wird, bietet gleichzeitig eine Chance für gesellschaftlichen Fortschritt. Eine anmaßende und pathologisierende Kritik aus der Ferne verstärkt indes eher die Abwehrhaltungen und damit theorie- und elitenfeindliche Diskurse innerhalb der Bewegung.

Anmerkungen
[1] https://www.welt.de/wissenschaft/umwelt/article116257496/Der-Mensch-schafft-ein-praehistorisches-Klima.html

[2] https://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/gruenen-waehler-halten-rekord-bei-flugreisen-a-1002376.html

[3] https://www.neues-deutschland.de/artikel/1118996.fridays-for-future-kein-gruener-reformismus.html