Interview mit Black Mosquito

Viele Linke kennen Onlineshops nur als Einkaufsladen für den persönlichen Lifestyle oder halten die dort angebotenen Waren, wie bedruckte Tshirts und Aufkleber, für jugendlichen Kitsch. Um etwas Klarheit in diese von Unwissenheit getrübten Sichtweisen, die zugegebenermaßen auch in unseren Reihen vorherrschten, zu bringen, haben wir dem not-for-profit Mailorder Black Mosquito ein paar ziemlich naive Fragen gestellt. Der Versandhandel aus Flensburg versteht sich als linksradikal und anarchistisch. Zusammengearbeitet wird in einem diffusen Kollektiv. Nach Abzug der Fixkosten (Miete. Lohn etc.) fließen sämtliche Gewinne zurück in politische Projekte. Dies geschieht entweder durch Rabatt für Infoläden & Politgruppen für den Verkauf von Soli-Artikeln oder durch den Verkauf von Produkten aus solidarischem Handel (wie etwa zapatistischer Kaffee oder Oliven-Öl von anarchistischen Kollektiven aus Griechenland).
Nachfolgend könnt Ihr das Interview bestaunen, in dem die Kollektivist*innen durch ihre interessanten Antworten die Qualität der Fragen vergessen machen! Die Antworten wurden redaktionell bearbeitet, dh. an wenigen Stellen sprachlich verändert und an das Layout des Blogs angepasst.

Was war eure Motivation einen linken Mailorder zu gründen?
Uns gibt es nun seit gut 16 Jahren. Gegründet wurde Black Mosquito (BM) von einer Einzelperson, die auch nach wie vor im Kollektiv ist.
Die ursprüngliche Intention war auf Antifa Soli-Konzerten in der Provinz Schleswig-Holsteins einen Infostand anbieten zu können. Parallel war die Person recht aktiv in der DIY Punk Szene und tauschte viele Platten / Tapes. Irgendwie wurde daraus eine kleine Mailorder-Liste, die per Hand kopiert und verteilt wurde. Einen Onlineshop hat dann mal ein Freund eingerichtet, während der Gründer noch meinte, dass sich das Internet nicht durchsetzen wird :-D. Die ersten Onlineshop-Updates wurden dann immer Sonntags (da gabs Flatrate) mit Modem-Verbindung hochgeladen. Es gab nie einen konkreten Plan hinter BM oder irgendwelche Ziele, die erreicht werden sollten. Wir haben halt nur irgendwie gespürt, dass es Bedarf nach einem funktionalen und zuverlässigen anarchistischen / linken Vertrieb gibt und haben den dann motiviert bedient.
Ganz nebenbei: Wir haben uns nie als „linken“ Mailorder bezeichnet, immer als „anarchistisch“ – aber das ist vielleicht auch nicht so wichtig.

Gibt es auch ökonomische Interessen bzw. könnt ihr vom Projekt leben?
Ökonomische Interessen haben nie eine wesentliche Rolle bei der Entwicklung des Projektes gespielt. Auch wenn wir inzwischen etwas besser geworden sind im kalkulieren der Preise und nicht mehr regelmäßig drauf zahlen (wie früher) – jede ausgebildete Ökonomin würde wohl kopfschüttelnd den Raum verlassen, wenn wir ihr einen Blick auf unsere Kalkulation gewähren würden. Was wir aber nicht vorhaben!

Seit einigen Jahren leben ein paar Menschen auch von dem Projekt – dieser Umstand ergab sich aber eher als Notwendigkeit: nach dem sich unser Gründer jahrelang irgendwie durchgemogelt hatte, wurde es halt einfach zu viel Arbeit. Trotz zeitlich großem Aufwand und kaum Einnahmen, selbst für containern blieb zum Beispiel kaum noch Zeit, war die anfallenden Aufgaben alleine nicht mehr zu bewältigen. Da wir aber nie einen Plan dahinter hatten, waren die ersten Jahre in denen Leute von BM lebten ein Paradebeispiel für anarchistische Selbstausbeutung. Wir sind da immer noch nicht gut drin und sind auch fernab davon einen wirklich passablen Lohn auszahlen zu können, aber wir machen Fortschritte, verstehen langsam die Bürokratie und versuchen uns da etwas besser aufzustellen.

Existieren Kontakte zu anderen linken Shops (Mobaction, Linke-Tshirts, Schwarzesocke, Diraction etc.) oder gibt es unter euch so etwas wie Konkurrenz?

Wir stehen zu fast allen der Genannten in einem freundschaftlich-, solidarischen Verhältnis, kennen uns auch teilweise persönlich und tauschen Sachen untereinander aus oder produzieren auch mal gemeinsam Artikel. Konkurrenz kann man das nicht nennen – ist doch schön, wenn es möglichst viele Bezugsquellen für emanzipatorische Materialien gibt.

Apropo „emanzipatorische Materialien“: Inwiefern ist es eurer Meinung nach sinnvoll politische Projekte durch den Verkauf von Produkten zu unterstützen (Kampagnenshirts etc.)? Und wie beurteilt ihr dieses Engagement im Vergleich zu “echtem” Aktionismus?
Wir wären immer ziemlich vorsichtig damit, etwas als „echten Aktionismus“ zu bezeichnen und etwas anderem eben jene Echtheit abzusprechen. Es gibt da so eine Tendenz, insbesondere in social media, sich innerhalb der irgendwie als emanzipatorisch, links oder anarchistisch gelabelten Bewegung / Szene vorzuwerfen, dass dieses oder jenes ja nun gar kein echter Aktivismus sei. Dahinter steckt der Glaube, dass „wir“ uns nur endlich mal alle auf eine Linie, auf eine Richtung einigen müssten und dann würde auch endlich mal die Revolution passieren. Es ist wohl leider nicht so einfach. Wir würden zustimmen, dass es ein diskursiver Austausch darüber geben sollte, welche Taktiken, Formen und Wege sinnvolle Beiträge zur Umgestaltung des falschen Ganzen darstellen. Dazu Bedarf es aber nicht der Abgrenzung, sondern viel mehr einen solidarischen Bezug aufeinander. Statt einer Einheitsideologie wäre ein schwarz-roter Faden, der Kämpfe verbindet und solidarisch aufeinander bezieht, etwas für das es sich aus unserer Perspektive zu streiten lohnt.

Selbstverständlich kann das tragen eines Politshirts lediglich Ausdruck eines Selbstdarstellungsbedürfnisses sein, bei dem auch erst mal nicht viel mehr dahinter steht. Daraus kann sich aber über die Zeit durchaus doch auch mehr entwickeln. Unter anderen Umständen ist das Tragen eines entsprechenden Politshirts aber eben auch eine ganz konkretes Zeichen. Ob nun der Barista im Fernsehen einen kleinen Skandal durch das Tragen eines „Barista, Barista“-Shirts erzeugt und somit Öffentlichkeit für antifaschistisches Engagement schafft, oder ob nun ganz simpel im Alltag durch entsprechende Shirts Öffentlichkeit und Diskussionen erzeugt werden. Sinnvoll sind Soli-Artikel aber alleine deshalb, weil durch die Einnahmen entsprechende Projekte finanziell unterstützt werden – und zu guter Letzt auch noch Kollektive wie wir oder das Siebdruckkollektiv, dass die Shirts herstellt.

Radical Past hatte einen ganz schönen Thread auf Twitter zu der Thematik, der kann hier nachgelesen werden.

Sehr ihr euch eher als “neutral” innerhalb der Linken? Es gibt ja sehr verschiedene Motive in eurem Shop, die sich teils auf verschiedene Strömungen, auch Abseits des Anarchismus, beziehen?
Wie schon weiter oben angedeutet, sehen wir uns als anarchistisches Kollektiv, die Auswahl unserer Materialien ist aber nicht dogmatisch anarchistisch, sondern umfasst ein weites Spektrum linker, emanzipatorischer Projekte.

Wir beobachten in den letzten Jahren eine massive Verrohung innerhalb der subkulturellen Linken – ähnlich wie in anderen Teilen der Gesellschaft. Es wird viel härter gedisst und mit Beissreflexen gearbeitet, wobei Konflikte in schwarz/weiß Schemata gezwängt und statt Gemeinsamkeiten wird der antagonistische Widerspruch untereinander gesucht.
Es scheint als würden die verschiedenen linken Strömungen sich gegenseitig für das gesamtgesellschaftliche Scheitern antifaschistischer und linksradikaler Politik verantwortlich machen. Wir versuchen dem entgegen zu stehen, auch wenn es nicht immer leicht ist – regelmäßig müssen wir leider Trolle aller Couleur auf unseren social media Seiten sperren.

Aus dieser Perspektive erscheint es uns sinnvoll, keine Politik zu verfolgen, bei der wir persönlich hinter allen Produkten hundertprozentig stehen müssen – wir versuchen eher nach dem Prinzip der Infoläden radikale Theorie verfügbar zu machen. Dazu gehört unserer Meinung nach auch Streit und Dissens, aber auf einer solidarischen Ebene. Auch im Kollektiv selber haben wir zu vielen Themen unterschiedliche Standpunkte und können lange darüber diskutieren. Materialien landen bei uns im Angebot, weil wir sie für wichtig oder zumindest diskussionswürdig halten – oder weil uns die Leute angefragt haben ob wir sie verteilen können. Wir sind also recht undogmatisch was den Kern der Frage angeht, würden uns aber nicht als neutral bezeichnen – zum einen ist ein neutraler Standpunkt schlichtweg nicht möglich, zum anderen wäre das auch verlogen, denn selbstverständlich gibt es auch bei uns Grenzen. Sexismus gegen Rechts, linker Antisemitismus, verkürzte Kritik, staatstreue Parteipolitik oder stalinistischer Wahnsinn kommen uns zum Beispiel nicht ins Haus und haben für uns nichts mit Emanzipation zu tun. »Strömungsübergreifend« ist ein Wort, mit dem wir uns labeln würden und mit dem wir ganz zufrieden sind.

An dieser Stelle beschreibt uns ein Zitat aus dem Buch Message in a Bottle wohl ganz gut: „Wir sind Anarchosyndikalist_innen in der Produktionsstätte, Öko-Anarchist_innen in den Wäldern, Soziale Anarchist_innen in unseren Communities, Individualist_innen wenn du uns alleine triffst, anarchistische Kommunist_innen wenn es etwas zum Teilen gibt, Insurrektionalist_innen wenn wir einen Schlag landen.“ (CrimethInc. 2017)

Eure Räumlichkeiten wurden im März diesen Jahres vom Revolutionären Kollektiv (RK) Flensburg mit Farbe angegriffen, vielleicht könnt ihr den Zusammenhang zu eurer Arbeit erläutern und was ihr daraus für Schlüsse zieht? Eventuell auch ganz Allgemein im Hinblick auf den Schutz eures Ladens und der Kund*innen?
Puh, also zu dem Haufen wollen wir eigentlich nicht mehr viel schreiben – der Jugendwiderstand (JW) und seine Ableger hatten und haben rein gar nichts mit linker Politik oder gar Emanzipation zu tun und gehören entsprechend ausgegrenzt. Wer die Vorgänge in Flensburg nachlesen will, kann das auf dem extra dafür eingerichteten Watchblog machen.
Der Angriff auf uns steht in einer Reihe mit einigen anderen Übergriffen, die das RK in Flensburg zu verantworten hat. In Berlin ist die Taktik dieser Gruppe eine Spaltung zwischen ‚bösen‘ (vermeitlichen) Antideutschen und ihnen, als Speerspitze der ‚guten‘ Antiimperialisten, zu provozieren – unter diesem Deckmantel haben sie es ganz gut geschafft bestimmte Antifaschist*innen zu terrorisieren und den Rest der Szene schweigend zuschauen zu lassen. Die meisten Strukturen wollen sich in dem Konflikt nicht positionieren, da er fälschlicherweise als klassischer Anti-Imp. vs. Anti-D. Konflikt wahrgenommen wird. Der Jugendwiderstand nutzt dabei geschickt die bereits vorhandenen Trennlinien innerhalb der radikalen Linken. Im Gegensatz zu Berlin gab (und gibt) es in Flensburg diese Trennlinie nicht. Mangels identitär-antideutscher Gruppen war das RK gezwungen ihren autoritären Charakter eben ganz offen zu zeigen: gegen Anarchist*innen, Punx, Antinantionale und „normale“ Antifas. Jede*r, der*die nicht auf ihrer Linie ist, ist eben ihr Feind.

In Bezug auf staatliche Repression hatten wir ja auch einige Fälle (der Letzte bezüglich eines Rojava Posters) und sind entsprechend vorbereitet.
Im Hinblick auf die Feindes- und Todeslisten von Naziterrorgruppen ist es an dieser Stelle vielleicht sinnvoll darauf zu verweisen, dass wir keinerlei Kund*innendaten länger im System haben als nötig – spätestens 3 Wochen nach Abfertigung der Bestellung ist alles unmittelbar Relevante aus dem System gelöscht! Daten, die wir aus rechtlichen Verpflichtungen speichern müssen, sind anonymisiert und so sicher verschlüsselt wie möglich.