2/4 Zwischen Hass und Verharmlosung – Islamismus und arabischer Faschismus in Deutschland

Religion als politische Ideologie
Bei der Frage, wie sich die Linke grundsätzlich zu dem Islam positionieren soll, schwanken die Positionen von Ressentiments gegenüber den Angehörigen der Religion bis zum Verständnis für faschistische und islamistische Organisationen. Vertreter*innen beider Positionen mangelt es bisweilen offensichtlich an Hintergrundinformationen. Während die Islamhasser*innen allen Muslimen die Chance auf eine Co-Existenz mit modernen Staaten absprechen, wollen die Apologet*innen des Kulturrelativismus die Verantwortung für islamistischen Terror vollständig auf die kolonial-rassistische Vergangenheit der europäischen und nordamerikanischen Industriestaaten abwälzen oder empfinden heimliche Freude, wenn Selbstmordattentäter*innen amerikanische Soldat*innen mit in die Luft sprengen.

Fakt ist, kritische Linke können sich überhaupt nicht zu „dem Islam“ positionieren, denn er ist wie alle Weltreligionen kein monolithischer Block. Der Islam beinhaltet unterschiedliche Strömungen, welche von gänzlich unpolitischen Gemeinschaften über dezidiert Linke, zu salafistischen und terroristischen Organisationen reichen. Alleine die Spaltung in die großen Strömungen des Schiiten- und Sunnitentums zeigt wie gegensätzlich die Vorstellungen selbst innerhalb der Religion teilweise ausfallen. Darüber hinaus gibt es aber vor allem zwei Gemeinsamkeiten, welche alle Strömungen teilen: Die Historie, aus der sie entstanden sind und die Tatsache, dass sich jede Religion als Ideologie analysieren lässt, die je nach Ort und Zeit unterschiedliche Funktionen für ihre Anhänger*innen erfüllt. Zweiteres soll im zweiten Teil der Reihe „Zwischen Hass und Verharmlosung – Islamismus und arabischer Faschismus in Deutschland“ zum Thema gemacht werden.

Als gesellschaftlich organisierte Menschen leben wir grundsätzlich in Wechselwirkungen mit der Natur. Natur kann in diesem Fall sowohl die natürliche Umwelt, also auch die vergegenständlichten Lebensbedingungen des Kapitalismus meinen. Die Umweltbedingungen in modernen kapitalistischen Gesellschaften erscheinen uns oftmals als Natur. Die Produktionsbedingungen, welche zur Kapitalakkumulation führen, und in denen alle Menschen mehr oder weniger involviert sind, sind fetischisiert, also verschleiert. Der Kreislauf von Produktion und Konsum stellt eine abstrakte Herrschaft dar. Weder kann eine einzelne Person ihn unterbrechen oder verändern, noch ist er bedeutungslos für den Alltag der Menschen. Sogar das Gegenteil ist der Fall: Jede*r muss zur Sicherung der eigenen Existenz auf die eine oder andere Weise in diesem Kreislauf teilnehmen, sei es als Arbeitnehmer*in, Arbeitgeber*in oder im reproduktiven Teil der Gesellschaft, zum Beispiel als Mutter oder Vater in der Familie. Der Mensch auf dem Arbeitsmarkt und alles was er herzustellen vermag wird im Kapitalismus zur Ware, die Warenform ist allgegenwärtig, aus ihr speist sich die Macht des Geldes, ohne dass den meisten Menschen bewusst ist, dass dies nicht der natürliche oder unveränderbare Zustand der Dinge ist. So schreibt Marx schon im ersten Band des Kapitals über den Fetischcharakter der Ware:

[1] „Die Menschen beziehen also ihre Arbeitsprodukte nicht aufeinander als Werte, weil diese Sachen ihnen als bloß sachliche Hüllen gleichartig menschlicher Arbeit gelten. Umgekehrt. Indem [die Menschen] ihre verschiedenartigen Produkte einander im Austausch als Werte gleichsetzen, setzen sie ihre verschiedenen Arbeiten einander als menschliche Arbeit gleich. Sie wissen das nicht, aber sie tun es. Es steht daher dem Wert nicht auf der Stirn geschrieben, was er ist. Der Wert verwandelt vielmehr jedes Arbeitsprodukt in eine gesellschaftliche Hieroglyphe. Später suchen die Menschen den Sinn der Hieroglyphe zu entziffern, hinter das Geheimnis ihres eignen gesellschaftlichen Produkts zu kommen, denn die Bestimmung der Gebrauchsgegenstände als Werte ist ihr gesellschaftliches Produkt so gut wie die Sprache.”

Zur vertiefenden Lektüre empfehlen wir die „Einführung in den Fetischbegriff der Marxschen Theorie“ von Hendrik Wallat [2]. Gemeinsam haben die natürlichen und kapitalistischen Umweltbedingungen also, dass wir sie nicht nach Belieben verändern können, indem wir unser individuelles Verhalten modifizieren.

Religionen versuchen dieser Tatsache auf zwei Arten zu begegnen: Zum einen bieten sie Erklärungen für Phänomene, welche die Menschen nicht zu verstehen vermögen. Auf diese Weise wird die Angst vor Naturgewalten, dem Tod oder auch gesellschaftlichen Phänomenen wie Krieg vermindert. Diese Funktion findet sich besonders stark bei (historischen) Naturreligionen, aus denen sich die monotheistischen Glaubensrichtungen entwickelt haben.

Zum anderen erfüllen sie, insbesondere in modernen kapitalistischen Gesellschaften, eine weitere Funktion, welche von Marx als „Opium des Volkes“ diffamiert wurde. Hierbei geht es um die Projektion des Wunsches der gesellschaftlichen Subjekte nach Verbesserung der eigenen Lebensumstände auf das Leben nach dem Tod. Dies bringe die Menschen laut Marx dazu, die Wahrheit des Diesseits nicht zu akzeptieren und dadurch, dass sie Gott und nicht sich selbst als höchstes Wesen betrachten, nicht an mögliche Veränderung zu glauben:

[3] „Die Aufhebung der Religion als des illusorischen Glücks des Volkes ist die Forderung seines wirklichen Glücks: Die Forderung, die Illusionen über seinen Zustand aufzugeben, ist die Forderung, einen Zustand aufzugeben, der der Illusionen bedarf. Die Kritik der Religion ist also im Keim die Kritik des Jammertales, dessen Heiligenschein die Religion ist.“

Diese Beschreibung trifft in besonders anschaulicher weil ausgeprägter Weise im hinduistischen Kastensystem wieder, welches den Religionsanhänger*innen bis in die prekärsten Lagen hinein im Sinne der Floskel „jeder bekommt was er verdient“ suggeriert, dass ihre Armut und geringe soziale Stellung eine durch Gott gegebene ist. Sie könne und solle auch nicht durch den Menschen verändert werden [4].

Dass die Zustimmung zur Religion aus Zwang und Ohnmacht geboren ist, heißt jedoch nicht, dass sie es dabei belässt. Vielmehr birgt sie im Fall der weltlichen Resignation, also in dem Moment, in dem die Gläubigen von ihren Lebensbedingungen derart frustriert sind, dass sie sterben oder aus dem Affekt doch anfangen ihre Situation verändern zu wollen, weil sie es Leid sind, nur vom guten Leben im Jenseits zu träumen, die Gefahr von Gewalt gegenüber Sündenböcken, weil den Gläubigen der Blick auf die Analyse des Kapitalverhältnisses durch ihre Religion verstellt wird:

[5] „Seit dem Übergang von der Natur zur Kultur wird die menschliche Angst durch Religion gebannt. Mit der zwingenden Erkenntnis der Endlichkeit [des eigenen Lebens] koinzidiert das Bedürfnis nach Unendlichkeit, welches die Triebfeder religiöser Offenbarungen und Heilsgeschichten ist. […] Ob die schlechte Erfahrung im Diesseits die sinnstiftende Sehnsucht nach dem Anderen oder aber den Hass gegen Andere evoziert, das ist ein Unterschied […]. Während der Glaube auf früheren Stufen ein mitunter verzweifelter Versuch war, die Schrecknisse und Unwägbarkeiten der Welt mit den vorhandenen Mitteln zu verarbeiten, die gegebene Realität zu verstehen, zu ordnen, ferner über sie hinaus zu denken, kommen die zeitgenössischen Emanationen des ozeanischen Gefühls als bornierte Sinnsubstitutionen inmitten der lähmenden Trostlosigkeit der nachbürgerlichen Daseinsweise daher. Weil die modernen Verzweiflungsdelirien unvereinbar sind mit der erreichten Stufe universaler Aufklärung, gibt es den einstigen historischen Gebrauchswert der Religion kaum mehr. Die ungeglaubte Rückkehr zur Religion ist resignativer Natur. Es mangelt ihr an der Fähigkeit und am Willen, die Welt zum Wahren, Guten und Schönen zu ändern […]. Das Denken ist von der Lösung aus der einfachen Ohnmacht gegenüber Natur- und Sippengewalt nicht zur Freiheit gelangt, sondern reproduziert die Zwänge der Warenform. Angst ist daher die zentrale psychische Kategorie geblieben, wenngleich die Drohung dieser Tage weniger von der Gefahr der ersten Natur, als vom naturalisierten Zwang der Gesellschaft ausgeht.“

Zur Sinnhaftigkeit der Koran Exegese
Da eine Religion, wie gezeigt, vor allem sozialpsychologische Funktionen übernimmt, kann sie unter anderem als politische Ideologie analysiert und interpretiert werden. Ihre Entwicklung beziehungsweise ihr Zustand ist nur zu fassen, indem die historischen Entstehungsbedingungen, also der Zustand jener Umweltfaktoren berücksichtigt wird, auf die sich die Ideologie bezieht und aus der sie entspringt.

Nun werden heute zwar keine neuen islamischen Schriften mehr verfasst, bei der Islamauslegung verhält es sich aber wie dargestellt: Jede Interpretation ist die Leistung einer Glaubensgemeinschaft bzw. deren Anführer, welche unter spezifischen Lebensbedingungen stattfindet. Dies ist der Grund dafür, warum eine reine Koran oder Hadithe Exegese keinen Mehrwert für das Verständnis der Religion bietet. Im Koran finden sich teilweise widersprüchlichste Formulierungen. In Sure 2, Abschnitt 191 zum Beispiel der berüchtigte „Skandalvers“: „Und erschlagt die Ungläubigen wo immer ihr auf sie stoßt.“ Wohingegen sich friedliche Muslime darauf berufen, dass der Koran in Sure 2, Abschnitt 224, also kurz danach, schon wieder dazu aufruft: „Frieden zu stiften zwischen den Menschen“. Auch die vielgeführte Diskussion um die Rolle des Kopftuchs im Islam, kann nur unter Verweis auf die heutigen Lebensbedingungen der Menschen zu einem sinnvollen Schluss kommen. Um jedoch all jene zu verstehen, die nicht bereit sind mit überalterten Traditionen zu brechen, muss man sich deren konkrete Lebensbedingungen betrachten, welche spezifische Koranauslegungen zumindest begünstigen. Abschnitte, in denen dazu aufgefordert wird, dass Frauen einen Schleier tragen sollen, finden sich auch in der Bibel, trotzdem spielt diese Regel keine Rolle mehr bei der Religionsausübung der meisten Christinnen in Ländern des globalen Nordens, obwohl sie nicht einmal im Widerspruch zu den geltenden Gesetzen stehen würde: „Will sie sich nicht bedecken, so soll sie doch das Haar abschneiden lassen! Weil es aber für die Frau eine Schande ist, dass sie das Haar abgeschnitten hat oder geschoren ist, soll sie das Haupt bedecken (Korinther 11, Abschnitt 6).

Daher ist die vielgestellte Frage, ob die empirisch zu beobachtende Gewalt, die fast überall dort entsteht, wo der Islamismus das Leben der Menschen bestimmt, ein Spezifikum der islamischen Religion ist, nur insoweit zu beantworten, dass gesagt werden kann, dass der Koran zumindest die Grundlage für eine fundamentalistische Auslegung der Religion bietet. Man könnte anführen, dass der Islam sich von anderen Religionen dadurch unterscheide, dass er mit der Scharia eine allumfassende Rechtsordnung aufweist und damit immer wieder dazu tendieren würde eine politische Ideologie und keine Religion zu sein. Auch ist es sicher zutreffend, dass es im Koran einzigartige Aufforderungen dazu gibt „Ungläubige” mittels Selbstmordanschlag zu töten. Dies sind aber wenig überzeugende Argumente dafür, dass der Islam eine „Sonderstellung” unter den Religionen einnimmt, da sich auch in der Bibel hunderte Vorschriften finden, die sich als Gesetze interpretieren ließen und zu Gewalt gegen Andersdenkende aufrufen. Dass der Koran als politische Ideologie genutzt wird, hat aus unserer Sicht vielmehr historische Gründe, welche im dritten Teil der Reihe diskutiert werden. Überdies zeigt sich das auch daran, dass die Geschichte der Religion voll mit Beispielen ist, in denen selbst fundamentalistische Religionsauslegung, die für sich beanspruchen die einzig Richtige zu sein, zu völlig unterschiedlichen Schlüssen kommen inwiefern eine islamische Gesellschaft aussehen solle. Eine beispielhafte Gegenüberstellung von zwei gegensätzlichen Auslegungen findet sich zum Beispiel in einem Artikel des untergrundblättle:

[6] „Die wahabitischen und salafistischen Strömungen beruhen auf einer extrem strikten Auslegung des Tauhid, wie er in der 112. Sure, der al-Ichlās, dargelegt ist, die bekundet, dass Gott „ein Einziger“ ist und „nicht ihm gleich ist einer“. Aus dieser strengen Auslegung heraus (zusammen mit der wortwörtlichen Auslegung einiger Hadithe) kommen sie zu dem Ergebnis, dass etwa alle Schiiten „Abtrünnige“ sind, weil sie „Shirk“ betreiben, Vielgötterei. Abtrünnige darf man, in dieser Lesart des Koran und der Hadithe, töten.
Schauen wir uns eine andere […] Strömung an, die unter sunnitischen Muslimen in der Türkei entstanden ist, die „antikapitalistischen Muslime“. Sie argumentieren, dass jeder Prophet „Widerstand gegen das herrschende System seiner Zeit“ geleistet habe und lesen den Islam vor allem als eine „Recht, Gerechtigkeit, Freiheit und Geschwisterlichkeit” fördernde Religion. Aus der Religion ziehen sie auch ökonomische Konseqenzen. Ich erinnere mich noch gut an ihr Transparent während des Gezi-Aufstandes: „Eigentum gehört Allah“. Das mag für uns eigenartig klingen, hat aber eine erfreuliche Stossrichtung gegen Privateigentum und Kapital.“

Abschließend möchten wir daher betonen, dass für die Veränderung der kapitalistischen Gesellschaft im Sinne der radikalen Linken zunächst eine allgemeine Kritik der Religion als sozialpsychologischem Befriedungsmechanismus stattfinden muss. Jene Kritik steht in engem Zusammenhang mit dem Offenlegen von anderen Fetischisierungen, die von der kapitalistischen Produktionsweise ausgehen! Im nächsten Teil der Reihe möchten wir uns dann der Frage widmen, wie genau die angesprochenen Lebensbedingungen in islamischen Staaten und die Historie der Religion genau aussieht und inwiefern diese Grundlagen eine besonders konservative und mitunter expansive Religionsausübung begünstigen. Denn auch wenn diese Praxis nicht allen islamischen Religionsgemeinschaften zueigen ist, gibt es dennoch bestimmte Elemente, die die verschiedenen Strömungen verbindet und von anderen Religionen unterscheidet.

Anmerkungen
[1] Das Kapital online lesen – Band 1, Kapitel 4

[2] Das Kapital lesen – Einführung in den Fetischbegriff der Marxschen Theorie

[3] Karl Marx – Religion als Opium des Volkes

[4] Die Zeit – Jeder bekommt was er verdient

[5] Die Nacht der Vernunft  (Gruppe Morgenthau)

[6] untergrundblättle – Die Linke und der Islam