Linke (Kampf-)Sportvereine in Deutschland

Nach längerer Anlaufzeit und ein paar kleinen Abstimmungsschwierigkeiten präsentieren wir euch heute einen Beitrag, der in Zusammenarbeit mit dem Kampfsportstudio Attitude Sports aus Neubrandenburg entstanden ist. Die hilfsbereiten Genoss*innen haben Fragen rund um Sport, Kampfsport und ihr Studio beantwortet und sind, genau wie wir, der Meinung, dass es mehr von diesen Trainingsmöglichkeiten geben sollte.

Sportverein? – Selbst aktiv werden!
Das Gym von Attitude Sports wurde als diy Konzept gegründet. Das bedeutet, dass die Arbeit ehrenamtlich erfolgt und jeglicher Gewinn wieder in Equipment und Seminare gesteckt wird. Grundlage war eine Gruppe, welche Bock auf Kampfsport und keine Angst hatte etwas zu riskieren, um sich den Traum vom eigenen Trainingscenter zu erfüllen. Als wichtigster Tipp, der zum Nachmachen anregen soll, haben sie uns daher „machen, machen, machen“ mit auf den Weg gegeben!

Ist eine Gruppe gefunden, mit der man sich auf ein Trainingskonzept einigen kann, dann steht man vor den zwei größten Hürden für einen eigenen Sportverein: Trainer*innen und Räumlichkeiten finden. Empfehlenswert ist es bei bestehenden Vereinen/Studios und in den sportwissenschaftlichen Fakultäten von Hochschulen und Universitäten nach Personen zu suchen, die noch Erfahrungen als Trainer*in sammeln möchten, ohne dafür ein großes Honorar zu verlangen. Während der Übergangszeit können sich Leute aus der Gruppe ausbilden lassen oder man hat schon sehr erfahrene Sportler*innen an Board, die auch ohne Schein übergangsweise ein Training geben oder sich gegenseitig trainieren können. Um Räumlichkeiten zu finden eignen sich in großen Städten in erster Linie Hausprojekte, die in der Regel Kellerräume haben, welche man zu Sporträumen umfunktionieren kann. Judovereine bekommen in regelmäßigen Abständen neue Matten, die Alten kann man ggf. sogar umsonst bekommen, um den Boden auszukleiden, nachfragen ist auf jeden Fall kostenlos. Viele Sportarten können im Sommer zunächst auch draußen trainiert werden. Das nötigste Equipment, was im Bereich Kampfsport schon eine ganze Menge sein kann, ist aber Voraussetzung. Sinnvoll ist es auf gebrauchtes Material (aus der Gruppe) zurück zu greifen oder im Internet nach günstigem Equipment zu suchen. Vor allem auf Facebook gibt es Gruppen in denen (Kampf-)Sportequipment günstig verkauft wird. Grundsätzlich können die Materialien auch Stück für Stück erweitert werden, am Anfang genügt in der Regel ein Mundschutz und Handschuhe für jede Person und ein Satz Pratzen für zwei. Andere Sportarten können ggf. sogar nur mit einem Ball oder zunächst ganz ohne Equipment ausgeführt werden.

Bestehende Strukturen
Offiziell linke Vereine gibt es in Deutschland bisher extrem wenige, der Rote Stern Frankfurt ist ein Gegenbeispiel, hier gibt es verschiedene AG´s, in denen man preisgünstig mitmachen kann. Das Projekt zeigt, dass eine Anerkennung durch Sportverbände auch mit einem alternativen Vereinskonzept möglich ist. Im Bereich Kampfsport wird in nächster Zeit noch das Redore Gym in Halle eröffnet werden, welches sich durch Crowdfunding eine Basis schaffen möchte. Wenn ihr noch mehr offizielle dezidiert linke Sportvereine und vor allem Kampfsportstudios kennt, schreibt uns gerne und wir werden diese auf unserer Seite ebenfalls aufführen!

Zusätzlich gibt es im Kampfsportbereich aber in einer Menge Städte Trainingsgruppen, diese bleiben aber meistens privat. Diese Lösung ist ebenso gut, denn letztendlich geht es um den Sport.

Ein Plädoyer für den Sport
Die nachfolgenden Ausführungen sollen nicht dazu animieren Menschen zu verurteilen, die keine Lust auf Sport haben oder aus verschiedenen Gründen nicht dazu in der Lage sind sich körperlich effektiv zu verteidigen. Vielmehr sollen Vorteile eines sportlich aktiven Lebensstils aufgezeigt werden, um die eigenen Einstellungen zu hinterfragen. Egal für welche Sportart man sich vielleicht interessiert, körperliche Bewegung ist nicht nur gesund, sondern bietet eine ganze Reihe an weiteren Vorteilen. Sport, richtig angeleitet, fördert das eigene Selbstbewusstsein und die Körperwahrnehmung. Diese Fähigkeiten können im Alltag extrem nützlich sein. Vor allem in linken Zusammenhängen geht es oft darum seine eigenen Grenzen für direkte Aktionen, Demonstrationen oder Veranstaltungen einschätzen zu können, um sich selbst und andere nicht zu gefährden. Eine verbesserte Fitness ist gleichzeitig für das Gelingen von vielen Vorhaben notwendig oder zumindest nie abträglich. Zudem bietet ein sportlicher Rahmen eine Gelegenheit, um neue Leute kennen zu lernen und sich auszutauschen. Überregionale Veranstaltungen, die durch offizielle Vereine realisiert werden (können), bieten Raum für Vernetzung zwischen Gruppen und Vereinen, wodurch Möglichkeiten entstehen sich auch gegenseitig zu unterstützen und bei Gründungsvorhaben anzuleiten. Die Verbindung der sozialen und körperlichen Komponente des Sports kommt insbesondere Menschen zugute, die an psychischen Erkrankungen leiden und von denen gibt es in einer Szene, die sich tagtäglich mit dem Abgrund der menschlichen Gesellschaft beschäftigt, wie wir alle wissen oder sogar selbst betroffen sind, genug [1].

Kampfsport als Selbstschutz
Der größte Vorteil von Kampfsporttraining ist aber der Selbstschutzfaktor. Nazis trainieren fast alle in (eigenen) Kampfsportvereinen. Sich verteidigen zu können kann daher für keinen Linken ein Nachteil sein. Allein die Existenz von linken Kampfsportgruppen hat einen Abschreckungsfaktor, ein paar unangenehme Erfahrungen können diesen leicht verstärken, wenn Rechte merken, dass die Zecken sich verteidigen können, dann kann das ausreichen, um erneute Angriffe zu verhindern und so Personen zu schützen, die es nicht können. Dies gilt aber leider auch andersherum. Nazis körperlich anzugreifen ist sicherlich möglich und nicht jede*r von ihnen ist MMA-Profi, trotzdem sollten die eigenen Fähigkeiten nicht überschätzt werden. Nur weil man ein paar Monate in einem Kampfsportstudio trainiert, heißt das nicht automatisch, dass man jeden Straßenkampf gewinnt. In einer kontrollierten Situation, ohne echte Gefahr, ohne Waffen etc. im Gym zu kämpfen ist etwas völlig anderes als eine wüste Straßenschlägerei! Die unkontrollierte Situation kann neben der Eigengefährdung auch dazu führen, dass dem Gegenüber Verletzungen zugefügt werden (müssen), welche nicht beabsichtigt waren. Zum einen können unvorhergesehene rechtliche Konsequenzen folgen, zum anderen müssen die Folgen auch auf einer psychischen Ebene toleriert werden!

Demgegenüber wollen wir alle Menschen ermutigen sich in Situationen, in denen sie sich bedroht fühlen, konsequent selbst zu verteidigen und nicht zu warten bis es zu spät dafür ist. Die BGH Urteile im Bereich des deutschen Notwehrrechts zeigen, dass eine Verteidigung mit dem mildesten Mittel erfolgen soll, was dennoch eine gleichwertige Zuverlässigkeit aufweist [2]. Auch wenn im Einzelfall ein Gericht über den Fall entscheidet, ist eine einfache körperliche Verteidigung, entgegen dem oftmals vorherrschenden Irrglauben, zum Beispiel schon gegen eine verbale Bedrohung gerechtfertigt, wenn nicht damit zu rechnen ist, dass eine Flucht oder verbale Antwort zum gleichen Erfolg führt. Grundsätzlich ist es natürlich zu empfehlen, Situationen verbal zu deeskalieren, sollte diese Taktik keine Wirkung zeigen und ist eine Flucht nicht möglich oder gefährlich, dann muss mit der Verteidigung nicht gewartet werden, bis man selbst körperlich angegriffen wird!

Auf der Suche nach einem Kampfsport-Gym
Gibt es in der Gegend (noch) keine linke Trainingsgruppe, so hindert die Unwissenheit oder Angst vor einem Einstieg in einen kommerziellen Verein viele Linke am effektiven Kampfsport-Training. Daher wollen wir nachfolgend ein paar Grundregeln an die Hand geben, welche den Einstieg erleichtern.

Grundsätzlich gilt in der Sportwissenschaft das Spezifitätsprinzip. Jenes besagt, dass eine Person in der Sache besser wird, welche trainiert wird. Ist das eigene Ziel sich effektiv verteidigen zu können, dann sollte man also einen Verein auswählen, der eine Kampfsportart anbietet, welche eine reale Auseinandersetzung möglichst gut simuliert. Dazu gehört auch möglichst früh, aber in einer angebrachten Weise ans Sparring heran geführt zu werden. Geeignete Sportarten sind beispielsweise MMA, Boxen, Muay-Thai oder Krav Maga. Insbesondere bei reinen Selbstverteidigungskonzepten ist darauf zu achten, dass die Techniken auch realitätsnah geübt werden. Vor allem Selbstverteidigungs-Wochenendkurse, die in der Regel für Frauen angeboten werden, sind mit Vorsicht zu genießen und vermitteln oftmals ein völlig falsches Bild von realen Auseinandersetzungen und damit eine falsche Sicherheit, die zu Fehleinschätzungen der eigenen Fähigkeiten führt!

Ein Austausch mit der örtlichen Szene kann darüber hinaus auch aufschlussreich sein. Eine gute Gelegenheit ist es auch sich zusammen zu schließen und sich gemeinsam über die möglichen öffentlichen Gyms zu informieren. Die Herausforderung, einen Verein zu finden, in dem man sich auch menschlich wohlfühlt, kann so leichter gemeistert werden. Die Möglichkeit als Gruppe zusammen anzufangen gibt es in der Regel. Aus einer Gruppe heraus lässt sich ein Problem dann auch oft besser ansprechen. Man muss in öffentlichen Studios zum Beispiel oft mit Mackertum rechnen. Sollten im Rahmen der eigenen Recherche Vorfälle bekannt werden, in denen ein Studio systematisch rassistisch agiert oder offen Neonazis toleriert, meldet die Vorfälle bitte an die Initiative Runter von der Matte! – Kein Handshake mit Nazis oder der Recherchegruppe Out of Business aus Brandenburg, welche zurzeit noch keine Möglichkeit bietet online Kontakt aufzunehmen. Auf der Internetseite von „Runter von der Matte“ könnt ihr auch Informationen über Neonazistrukturen in der Kampfsportszene finden, um effektiver die Augen offenhalten zu können. Zudem finden sich rhetorische Hilfen, wenn es um die Argumentation gegenüber Betreiber*innen von Kampfsportvereinen bei den zuvor genannten Problemen geht. Auch schicke Plakate können bestellt werden, welche auf Kampfsportevents oder in den eigenen Hallen aufgehangen werden können, um Nazis sofort zu signalisieren, dass sie fehl am Platz sind.

Das Spezifitätsprinzip gilt ebenso für das Training an sich. Ist es mein Ziel die eigene Technik zu verbessern, dann ist es unsinnig den Körper mit tausend Liegestützen zu plätten, sodass das Nervensystem keine Bewegungsreize mehr verarbeiten kann. Die Struktur des Trainings sollte daher zu den eigenen Zielen passen. Für eine*n Anfänger*in eignen sich vor allem Vereine in denen die technischen Grundlagen geübt und im Sparring realitätsnah umgesetzt werden. Ausdauer, Kraft und Beweglichkeitstraining ist wichtig, sollte aber am besten getrennt vom eigentlichen Kampfsporttraining oder zumindest nachgelagert stattfinden und nicht über die Hälfte der Trainingszeit einnehmen. Will man zuhause zusätzlich etwas tun, was die Leistung im Kampf unterstützt, eignet sich vor allem athletikfokussiertes Krafttraining, welches sich auf die muskulären Strukturen konzentriert, welche beim Kampfsport zu kurz kommen. Dies ist vor allem der obere Rücken (Rhomboiden, hintere Schulter, unterer Trapez), die Rotatorenmanschette der Schulter, der Beinbizeps und der Bauch. Ein Training dieser Muskeln mit Körpergewicht oder an Hanteln/Maschinen wird euch weder unbeweglicher noch langsamer machen, sondern die Verletzungsanfälligkeit reduzieren und die Gelenkstabilität erhöhen. Beim Training von Brust/Schulter/Trizeps und des vorderen Oberschenkels ist vor allem auf eine explosive Ausführung der konzentrischen Bewegung zu achten. Die konzentrische Phase, ist die, in der man einen Widerstand aktiv überwinden muss. Im Fall einer Liegestütze sollte man sich grundsätzlich also explosiv hochdrücken und kontrolliert wieder herablassen. Es bieten sich daher neben klassischen Krafttrainingsübungen auch Würfe, Sprünge und Sprints an. Darüber hinaus ist natürlich auch zusätzliches Techniktraining (Schattenboxen, Sandsack etc.) möglich, insofern die Bewegungen alleine schon richtig ausgeführt werden können. Grundlagenausdauer kann am besten durch Schwimmen oder Laufen trainiert werden, wobei ein Tempo gewählt werden soll, mit dem man 45-90min. durchhält.

Ring frei – kein Handshake mit Nazis!

Anmerkungen
[1] SWR Podcast: Sport und psychische Gesundheit

[2] Auswahl an BGH Urteilen:
https://dejure.org/dienste/vernetzung/rechtsprechung?Text=BGHSt+24%2C+356
https://dejure.org/dienste/vernetzung/rechtsprechung?Text=BGHSt+27%2C+336
https://dejure.org/dienste/vernetzung/rechtsprechung?Text=BGHSt+42%2C+97