Linke Influencer?

Seit Beginn unseres Projektes vor zwei Monaten haben wir aus unserem persönlichen Umfeld und auch über die sozialen Medien einige Fragen erhalten, die wir spannend finden und auf die wir nach und nach näher eingehen möchten. Im Kern drehen sich viele kritische Nachfragen um die Entscheidung die eigene Internetpräsenz vor allem auf Instagram, statt auf Facebook oder nur auf einem eigenen Blog, zu realisieren.

Da Instagram im Vergleich zu Facebook keine langen Textbeiträge erlaubt, fürchten viele Linke, dass sie durch ihre Partizipation den oberflächlichen und von kurzen Aufmerksamkeitsspannen geprägten Social-Media-Trend unterstützen. Dieser Trend, welcher immer mehr Jugendliche auf der Suche nach Anerkennung dazu verleitet, stundenlang in einer schnelllebigen und durch Algorithmen individualisierten Scheinrealität zu verharren, bildet auf gesellschaftlicher Ebene den Gegenpol zum autoritären Rechtsruck, der seinerseits die Gemeinschaft überbetont. Durch die Über-Identifikation mit oberflächlichen Vorbildern ist Enttäuschung quasi vorprogrammiert. Nur führt die Enttäuschung für die Jugendlichen nicht zu einem inneren Konflikt, dem mit einer Veränderung des Verhaltens oder kollektiver Revolte gegen die Zwänge ihrer Lebensrealität begegnet wird. Viel eher wird die Enttäuschung und die fehlende Aufmerksamkeit auf den eigene Medienkanälen in identitätspolitische Praxen kanalisiert, die das eigene Selbst zur absoluten Autorität erheben. Die Postmoderne Kultur hat mit den sozialen Medien eine Extremform der von Adorno als „Kulturindustrie“ beschriebenen Massenkultur zum wichtigsten öffentlichen Kommunikationsmedium erhoben. Nahezu die gesamte gesellschaftskritische Kultur ist den kulturindustriellen Waren gewichen. Egal wie intellektuell und tiefgründig sich die Videos und Fotos der Influencer auch präsentieren, sie sind ökonomische Angebote zur Sicherung des Lebensunterhalts, weswegen sie für die maximale Verbreitung gestaltet werden. Die Plattformen, insbesondere Instagram, unterstützen diese in der Warenförmigkeit schon angelegte Angepasstheit, die sich nicht selten durch einen Pseudoindividualismus äußert, dadurch, dass Ähnliches in den Vorschlägen landet, während Verschiedenes vom User abgeschirmt wird.

Aus diesen Erkenntnissen ergeben sich zwei mögliche Schlussfolgerungen: Man könnte argumentieren, dass durch den Zuschnitt der Plattformen auf die Warenförmigkeit der angebotenen Medien ein politisches Nutzen für die Linke aussichtslos sei. Zum einen durch den daraus erwachsenden strukturellen Nachteil, zum anderen durch das Desinteresse und die fehlende Intellektualität der Nutzer*innen. Adorno verweist auf die Gefahr, „dass die Individuen gar keine [Subjekte mehr] sind, sondern bloße Verkehrsknotenpunkte der Tendenzen des Allgemeinen“ werden [1]. Es wird befürchtet, dass die Fähigkeit der Reflexion und damit die Möglichkeit gesellschaftlicher Veränderungen in der kapitalistischen Gesellschaft allmählich verloren geht. Allerdings merken Adorno und Horkheimer auch an, dass viele Konsument*innen durchaus über Defizite der Kulturindustrie Bescheid wissen [2]. Kulturindustrie ist somit weder als Beschimpfung der teilnehmenden Massen gedacht, noch postuliert sie ein gegensätzliches Verhältnis von hoher Kunst und billiger Massenverdummung [3].

In Gänze stellen die Überlegungen vielmehr heraus, dass alle öffentlich-kulturellen Veranstaltungen und Werke der markttypischen Konkurrenz ausgesetzt sind, auch wenn sie als etwas rein Ästhetisches präsentiert werden. Kulturindustrie als Begriff beschreibt die Form der Produktion von kulturellen Waren im Kapitalismus und keinen gesellschaftlich abgegrenzten Bereich. Diese Widersprüche und Defizite innerhalb der kulturindustriell verwalteten Gesellschaft können sichtbar gemacht werden, womit das Verständnis für die ökonomischen Bedingungen der kapitalistischen Gesellschaft und damit die Möglichkeit ihrer Überwindung gestärkt wird.

Vor allem im Fall von Instagram bieten sich Vorteile für linkes Engagement, welche ungenutzt bleiben, wenn aus der berechtigten Kritik an der Kulturindustrie die Schlussfolgerung gezogen wird, dass der gesellschaftliche Einfluss von Social-Media durch Wegsehen und eine Nicht-Teilnahme rückgängig gemacht werden könnte. Viel eher sollte sich die Erkenntnis aufdrängen, dass der reine Selbstbezug, der auf linken Vorträgen, Barabenden und Demonstrationen herrscht und zu dem auch die krampfhaften Selbstbestätigungsrituale zählen, die sich meist in hitzigen Diskussionen über Nebensächliches äußern, trotz seines analogen Schauplatzes, entweder einen bloß subkulturellen Kreislauf der Selbstbestätigung darstellt und damit gesellschaftlich bedeutungslos bleibt oder sich die Veranstaltungen auch der kulturindustriellen Konkurrenz zwischen Disko und Demo ausliefern müssen, um ein Mindestmaß an Personen zu begeistern.

Der Unterschied und damit auch ein Vorteil in der Nutzung von Instagram besteht gegenüber professionellen Influencern vor allem darin, dass zwischen linken Gruppen und Einzelpersonen aus verschiedenen Regionen und Schwerpunktbereichen keine Konkurrenz bestehen sollte, sodass ein gegenseitiges „Folgen“ schnell für eine hohe Reichweite sorgen kann. Zum anderen kann leicht an (sub)kulturelle Randbereiche angeknüpft werden, um die eigenen Inhalte an Personen zu bringen, die bisher zwar gerne zuhause Punkrock hören, mit politischem Engagement aber nichts zu tun haben. Eine Politisierung kann für die Angesprochenen in einem geschützten Raum stattfinden, was zu weniger sozialem Druck und Ablenkung beiträgt, als wenn Flyer auf einem Konzert verteilt würden. Die einzige Schwierigkeit besteht darin, dass die theoretische Erreichbarkeit in echtes Interesse und später auch in praktisches Engagement umgesetzt werden muss.

Zusätzlich zu der Möglichkeit, die eigenen Inhalte effektiv zu verbreiten, vereint Instagram noch einige weitere Vorteile auf sich:
1. Mit Hilfe einer bereits aktivierten Sim-Karte, einem günstigen Smartphone und einem öffentlichen W-Lan-Netzwerk kann Instagram anonym betrieben und schnell eingerichtet werden. Es ist bisher keine Verknüpfung mit einem anderen Social-Media-Profil notwendig. Auch Kontrollfotos, wie mittlerweile auf Facebook üblich, sind bisher nicht nötig.

  1. Längere Texte müssen aufgrund der Zeichenbegrenzung zwar extern verlinkt oder als Bild hochgeladen werden, d.h. alle Interessierten müssen ggf. auf eine weitere Seite, z.B. einen Blog, zugreifen. Dies bietet aber auch eine bessere Kontrolle über die eigenen Daten. Videos und Bilder, bisher viel zu selten genutzte Medien, können allerdings direkt präsentiert werden. Das könnte die Motivation steigern, mit der Nutzung von verschiedenen Medien die eigene Authentizität zu erhöhen, indem Zuschauer*innen gezeigt bekommen, dass hinter den oftmals abstrakten Inhalten echte Personen stehen und diese vielleicht auch noch sympathisch sind. Bilder können zum Beispiel auch in Form von Infografiken gestaltet werden, in denen Informationen verständlich vermittelt werden. Dies ermöglicht einen niedrigschwelligen Zugang zu einem Publikum, welches die Inhalte aufgrund von fehlender Zeit oder mangelndem Interesse ansonsten gar nicht wahrnehmen würde. Diese Infografiken werden bisher v.a. durch Sportkanäle genutzt, die unter den vereinfachten Grafiken weiterführende Quellen (zum Beispiel eine eigene Homepage) verlinken.

Die Neue Rechte, v.a. die Identitären Bewegung, oder Aktivist*innen aus dem Critical Whitness Bereich, nutzen die Wirkung, die mit öffentlichkeitswirksamen Inszenierungen ihres Aktivismus erzielt werden kann, besser. So vermarkten große Medien oftmals unabsichtlich Inszenierungen, an denen in der Realität nur wenige Personen beteiligt waren, als Großereignisse, während der Aktionismus der Linken meist nur dann wahrgenommen wird, wenn es zu ausufernder Gewalt kommt. Ein aktuelles Beispiel ist der hauptsächlich mediale Protest gegen die „Kopftuchkonferenz“ an der Frankfurter Universität. Eine winzige Gruppe von Studierenden wirft einer renommierten Professorin Rassismus vor und macht durch geschickte Inszenierung und die anschließende Rezeption in regionalen und überregionalen Medien eine große Sache daraus [4]. Wesentlich verantwortlich war der inszenierte Instagram-Shitstorm. Demgegenüber findet sich von der kraftvollen Demonstration gegen die Wahlfeierlichkeiten der hessischen AfD im Herbst 2018, an der über tausend Personen teilnahmen, nur ein einziges Video auf Youtube, welches von RT-Deutsch veröffentlicht wurde und die wirkliche Intensität des Protests nicht annähernd wiedergibt.

  1. Instagram bietet die Möglichkeit, Bilder von Veranstaltungen, Demonstrationen und ähnlichem schnell und übersichtlich zu teilen. Die dafür praktischerweise zu nutzenden Hashtags haben sich von Twitter aus mittlerweile auch auf Instagram etabliert, sodass auch hier mit bestimmten Wort- und Zahlenkombinationen Veranstaltungen mit aktuellen Hinweisen versorgt und koordiniert werden können. Zusätzlich erlaubt das Verwenden von Hashtags auf öffentliche Debatten Bezug zu nehmen und so die Aufmerksamkeit für eigene inhaltliche Beiträge zu erhöhen.

Um unserem eigenen Anspruch gerecht zu werden, werden die nächsten Beiträge zusammen mit Gruppen und Personen aus angrenzenden Themenbereichen und Subkulturen gestaltet, die auch auf Instagram vertreten sind. Die Präsenz von linken Strukturen ist erschreckend niedrig, daher laden wir alle Interessierten dazu ein den Schritt auf Instagram zu wagen und Kontakt zu uns aufzunehmen, wenn ihr ebenfalls daran interessiert seid, dem postmodernen Treiben auf Social-Media durch Intervention etwas entgegen zu setzen!

Edit: Da wir darauf hingewiesen wurden, dass Twitter seine 160 Zeichen Sperre aufgehoben hat und dadurch wieder etwas populärer geworden ist, haben wir diesen Teil des Textes angepasst und uns dafür entschieden auch Twitter mal auszuprobieren. Ihr findet uns in Kürze dort.

[1] Max Horkheimer & Theodor W. Adorno (1947): Dialektik der Aufklärung, Amsterdam: 184.

[2] Max Horkheimer & Theodor W. Adorno (1947): Dialektik der Aufklärung, Amsterdam: 145.

[3] Heinz Steinert (2007): Das Verhängnis der Gesellschaft und das Glück der Erkenntnis. Dialektik der Aufklärung als Forschungsprogramm, Münster: 134.

[4] Artikel auf Zeit.de & Artikel der Frankfurter Rundschau