4/4 Zwischen Hass und Verharmlosung – Islamismus und arabischer Faschismus in Deutschland

Das Spannungsfeld „Antimuslimisches Ressentiment – Islam – Islamismus“
Der Kampf gegen gesellschaftliche Unterdrückungsstrukturen ist nicht frei von Widersprüchen. Das zeigt sich auch in der sog. „Islamdebatte“, welche seit etwa 20 Jahren auch in der deutschen Linken geführt wird. Linke Politik stellt sich qua ihrer Definition gegen die Unterdrückung von Menschen, u.a. gegen Rassismus, Antisemitismus, Homo- und Transfeindlichkeit sowie alle anderen antiemanzipatorischen Einstellungen, wozu auch viele religiöse Dogmen gehören. Das Abbauen von diskriminierenden Denkmustern beinhaltet dabei auch den Kampf gegen politische Gegner*innen, welche jene aufrechterhalten wollen oder zu stärken versuchen. Das Verteidigen der Religionsfreiheit bei gleichzeitiger Religionskritik oder der Kampf gegen antimuslimische Ressentiments bei gleichzeitigem Widerstand gegen Islamismus, sind typische Ambivalenzen, welche sich aus dem Kampf gegen Unterdrückungsmechanismen ergeben. Die Notwendigkeit Widersprüche im eigenen Denken sowie Handeln auszuhalten und sich einzugestehen, auch Fehler machen zu dürfen, ergibt sich vor allem daraus, dass Menschen gleichzeitig als schützenswerte Individuen und Träger*innen abzulehnender Ideologie sein können.

Dies gilt insbesondere in einem Themenfeld, welches zum einen neu für die antifaschistische Linke ist, als auch in einer Zeit, in der antimuslimische Bewegungen auf einem neuen Höhepunkt zu sein scheinen. Pegida und der intellektuelle Rechtsextremismus schüren strategisch Vorurteile gegen islamische Einwanderer, während bewaffnete Neonazis, wie z.B. der NSU, zur Tat schreiten. Getragen werden diese Akteure von einem gesellschaftlichen Klima, dass den Islam, bis in die Reihen der Sozialdemokratie, in kulturchauvinistischer Manier als Inbegriff des Rückschritts und der Unterdrückung begreift. Es soll (unbewusst) vom eigenen Weltbild, den Toten an den EU-Außengrenzen und der totbringenden wirtschaftlichen Konkurrenz auf dem Weltmarkt, abgelenkt werden. Politiker*innen lassen in Deutschland selten eine Gelegenheit aus, sich als tolerant, weltoffen und fortschrittlich zu inszenieren. Eine Glorifizierung der „westlichen Zivilisation“ in Abgrenzung zur „islamischen Barbarei“ ist für uns hingegen nicht zielführend. Vielmehr gehören beide Phänomene, Kulturchauvinismus und Islamismus, in ihren Eigenheiten analysiert und mit den geeigneten Mitteln bekämpft. Diese Erkenntnis fordert, nicht darüber hinweg zu sehen, dass es qualitative Unterschiede zwischen den im Grundgesetzt verankerten Werten und der wörtlichen Interpretation der Scharia gibt. Diese Unterschiede werden auch in der Linken allzu oft kulturrelativierend gerechtfertigt, dabei besteht auch innerhalb Deutschlands ein massives Problem mit islamistischen Einstellungen, die von der wörtlichen Auslegung der islamischen Schriften (Fundamentalismus) bis zum bewaffneten Kampf (Dschihadismus) reichen.

Nicht alle oben genannten Menschenfeindlichkeiten funktionieren auf die gleiche Weise. Eine ernstzunehmende Kritik muss daran arbeiten, die Abstraktheit der Begriffe zu reduzieren und stattdessen klar zu machen, wie sich die Phänomene in der Realität äußern und wie man ihnen begegnen kann. Antisemitismus, Kulturchauvinismus und Islamismus als leere Worthülsen nebeneinander zu stellen, welche sich nur dadurch unterscheiden würden, dass man sich in Opposition zu allen dreien positionieren müsse, wie es Farid Hafez in einem Interview mit dem TAZ-Redakteur Fabian Goldmann kürzlich getan hat, führt zur Beliebigkeit linker Kritik, welche so weder Prioritäten setzen, noch angemessen auf politische Veränderungen hinarbeiten kann [1].

Rassismus, Antisemitismus und Antimuslimische Ressentiments
Niemand käme in Diskussionen über die abscheulichen Verbrechen des NSU und seiner Unterstützer auf die Idee, den Rassismus der Täter*innen zu verschweigen. In Diskussionen um islamistische Anschläge ist jedoch regelmäßig zu hören, dass eine Kritik der Ideologie, welche die Täter*innen antreibt, rassistische Vorurteile befeuern würde. Diesen Aussagen liegt ein falsches Verständnis des Phänomens zugrunde, was sich auch durch die Wortwahl des „antimuslimischen Rassismus“ äußert. Es gibt die Vorstellung, dass „die Juden von heute“ doch eigentlich die Muslime seien. Wer dieser Vorstellung anheimfällt, hat weder etwas von Antisemitismus, noch vom Rassismus verstanden. Die Feindschaften gegen Juden oder Muslime entspringen meist nicht einfachen Vorurteilen und sind schon gar keine verschiedenen Unterarten von Rassismus. Kein Mensch unterstellt den Muslimen, sie regierten die Finanzsphäre und würden das Schicksal der Menschheit mittels geheimer Netzwerke bestimmen. Vielmehr ist es so, dass sich die Feindschaft gegen Muslime häufig mit antisemitischen Ideen ergänzt: Antisemitismus ist dabei so etwas wie die größte Verschwörungstheorie der Welt, die den Juden Allmacht zuspricht und sie damit für die Vernichtung der deutschen Rasse verantwortlich macht, da die Juden ein „undeutsches“ Gesellschaftssystem etabliert hätten, was es den muslimischen Einwanderern, die diese Vernichtung in die Tat umsetzen, erst erlauben würde, hier her zu kommen.

Der wichtigste Unterschied aber ist, dass Antisemitismus die Juden nicht als Religionsgemeinschaft, sondern als Rasse begreift. Von Rechten verfolgt werden nicht nur Kippa-Träger, sondern auch alle Menschen „jüdischer Abstammung“. Natürlich werden auch immer wieder Personen zur Zielscheibe, welche aufgrund ihres Aussehens für Muslime gehalten werden, die Ideologie, die dem antimuslimischen Ressentiment zugrunde liegt, sieht aber nicht die unveränderliche Hautfarbe (Rassismus) oder die Abstammung aus einer jüdischen Familie (Antisemitismus) als Problem, sondern phantasiert die Zerstörung der deutschen „Kultur“ oder „Identität“ durch die Anwesenheit von Muslimen herbei. Teil des Ressentiments sind Denkmuster, die mit Rassismus, also der Abwertung der Menschen an sich, nichts zu tun haben:

[2] „Das wird an der gängigen Argumentation gegen eine befürchtete „Überfremdung“ deutlich. Das Schlimme daran, dass „wir“, so diese Rede, in absehbarer Zeit zu „Fremden im eigenen Land“ werden könnten, wird in aller Regel nicht als drohende Übernahme durch eine fremde „Rasse“ imaginiert, sondern durch eine fremde „Kultur“. Diese passe nicht zu der „unseren“, denn „wir“ seien schließlich für Demokratie und Menschenrechte – ganz im Gegensatz zu den Muslimen, die gar nicht aufgeklärt und säkular sein könnten.“

Neben dem chauvinistischen Bezug auf die Menschenrechte, sind die, an den Antisemitismus anschlussfähigen, verschwörerischen Elemente für das antimuslimische Ressentiment von großer Bedeutung. Diese gipfeln in Aussagen über die „Gebärmutter als Geheimwaffe des Islam“. Es handelt sich um ein gefährliches Ressentiment, da es weit verbreitet ist und enormes Gewaltpotential entfaltet. Die Erkenntnis, dass hier Menschen aufgrund „ihrer Kultur“ bzw. ihres Verhaltens (der Migration nach Europa) angegriffen werden, ist zentral: Es gibt unter vielen Rechten keine Islamfeindlichkeit im rassistischen Sinne. Muslime sind lediglich Feinde, wenn sie in Deutschland leben. In ihrem angestammten Kulturraum, so wusste schon Hitler, können sie zu einem erstklassigen Verbündeten werden.

Von der Herkunft zur Rasse
„Antimuslimischer Rassismus“ und besonders der Begriff „Islamophobie“ sind aber nicht bloß Konzepte, die zu Missverständnissen über antimuslimische Einstellungen führen, sie delegitimieren darüber hinaus auch die dringend notwendige Kritik am Islam und am Islamismus, weil sie die Ablehnung einer Religion mit der Verachtung von Menschen verwechseln. Diese Verwechslung findet bis in die höchsten staatlichen Stellen Anwendung: Demnach lebten nach Angaben der Bundesregierung Ende 2015 um die 4,5 Mio. Muslime in Deutschland. Als „Muslime“ gelten dabei allerdings sämtliche Menschen mit Migrationshintergrund, die aus einem Land mit mehrheitlich muslimischen Einwohner*innen kommen. Es wird also völlig ignoriert, dass diese Menschen ganz unterschiedlichen Religionen angehören und auch als Muslime mehr oder weniger religiös sein können. Genauso reduziert die Aussage, Islamfeindlichkeit sei rassistisch, die Menschen auf ihre vermeintliche Religion und spricht ihnen ab, dem Islam den Rücken kehren zu können. Die Konzepte „Islamophobie“ und „antimuslimischer Rassismus“ schreiben die Zugehörigkeit zum Islam als ethnisches Merkmal der einzelnen Muslime fest und manifestieren letztendlich das, wogegen sie sich aussprechen: den Rassismus. Die angewandten Konzepte führen letztendlich zu einer so starken Reduktion der Komplexität, dass die Wirklichkeit nur noch als schwarz/weiß Schemata wahrgenommen werden kann. Es scheint fortan so, als könnten Menschen aus bestimmten Ländern gar nicht anders, als ein durch die religiösen Regeln des Islam vorgegebenes Leben zu leben. Der Islam muss stattdessen als eine religiöse Ideologie analysiert werden, um sie zugänglich für Kritik zu machen und allen Muslimen die Möglichkeit zu geben, sich von ihrer Religion zu befreien.

Dass der Begriff „Islamophobie“ auch immer wieder gezielt in Stellung gebracht wird, wenn islamistisches Gedankengut legitimiert werden soll, zeigt die aktuelle Debatte um den „Europäischen Islamophobiebericht“ [3]. Der Begriff hat überdies aber auch eine aussagekräftige Geschichte, welche von Caroline Fourest und Fiammetta Venner 2003 in der Jungle World dargelegt wurde:

[4] „Das Wort wurde zum ersten Mal 1979 von den iranischen Mullahs verwendet, die jene Frauen, die sich weigerten, den Schleier zu tragen, zu »schlechten Muslimen« degradierten, indem sie sie bezichtigten, »islamophob« zu sein. Der Begriff ist dann in der Rushdie-Affäre reaktiviert worden, und zwar von Londoner islamistischen Vereinigungen wie Al Muhajiroun oder der Islamic Human Rights Commission, deren Statuten vorsehen, »die Informationen über den Missbrauch der Rechte Gottes zu sammeln«. Tatsächlich fällt der Kampf gegen die »Islamophobie« in diese Kategorie, da er alle Angriffe auf die fundamentalistische Moral umfasst (Homosexualität, Ehebruch, Blasphemie usw.). Die ersten Opfer der »Islamophobie« sind in ihren Augen die Taliban, während die von diesen Gruppen am häufigsten genannten »islamophoben« Täter Salman Rushdie oder Taslima Nasreen heißen. Anstatt irgendeinen Rassismus zu bezeichnen, dient das Wort in Wirklichkeit dazu, diejenigen zu disqualifizieren, die sich den Fundamentalisten widersetzen, und das sind zuerst die Feministinnen und die liberalen Moslems. […] Dabei ist alle Welt dem Begriff der »Islamophobie« auf den Leim gegangen. Nachdem er sich in den britischen antirassistischen Vereinigungen durchgesetzt hat, ist das Wort in Frankreich von dem Philosophen und Theoretiker Tariq Ramadan inthronisiert worden, dessen widersprüchliches Auftreten als reformistischer fundamentalistischer Moslem und als Dritte-Welt-Aktivist es erlaubt hat, das Wort schnell bei der extremen Linken zu verbreiten. Seither treibt es unsere Debatten in die Falle, indem es all jene, die es wagen, sich den radikalen und politischen Interpretationen des Islam zu widersetzen, systematisch zu Angeklagten macht.“

Und auch der Begriff des „antimuslimischen Rassismus“ soll Islamkritiker*innen bisweilen mundtot machen. Im Frühjahr 2019 wurde die Frankfurter Professorin Susanne Schröter Opfer einer Hetzkampagne, weil sie eine Konferenz zum Thema Kopftuch veranstalten wollte. Gegenstand der Kampagne waren nicht etwa Positionen, die auf der Konferenz vorgetragen wurden, sondern der Umstand, dass Schröter selbst keine Muslima ist:

[5] „Die Proteste gegen die Konferenz waren der Versuch, ein Exempel zu statuieren. […] Über den Islam sollen nur noch Muslime diskutieren. Mit dem ­Begriff „antimuslimischer Rassismus“ hat man geglaubt, mich zum Aufgeben zu bringen.“ Auf der Konferenz zeigte Schröter auf, dass das Kopftuch nicht nur ein Kleidungsstück ist, sondern oft der erste Schritt zur Islamisierung ganzer Gesellschaften. Ob Indonesien oder Ägypten – was vor Jahrzehnten mit einer harmlos daherkommenden Kampagne für das Kopftuch begonnen habe, habe damit geendet, dass sich Frauen in der Öffentlichkeit verhüllen müssen. Es gebe sogar einige islamische Geistliche, die Männern das Recht zugestehen, Frauen zu vergewaltigen, die sich nicht an die islamischen Kleidervorschriften halten. Das Kopftuch habe eine private und eine systemische Bedeutung: Ein Kopftuch sagt nichts über die Trägerinnen aus. Eine Frau könne Feministin sein und ein Kopftuch tragen. […] Doch wo das Tragen des Kopftuchs vom politischen Islam gefordert werde, sei die Freiheit von Frauen in Gefahr.“

Die Opfer des Islamismus
In der sog. „Kopftuchdebatte“ zeigen sich die gleichen zu kurz gedachten Argumente, die ebenfalls von den Konzepten der „Islamophobie“ und des „antimuslimischem Rassismus“ inspiriert werden. Millionen Frauen leiden weltweit unter dem Zwang das Kopftuch tragen zu müssen, der ihnen wahlweise von der Familie oder in islamischen Staaten gleich per Gesetzt auferlegt wird. Leider spielt die Solidarität mit diesen Frauen unter den meisten Linken keine große Rolle, stattdessen bekommt man zu hören, das Kopftuch sei doch die „freie Entscheidung“ der Frauen, die respektiert werden müsse. Selbst Feministinnen feiern das Kopftuch mitunter sogar als Symbol selbstbestimmter religiöser Identität und Nichtanpassung an den Westen. Viele Frauen wählen auch die AfD und gehen auf Märsche gegen Abtreibungen. Sind dies ab jetzt also auch Einstellungen, die wir als Linke einfach akzeptieren sollen? Nein, denn Zwänge können auch internalisiert sein und werden dann gar nicht mehr als solche wahrgenommen. Eine linke Analyse sollte auch die zugrundeliegende fundamentalistische Ideologie in den Blick nehmen, wenn sie regressive Phänomene verstehen will, statt sich ausschließlich auf einzelne Meinungen zu verlassen. Dass einige Personen versuchen, die Diskriminierung, die sie aufgrund ihrer Religion erfahren, in etwas Positives umzudeuten oder dem vereinzelnden Individualismus unserer Zeit eine kuschelige Gruppenidentität entgegenzusetzen, spricht eher für die Auseinandersetzung mit ideologischem Denken und weniger dafür, dem Urteil einer einzelnen Person in komplexen Diskursen blind zu vertrauen. Dies soll nicht bedeuten, dass die Beschäftigung mit Einzelschicksalen völlig wertlos ist, sondern dass reflektiert werden muss, bei welchen Fragen jene hilfreiche Antworten oder zumindest Denkanstöße bieten können.

Was die beiden Konzepte aber besonders heuchlerisch macht, ist, dass sie verkennen, dass die Verharmlosung des Islamismus Muslim*innen auf zwei Arten am meisten schadet. Die eine Art entsteht aus dem kulturrelativierenden Dogmatismus, der sich häufig darin äußert, dass „wir Deutsche oder Europäer“, aus der Erinnerung an den Holocaust und den Kolonialismus die moralische Verpflichtung hätten, andere Kulturen und Religionen so zu akzeptieren, wie sie sind. Das stimmt unter Umständen, wenn daraus der Kampf gegen Menschenfeindlichkeit folgt. Das stimmt aber ganz und gar nicht, wenn aus der Verpflichtung ein Kritik- oder gar Beschäftigungsverbot gegenüber Religionen und „kulturellen“ Praktiken wird [2]. Genau das aber ist das Problem an der Debatte: die meisten Opfer des Fundamentalismus und Islamismus sind nun mal Muslime. Im Fall des Dschihadismus z.B. die durch den Islamischen Staat massenweise misshandelten Mädchen und Frauen oder die kurdischen Kämpfer*innen. Im Fall des Fundamentalismus aber auch alle islamischen Frauen in Deutschland, deren männliche Kleinkinder mehr Eigenständigkeit besitzen als sie selbst. Die Konzepte der „Islamophobie“ und des „antimuslimischen Rassismus“ lassen viele Linke glauben, dieses Leid sei in irgendeiner Form akzeptabel. Oder sie haben Angst als „rassistisch“ zu gelten, sollten sie es wagen, eine Kritik am Islamismus zu formulieren. Doch genau mit dieser Geringschätzung der Opfer verhalten sie sich selbst rassistisch, indem sie die Religion der Täter*innen als unüberwindbare ethnische Kategorie hinnehmen. Die Thematisierung von Fundamentalismus, Dschihadismus und auch Religionskritik als solche, ist hingegen eine migrationsfreundliche Debatte, indem sie dabei hilft, denjenigen, die im Islam nur das reine Böse sehen und Muslime in ihrer Existenz bedrohen, den Wind aus den Segeln zu nehmen. Solidarität mit progressiven Muslimen und Islamkritiker*innen sollte, neben dem Kampf gegen deutsche Rechte, eine der obersten Prioritäten der antifaschistischen Linken sein! Denn ansonsten verhöhnt man nicht nur die Opfer des Islamismus, sondern lässt zu, dass Rechte ein leichtes Spiel dabei haben, sie ein zweites Mal mit ihrem antimuslimischen Ressentiment zu belegen. Durch ihre fehlerhaften Konzepte hat die Linke den Aufstieg der AfD schon mitverschuldet und so dem Kampf gegen antimuslimische Ressentiments geschadet, Zeit damit aufzuhören.

Gegen Integration und Ausgrenzung
Neben dem Kampf gegen islamistische Organisationen und antimuslimische Vorurteile, stellt sich auch die Frage, wie die Linke sich in der dritten wichtigen, der sog. „Integrationsdebatte“, verhalten solle. Ist jene als ausländerfeindlich abzulehnen oder ist eine Verbesserung der Integration von (muslimischen) Einwanderern im Sinne antifaschistischer und linker Politik?

Ja und nein. Die bürgerlich-liberale Akteure fordern von Zugewanderten, genau wie von Einheimischen, vor allem das Erlernen der Sprache und Engagement im (Aus-)Bildungssystem, um sie auf dem Arbeitsmarkt verwertbar zu machen:

[6] „Um in der EU leben zu dürfen, muss etwas angeboten werden: eine möglichst hohe Qualifikation, die auch noch auf dem Arbeitsmarkt nachgefragt wird. Dann darf es auch mal jemand aus Tunesien oder Algerien sein. So funktionieren Menschenwürde und Freizügigkeit im bürgerlichen Nationalstaat. Wer seinen Kriterien nicht entspricht, muss eben zuhause bleiben, egal wo das ist. […] Dass Staat und Kapital den Bedürfnissen der Menschen dienen, wird als Ideologie immer unglaubwürdiger.“

Konservative und rechte Ideolog*innen gehen oft noch einen Schritt weiter, indem sie die beschriebenen kulturchauvinistischen und antimuslimischen Ressentiments schüren, weil sie die unmenschlichen Zustände, die der Kapitalismus für alle Menschen bereithält, nicht verstehen oder die Schuld zumindest lieber auf eine Minderheit abschieben wollen. Thilo Sarrazins immer noch anhaltende Hetze gegen Menschen, „die ökonomisch nicht gebraucht werden“ und „ständig kleine Kopftuchmädchen produzieren“, befriedigt das primitive Bedürfnis frustrierter Deutscher nach Abgrenzung. Die CSU hat das Verständnis von Integration, was aus diesen menschenfeindlichen Einstellungen entsteht, in einem „Integrationsgesetzt“ festgehalten. Zum Glück ist sie damit in Teilen mittlerweile vor dem Verfassungsgericht gescheitert [7]:

[8] „Alle von dem Gesetz Betroffenen werden auf eine vage umrissene „deutsche Wertegemeinschaft“, und eine „Leitkultur“, verpflichtet. Das Gesetz unterscheidet „Ausländer“, „Halb-Ausländer“ und „Viertel-Ausländer“ von „Bio-Deutschen“ und betrifft alle Menschen mit mindestens einem Großelternteil, welches „nicht deutsch“ ist, d.h., dass dieses nicht seit spätestens 1955 in Deutschland lebt. Bei Zuwiderhandlungen im Sinne des neuen Gesetzes können Betroffene zu zwangsweisen Integrationsmaßnahmen verpflichtet und bei deren Verweigerung mit Geldbußen bis zu 50.000€ belegt werden.“

Weder das neoliberale noch das regressive Verständnis von Integration ist für eine linke Bewegung anschlussfähig. Vielmehr muss herausgestellt werden, dass die Beschaffenheit der bürgerlichen Gesellschaft an sich zu überwinden ist. Integration als Maßnahme, um deutsche Interessen zu befriedigen, seien sie nun „kulturell“ oder ökonomisch, ist für uns uninteressant!

Islamistische Kontinuitäten in Deutschland
Fundamentalistische und dschihadistische Einstellungen einfach hinzunehmen, kann für uns aber ebenso keine Option sein. Integration sollte aus unserer Sicht für alle Menschen die gleichen Möglichkeiten schaffen, an den Freiheiten der Gesellschaft bestmöglich teilzuhaben und ihre vorhandenen Rechte in Anspruch zu nehmen. Dabei spielt es weniger eine Rolle wie die aktuelle Gesellschaftsordnung verfasst ist oder ob es bessere Alternativen geben würde, vielmehr geht es darum keine zusätzlichen Benachteiligungen für spezifische Personengruppen zu schaffen. Auch wenn wir uns in diesem Text mit dem Beispiel des fundamentalistischen Islam beschäftigen, sollte dieses Prinzip selbstredend auch für alle andere gesellschaftliche Gruppen gelten, welche von Diskriminierung betroffen sind oder Hilfe bei der Realisierung ihrer Rechte benötigen.

Dieses Ziel erfordert aber auch die Frage zu beantworten, welche spezifischen Hindernisse Menschen von der Partizipation an diesen Rechten und Freiheiten abhalten. Im Fall von Menschen, die auf einen Rollstuhl angewiesen sind, wären das unter anderem bauliche Hindernisse in der Architektur der Städte, die mit einem Rollstuhl nicht überwunden werden können.

Warum aber gibt es bei Muslimen eine große Tendenz dazu, die Wertvorstellungen, einer auf Partizipation und Gleichheit beruhenden Gesellschaftsordnung, abzulehnen und lieber an der Unterdrückung von Frauen, Schwulen und Kurd*innen im Rahmen der Religion mitzuwirken? Eine Emnid-Umfrage unter türkischen Einwanderern und ihren Nachkommen, die durch das Exzellenzcluster „Religion und Politik“ der Universität Münster durchgeführt wurde, kam z.B. zu dem Ergebnis, dass man unter den Teilnehmenden einen „beträchtlichen Anteil an islamisch-fundamentalistischen Einstellungen erkennen [kann], die schwer mit den Prinzipien moderner Gesellschaften zu vereinen sind“ [9].

Gleichzeit bemängelt die Mehrheit der Befragten aber sozial nicht anerkannt und von Diskriminierung betroffen zu sein. Sozialer Ausschluss und das Gefühl benachteiligt zu werden macht anfällig für autoritäre Ideologien. Besonders unter Verweis auf Kolonialismus, Kriegsverbrechen gegen mehrheitlich islamische Bevölkerungen und die teils prekäre Lage islamischer Staaten, können islamistische Gruppen bei Betroffenen zusätzliche Sympathien für die eigenen Ziele schaffen. Dass islamistische Einstellungen, wie bereits dargelegt wurde, nicht an die Herkunft der Träger*innen geknüpft sind, ist auch daran zu sehen, dass Konnvertit*innen besonders anfällig für Radikalisierungsprozesse sind. Sie schließen sich meist aus ähnlichen Gründen (Suche nach einem Zugehörigkeitsgefühl, Macht, Gefühlte Benachteiligung etc.) überhaupt dem Islam an. So trägt die deutsche Mehrheitsgesellschaft eine Mitschuld am Fortbestehen der islamistischen Ideologie. Eine Kritik sollte daher immer auch darstellen, wie eine Aufgabe der Ideologie zu einer verbesserten gesellschaftlichen Position beitragen kann und wie die Mehrheitsgesellschaft verändert werden muss, um Radikalisierungsprozessen entgegenzuwirken.

Eine alternative Erklärung bezieht sich auf die Migrationsprozesse, mit denen ein Großteil der islamischen Familien in den letzten 70 Jahren nach Deutschland gekommen sind. Es wird angenommen, dass Anpassungsschwierigkeiten im Aufnahmekontext dazu führen, dass die Eingewanderten an vertrauten Ritualen festhalten und sich in Communities organisieren. Lernen die Menschen dort in den Aufnahmekontext gut integrierte Personen kennen, werden die Communities zum „Sprungbrett“. Die Gefahr besteht allerdings darin, dass Communities sowohl vom Herkunfts- als auch vom Aufnahmekontext abgeschnitten sind. So werden auch die gesellschaftlichen Veränderungen im Herkunftsland nicht mehr vollständig wahrgenommen. Auswanderer weisen aus diesem Grund oft eine konservativere Einstellung als Personen in ihrem Herkunftsland auf. Der Erklärungsansatz findet vor allem auf die überdurchschnittlich großen Wahlerfolge der AKP in Deutschland Anwendung. Islamische Reformer*innen wie die Feministin Seyran Ateş kritisieren die islamischen Communities in Deutschland, indem sie darauf hinweisen, dass es vor allem die fundamentalistischen und die gewaltbereiten Muslime sind, welche sich bisher gut organisiert haben. Reformer*innen, welche Einwanderern zeigen könnten, wie Religion im Einklang mit den bürgerlichen Freiheiten gelebt werden kann, seien es bisher noch nicht [10].

Eine dritter Erklärungsansatz setzt am traditionellen Geschlechterverhältnis an, welches sich in vielen muslimischen Familien in Deutschland nachweisen lässt. Die fehlende Anpassung dieser Vorstellung an die moderne Welt, begründet sich vor allem durch die neuere Geschichte der Religion, welche im dritten Teil der Reihe ausführlich dargelegt wurde. Der Vorwurf der mehrheitlich weiblichen Autor*innen lautet: Muslimische Mütter erziehen ihre Söhne viel zu oft zu Prinzen oder Machos [11, 12, 13]. Einer Konfrontation mit der gesellschaftlichen Realität im Erwachsenenalter halten sie dadurch nicht stand und suchen Zuflucht in fundamentalistisch-religiösen Gemeinschaften. Auch hier geht es wieder um internalisierte Zwänge, die von muslimischen Müttern an die eigenen Kinder weitergegeben werden. In einem Interview beschreibt Zana Ramadani ihre Erfahrungen, die sie beim Aufwachsen in einer islamischen Community in Deutschland gemacht hat:

[14] „Im islamischen Kulturkreis ist es so, dass noch immer fast ausschließlich Frauen erziehen. Die Frauen haben die Werte, unter denen sie selbst oft gelitten haben, so verinnerlicht, dass sie sie sowohl an ihre Söhne als auch an ihre Töchter weitergeben. Die Jungs werden schon von klein auf als Prinzen behandelt und verhätschelt. Die Mädchen werden vor allem zur Tugendhaftigkeit angeleitet. Sie müssen von Anfang an im Haushalt arbeiten und der Mutter helfen, die Männer der Familie zu verziehen. […] Frauen sind Bedienstete. Frauen sind Sklavinnen. Wir sind Ware. Wir haben uns züchtig zu benehmen. Wenn wir einem Mann zu lange in die Augen sehen, dann wollen wir ihn reizen und erregen. Alles, was wir tun, und alles, was wir sind, ist reine Provokation. Deswegen müssen wir uns verhüllen. Zugleich wird Männern damit unterstellt, dass sie triebgesteuerte Vergewaltiger sind. Und dann ist da natürlich noch dieser Jungfrauenwahn. Die Ehre der Familie befindet sich zwischen den Beinen der Tochter.

[…] Andererseits gibt es im Koran auch Frauenhuldigung. Die Mutter hat Heiligenstatus. Die Frau ist in manchen Suren und Hadithen die Heilige. In anderen ist sie das Gegenteil, da ist sie die Schamlose, das Saatfeld des Mannes, der sich an ihr sexuell bedienen darf. Es ist so, dass die Frau gut ist, solange sie sich rein und züchtig verhält, solange sie sich unterordnet und gehorcht und funktioniert. Man wird geehrt und gut behandelt, wenn man sich fügt.“

Auch wenn diese Schilderung keine Repräsentativität für alle muslimischen Familien besitzt, weist Ramadani auf Tatsachen hin, die man in Stadtteilen mit hohem Anteil an Muslimen leicht beobachten kann: Während die Männer das öffentliche Leben auf der Straße, in Cafés und „Kulturvereinen“ dominieren, werden die Frauen ins Private verdrängt. Ein Lösungsansatz wäre, muslimische Frauen in eine Position zu bringen, in der sie sich gegenüber ihren Männern besser behaupten können. Sie sind der „Schlüssel zur Familie“ und damit zu den nächsten Generationen. Islamistische Einstellungen lassen sich so unter Umständen von innen heraus bekämpfen.

Resümee der Reihe
Am Ende des letzten Teils der Reihe bleibt uns nicht viel mehr als die Feststellung, dass das Spannungsfeld „Antimuslimisches Ressentiment – Islam – Islamismus“ in Deutschland und auch global noch viel zu wenig Beachtung von Linken bekommt. Dies mag einerseits an der Komplexität des Themas liegen, der auch wir auf wenigen Seiten unmöglich gerecht werden konnten. Andererseits aber auch an den Konzepten, welche eine Kritik an islamistischen Organisationen unter dem Vorwurf des Rassismus erschweren. Egal welchen Erklärungsansätzen man letztendlich glaubt: Islamismus ist ein Problem, welches aus mannigfaltigen Gründen eine Konjunktur erlebt. Er ist Teil des Islams, da sich sowohl moderate als auch fundamentalistische Muslime auf die selben Schriften berufen und eine gemeinsame Geschichte teilen. Die Kombination aus religiösen Vorschriften und der historischen Anwendung jener, hat eine große Anzahl an fundamentalistischen und dschihadistischen Organisationen hervorgebracht, die eine massive Bedrohung für die Freiheit und Emanzipation der Menschheit darstellen. Die Leidtragenden sind meist selbst islamischen Glaubens, weswegen es ein großer Fehler wäre, alle Muslime als grundsätzlich fortschrittsfeindlich zu brandmarken oder ihnen die Möglichkeit auf Emanzipation von ihrer Religion abszusprechen. Den Islam als Religion wahlweise mit seinen Anhänger*innen oder dem Islamismus vollständig in eins zu setzen, wird der Komplexität der Sache nicht gerecht und dient leider viel zu oft nur der identitätsstiftenden Abgrenzung von Critical-Whiteness-Jünger*innen oder Pseudo-Ideologiekritiker*innen [15]. Nicht verallgemeinerbare individuelle Reaktionen auf die Lebensrealität und religiöse Angebote verschiedenster Glaubensgemeinschaften sorgen für den Fortbestand regressiver Einstellungen unter Muslimen, genau wie es auch zu Gegenbewegungen kommt, welche an die aufklärerische Seite der Religionsgeschichte anknüpfen wollen. Die deutsche Mehrheitsgesellschaft trägt mit ihren antimuslimischen Einstellungen auf lokaler Ebene gleich auf mehrere Arten zum Fortbestand des Islamismus bei, während NATO-Staaten international sogar teilweise mit islamistischen Mörderbanden kooperieren. Aufgabe einer antifaschistischen Linken muss es weiterhin sein, Unterdrückungsmechanismen zu analysieren und miteinander in Beziehung zu setzen. Statt Sprechverbote auszusprechen, wäre Solidarität mit allen angebracht, die sich dem Islamismus in seinen verschiedenen Facetten in den Weg stellen oder mit allgemeiner Religionskritik für Säkularisierung eintreten. Insbesondere die Antifa-Szene täte gut daran, sich mit arabischen Faschist*innen und islamistischen Organisationen vertraut zu machen, genau wie es beim Thema Evangelikalismus schon seit Jahren üblich ist. Regressive Akteure müssen effektiver daran gehindert werden, fortschrittliche Bemühungen, insbesondere solche, die ihren Ursprung innerhalb islamischer Communities haben, zu kontern!

Anmerkungen
[1] TAZ – Politikwissenschaftler über Islamophobie

[2] Emanzipation und Frieden – Antimuslimisches Ressentiment und linke Versäumnisse in der Islamdebatte

[3] Mena Watch – Wer steckt hinter dem „Europäischen Islamophobiebericht“

[4] Jungle World – Islamophobie?

[5] Jungle World – „Versuch ein Exempel zu statuieren“

[6] Ums Ganze – Gegen Integration und Ausgrenzung

[7] Süddeutsche Zeitung – Urteil zum Integrationsgesetzt

[8] Antifa nt – Gegen Integration und Ausgrenzung

[9] PM Universität Münster

[10] Seyran, A. (2009): Der Islam braucht eine sexuelle Revolution: eine Streitschrift.

[11] Deutschlandfunk – „Mütter erziehen ihre Söhne zu Paschas“

[12] Frankfurter Neue Presse – Viele muslimische Mütter erziehen ihre Söhne zu kleinen Machos

[13] Toprak, A. (2019): muslimisch, männlich, desintegriert – was bei der Erziehung muslimischer Jungen schiefläuft.

[14] Welt – „Seid wütend auf die muslimischen Frauen!“

[15] Jungle World – Gegen Dogma und Denunziation

3/4 Zwischen Hass und Verharmlosung – Islamismus und arabischer Faschismus in Deutschland

Erklärungsansätze zum Islamismus
Um die große Beliebtheit, die der Islamismus heute in der arabischen Welt erfährt, verstehen zu können, ist es gewinnbringend, sich mit den historischen Wurzeln der islamischen Religion sowie der politischen Entwicklung der entsprechenden Regionen auseinanderzusetzen. Religionen unterscheiden sich, ansonsten hätte es weder die Kreuzzüge noch den Islamischen Staat gegeben und man hätte sich längst auf einen „wahren Gott“ einigen können. In den gemäßigten Religionsverbänden gibt es die Tendenz einen Dualismus zwischen Religiosität und Moderne herzustellen. Das Forum Deutscher Katholiken will sich bspw. mit seinen„natürlichen Verbündeten“, allen Gläubigen aus den verschiedenen Religionen, den zahlreichen Herausforderungen stellen, die eine „gottferne Zeit“ ihnen aufgebe. Diese Positionierung schreit nach einer allgemeinen Religionskritik, welcher wir uns bereits im zweiten Beitrag der Reihe gewidmet haben.

Auch wenn sich die fünf Weltreligionen, mit Ausnahme des Buddhismus, der aufgrund seiner Glaubensstruktur eine Sonderrolle einnimmt, in ihrer Rückwärtsgewandtheit qualitativ nicht unbedingt voneinander unterscheiden, gibt es eklatante Unterschiede im quantitativen Umfang der Strömungen und Personen, welche sich dem Krieg gegen die Moderne verschrieben haben und Gleichberechtigung und Säkularisierung scheuen, wie der Teufel das Weihwasser. Eine religiöse Gesetzgebung, die Finanzierung von Terrororganisationen und die Verachtung von Menschenrechten und Demokratie findet sich heute sehr oft in mehrheitlich durch Muslime bewohnten Staaten und sogar bei Angehörigen des Islam, die in eigentlich demokratischen Ländern leben. Eine von Berlin aus in Ländern durchgeführte Studie hatte zum Ergebnis, dass mehr als 45% der Muslime in Deutschland die Regeln des Korans für wichtiger halten als die deutschen Gesetze. 61 % gaben an, keine Homosexuelle in ihrem Freundeskreis zu dulden und 28% waren der Meinung, man könne Juden grundsätzlich nicht trauen. Diese Werte sind deutlich höher als in der Vergleichsgruppe, den europäischen Christen oder der Durchschnittsbevölkerung. Christ*innen stellen nur zu 13% religiöse Regeln über staatliches Recht [1].

Dies war nicht schon immer so, weswegen wir die historischen und gesellschaftlichen Entwicklungen nachzeichnen möchten, welche global zur Radikalisierung einer großen Anzahl an Muslimen beitragen, bevor wir uns im letzten Teil der Reihe mit der sogenannten „Islamdebatte“ in Deutschland auseinandersetzen, um mit dem als „Islamkritik“ getarnten Ressentiment gegenüber Muslimen aufzuräumen und eine linke Islamkritik samt Handlungsperspektiven zu formulieren, welche die Religion statt dem Individuum zum Gegenstand hat.

Der Islam als Religion der Staatswerdung
Die Geschichte des Islam unterscheidet sich von der des Juden- und Christentums, obwohl alle drei dem selben Kulturraum entsprungen sind, vornehmlich dadurch, dass sie sehr viel später und damit unter anderen Umweltbedingungen begann. Während sich die beiden christlichen Weltreligionen in ihrer Entstehung auf das „außerwählte Volk“ berufen, das von Gott aus der ägyptischen Sklaverei geführt wird, entstand der Islam in einer historischen Situation, in der die Religion verschiedene formal freie Stämme vereinigen sollte.

Der Islam trat im 7. Jahrhundert an den südlichen und östlichen Küsten des Mittelmeers in die Welt. Zu dieser Zeit lebten dort vor allem umherziehende Hirtenvölker und ortsgebundene Bauern. Mohammed, der Vater der Religion, wurde in ein Hirtenvolk geboren. Den Bauern blieb nichts anderes übrig, als sich mit den umherziehenden Beduinen gut zu stellen und sie mit einer, in Verträgen festgehaltenen, Entlohnung für den Schutz gegenüber anderen Räubern zu engagieren. Ein solches, auf beiderseitigem Nutzen beruhendes Herrschaftsverhältnis entwickelte sich auch zwischen den Nomaden und städtischen Kaufleuten. Der Zusammenschluss von Beduinen auf der einen und den Bauern und Kaufleute auf der anderen Seite, sollte durch den Islam reglementiert werden. Eine zentrale Gefahr für die religiös-politische Bewegung bestand anfänglich vor allem in dem Drang der Beduinen nach der Fortsetzung ihrer Raubzüge gegen verfeindete Stämme. Mohammed und seine Anhänger bannten die Gefahr so gut es ging nach innen, indem sie die militärische Macht der verfeindeten Lager in eine gemeinsame Eroberungsbewegung kanalisierten. Diese sollte als von Gott legitimiert verstanden werden. Juden- und Christen, deren Lehren Mohammed anfangs als Vorbilder dienten, wurden seitdem immer wieder das Ziel von Angriffen der nun islamischen Beduinenstämme. Vor allem da auf sie die Maßlosigkeit ökonomischer Bereicherung projiziert wurde, welche in Gestalt von Handels- und Wucherkapital innerhalb der ehemals polytheistischen Stammesordnung und auch im neu gegründeten Islam unterdrückt wurde. Die frühen Feldzüge unter Mohammed können daher als Ausbruch der inneren Selbstzerrissenheit, als Kehrseite eines sakral geschlossenen Zwangszusammenhangs, interpretiert werden:

[2] „Der Islam […] verwarf den Stammesfanatismus und die Auffassungen und Denkweisen, die damit zusammenhingen, und setzte den Gedanken des Volkes als einer politischen Einheit an ihre Stelle. Er legte den Nachdruck nicht auf Verschiedenheit und Stammespartikularismen, sondern auf die Gemeinsamkeit.“

Die Ausübung der Regierungsgewalt ist in islamistischen Staaten auch heute oft „Mittel zur Verwirklichung des Gesetzes und zur Herstellung einer gerechten islamischen Ordnung.“ [2]. Diese Ordnung legt keinen Wert auf Verschiedenheit, sondern auf die Gemeinsamkeit. Sie ruft zum Krieg um des Glaubens willen auf, weil sie alle bloßen Raubzüge ablehnen muss. Sie lehnt Ausbeutung und Gier nach materiellem Besitz ab und forderte stattdessen sozialen Ausgleich. Kurzum: Der Islam beabsichtigte eine radikale Veränderung der Gesellschaftsordnung, die einerseits der beduinischen Lebensauffassung zuwiderlief, aber gleichzeitig auch die Konzeption der Kaufleute ablehnte [3]. Historisch gesehen tendiert die Religion daher verstärkt dazu, als politischer Kitt für innere Widersprüche missbraucht zu werden, während im Juden- und Christentum von Anfang an eine Pluralität der Stämme gegeben war. Im Mittelpunkt der Scharia-Interpretation, der Lehre von den islamischen Normen und Rechtsgrundsätzen, steht dementsprechend auch nicht der Schutz der persönlichen Freiheit und des Privateigentums, sondern das Ansehen der Glaubensgemeinschaft. Festgeschrieben ist das Verhältnis von individueller Verantwortung und Gemeinwohlorientierung in Sure 3, Koran-Vers 104. Nach jener ist jede*r Gläubige dazu verpflichtet, bei der Beobachtung von unschicklichem Verhalten einzuschreiten. Aber nicht um den Einzelnen vor Schaden, sondern um das Ansehen der Umma zu bewahren. Folglich ist die Feindschaft zwischen Sunniten und Schiiten bis heute groß, da Erstere die Zweiten, aufgrund ihrer Abspaltung im Jahr 661, als Abtrünnige betrachten, die das integrative Prinzip des Islam verraten hätten. Jenes Prinzip findet sich in politischer Reinform unter anderem im Kemalismus wieder und liefert die ideologische Grundlage für die Unterdrückung der kurdischen Bewegung in der Türkei.

Zur heutigen Zeit wird die Tendenz, den Staat als Wächter des göttlichen statt des privaten Eigentums anzusehen, in den arabischen Staaten vor allem dort ausgelebt, wo Erdöl, wie bspw. in Saudi-Arabien, zu einem außerordentlichen Reichtum verhilft. Hier entstand eine starke Zentralgewalt, welcher sich die Gläubigen gerne unterwerfen, um vom, von Allah gestifteten Reichtum, zu profitieren. So kommt es, anders als in der Industrialisierung des Westens, gar nicht erst zur Ausbildung einer, der Kapitalist*innen gegenüberstehenden Klasse, von Arbeiter*innen und damit auch nicht zur Entwicklung der entsprechenden politischen sowie säkularen (Gegen)-Bewegungen. Das Einzige, das der Vergottung des Staates hier entgegengesetzt werden könnte, die Individualität der gesellschaftlichen Subjekte, wird durch vormoderne Herrschaftssysteme, die sich zur Befriedigung der Umma herausgebildet haben, unterdrückt. So erklärt sich die Differenz zwischen ökonomischer und sozialer Entwicklung in ölreichen (Stadt-)Staaten auch durch die Verwurzelung des politischen Systems mit der ur-islamischen Religion.

Dort wo der Ölsegen nicht gar so groß ausfällt und sich der Reichtum vor allem auf die Städte konzentriert, zog die ländliche Bevölkerung, entsprechend den religiösen Vorbildern, immer wieder in die Metropolen, um dort den Reichtum der Städter zu plündern, weil jene sich zugunsten der Religionsgemeinschaft bereichern würden. Diese Dynamik zwischen Stadt und Land, bezeichnet Friedrich Engels als „immergleichen Zyklus islamischer Herrschaft“:

[4] „Der Islam ist eine auf Orientalen, speziell Araber zugeschnittene Religion, also einerseits auf handel- und gewerbetreibende Städter, andrerseits auf nomadisierende Beduinen. Darin liegt aber der Keim einer periodisch wiederkehrenden Kollision. Die Städter werden reich, üppig, lax in Beobachtung des “Gesetzes”. Die Beduinen, arm und aus Armut sittenstreng, schauen mit Neid und Gier auf diese Reichtümer und Genüsse. Dann tun sie sich zusammen unter einem Propheten, einem Mahdi, die Abgefallenen zu züchtigen, die Achtung vor dem Zeremonialgesetz und dem wahren Glauben wiederherzustellen und zum Lohn die Schätze der Abtrünnigen einzuheimsen. Nach hundert Jahren stehen sie natürlich genau da, wo jene Abtrünnigen standen: eine neue Glaubensreinigung ist nötig, ein neuer Mahdi steht auf, das Spiel geht von vorne an.“

Neuere Beispiele, welche zumindest in Teilen dem Vollzug dieses Zyklus entsprechen, sind die iranische Revolution von 1979 oder der Aufstand der Muslimbrüdern 1982 in Syrien.

Der Untergang des Osmanischen Reiches
Von besonderer Bedeutung für die heutige weltpolitische Situation sind jedoch vor allem die geopolitischen Veränderungen während und nach dem Untergang des Osmanischen Reiches. Jene haben nicht nur die Islamisierung der Bevölkerung in den heute islamistisch organisierten Staaten, sondern auch die Feindschaft gegenüber vielen westlichen Staaten befeuert.

Der größer werdende Einfluss der europäischen Großmächte führte unter den Bewohner*innen des Osmanischen Reiches zu Zweifeln an der eigenen Vormacht und der Fähigkeit der Zentralregierung im damaligen Konstantinopel. Durch wirtschaftliche Abhängigkeit von europäischen Konzernen und der Urbanisierung vieler Regionen wurden die bisher regierenden Familienverbände geschwächt. Aufgrund dieser einschneidenden Transformationen, die die arabische Welt schließlich durch den Niedergang des Osmanischen Reiches, die Besetzung Ägyptens durch die Briten und weitere Niederlagen erlitten hat, sahen sich die islamischen Gelehrten im Verlauf des 19. und frühen 20. Jhd. unter Zugzwang. Vor allem der Betrug der Briten und Franzosen gegenüber den Arabern, welche glaubten, sich durch eine Revolte gegen das Osmanische Reich während des ersten Weltkriegs einen eigenen Staat zu verdienen, stellt einen nachhaltigen Bruch zwischen den wichtigsten europäischen Staaten und einer der größten arabischen Bewegungen dieser Zeit dar.

Als Antwort auf die Probleme der kolonialisierten Gebiete entwickelten Vordenker wie Muhammad Abduh oder Raschid Rida ein Islamverständnis, das eine Rückbesinnung auf koranische Werte und Traditionen und den Islam als ideales Gesellschaftssystem propagierte. Würden sich die Muslime wieder wahrhaft auf ihre Religion besinnen, so die Annahme, würde die islamische Welt ihre alte Stärke zurückgewinnen. Politisch äußerte sich diese Sichtweise im Widerstand gegen die alliierten Besatzungsmächte, der in der Koalition mit dem deutschen Nationalsozialismus im zweiten Weltkrieg gipfelte. In diese Zeit fällt auch die Gründung der, in Ägypten durch Hasan al-Bannā 1928 aus der Taufe gehobene, Muslimbruderschaft.

Seit der Niederlage der arabischen Koalition gegen Israel im Sechstagekrieg (1967) verlor die Idee eines neuen panarabischen Nationalstaates endgültig an Bedeutung und wurde vollständig durch den Islamismus ersetzt. Seit den 1970er Jahren befinden sich viele der arabischen Länder zusätzlich in einer tiefgreifenden strukturellen Krise. Sie erleben starke Umstrukturierungsprozesse im Zuge der Globalisierung, da die staatszentrierten Wirtschaftsstrategien, zumindest in Ländern ohne Öl-Exporte, auf dem Weltmarkt zusehends versagen. Die wirtschaftlichen Folgen, welche mancherorts durch die Golfkriege verstärkt wurden, sind ein Katalysator für islamistische Weltanschauungen [5].

Für antiindividualistischen Gegenbewegungen zur Moderne bietet diese, im letzten Jahrhundert entwickelte, Islamauslegung eine ideale Grundlage. Während die Situation in den reichen Ölstaaten noch vom historischen Islam geprägt ist, sind die islamistischen Diktaturen und Terrororganisationen vor allem ein Produkt aus dem Untergang des Osmanischen Reiches und den sich anschließenden politischen Entwicklungen des 20. Jahrhunderts. Neben den historischen Fakten, welche uns für das Verständnis der heutigen Situation der arabischen Staaten vorliegen, wird die Interpretation des Koran natürlich auch maßgeblich von den aktuell herrschenden Umweltbedingungen, unter denen die Interpretierenden leben, beeinflusst. Daraus ergibt sich die Frage, wo und unter welchen gesellschaftlichen Konstellationen islamistisches Gedankengut weiter als Staatsräson gilt und warum sich im arabischen Kulturraum immer wieder erfolgreich Terrororganisationen formieren können.

Dabei muss eine plausible Erklärung veranschaulichen können, wie eine strikte Religionsauslegung massenwirksam werden kann, denn dass eine Hand voll schräger Typen die Idee entwickeln, man müsse jetzt alle „Abtrünnigen“ umbringen, wäre ein Problem, um das sich Psycholog*innen kümmern müssten. Dass allerdings hunderttausende Menschen – von Syrien bis Libyen, von Nigeria bis in den Irak – diese Ansichten teilen und nach ihnen handeln, das ist ein gesellschaftlich verheerendes und damit erklärungsbedürftiges Phänomen [6].

Terror für die Staatswerdung
Wenn man sich dschihadistische Medien ansieht, kann man erkennen, wie die Taten gerechtfertigt werden. Es gibt, neben all den theologischen Argumenten, kaum einen Account, auf dem kein Bild von Guantanamo oder Abu Ghraib ist. Es gibt immer wieder den Verweis auf die von westlichen Staaten geführten Angriffskriege, auf die permanente Erniedrigung und Drangsalierung, die den Muslimen seit der Kolonialzeit widerfahren ist. Zumindest in ihrer Selbstwahrnehmung reagieren die islamistischen Organisationen und Staaten auf die Verheerungen, die andere Länder, vornehmlich NATO-Staaten, in den Regionen definitiv angerichtet haben.
Trotzdem sind Islamist*innen keine Freiheitskämpfer*innen, auch wenn das gewisse Strömungen in der europäischen Linken nicht wahrhaben wollen:

[7] „Festzustellen, dass Kolonialismus und Imperialismus, militärische Verheerungen, die durch die entwickelten kapitalistischen Länder in den hier zu diskutierenden Regionen angerichtet wurden, eine entscheidende Rolle für die Entstehung reaktionärer dschihadistischer Bewegungen spielen, ist etwas anderes, als reaktionäre Milizen als Bündnispartner im Kampf gegen den eigenen Imperialismus zu sehen.“

Die betroffenen Regionen sind, durch die beschriebenen äußeren und inneren Dynamiken, in hohem Ausmaß von Armut und Perspektivlosigkeit betroffen. Hinzu kommen die extremen Gewalterfahrungen durch die (Bürger-)Kriege. Die Staaten, in denen der Dschihadismus wirklich stark ausgeprägt ist – Libyen, Syrien, Afghanistan, Irak und Somalia – sind Failed States. In ihnen gibt es keine funktionierenden staatlichen Mechanismen mehr, der Alltag ist geprägt von Verteilungskämpfen zwischen Milizen, die um Herrschaft über Territorien, Ressourcen und Menschen konkurrieren.

Die Islamist*innen treten in dieser Region als eine Bewegung an, die eine erneute Staatswerdung unter dem Titel des „Kalifats“ durchsetzen wollen. Damit beziehen sie sich auf die zentrale historische Funktion des Islam. Auf Basis der islamischen Schriften wird die Wiederherstellung der Ordnung versprochen, welche, wie schon bei Mohammed, nur gegen die Feinde des Kalifats durchzusetzen sei. Jene sind, neben den äußeren militärischen Gegnern, alle die sich der angestrebten homogenen Struktur der Umma im Inneren nicht fügen können oder wollen. Die Bilder, die wir aus entsprechenden Regionen bekommen, sollten in einer Linken das Bedürfnis hervorrufen, das was dort geschieht unterbinden zu wollen: massenhafte Erschießungen, Enthauptungen, der Verkauf gefangener Frauen in die Sklaverei, hunderttausende Menschen auf der Flucht.

Dazu kommt: Die Stärke des neueren Dschihadismus geht auf eine Zeit zurück, in der weiter entwickelte Staaten sunnitische Bewegungen, vor allem über Saudi-Arabien, förderte und unterstützten. Unter anderem trifft das auf Afghanistan zu, da die USA eine Annektierung durch die Sowjetunion verhindern wollte und daher islamistische Milizen innerhalb des zuvor weitgehend säkularisierten Landes unterstützte. Ob die Militärinterventionen, die seit 2001 gegen die gleichen Staaten geführt werden, zu einem Erfolg über den Terror führen, bleibt fraglich. Militärexperten gehen mittlerweile eher davon aus, dass jeder Luftschlag, jede Drohnenattacke mehr Dschihadist*innen produziert, als dadurch ausgeschaltet werden [8]. Aus diesem Grund halten wir die unkritische Parteinahme für kriegerische Interventionen nicht für angebracht, auch wenn sich diese gegen Dschihadisten richtet. Wir als Linke sollten uns darauf konzentrieren unsere eigenen politische Positionen nach vorne zu bringen und wenn überhaupt lokale Gruppen unterstützen, die sich nachhaltig für die Verwirklichung unserer Werte einsetzen. Ebenso wenig empfinden wir aber Mitleid für Gotteskrieger, die von einer amerikanischen Kugel getroffen wurden. Die moralische Unterstützung von einem marginalisierten Teil der deutschen Linken braucht die US-Army hierfür aber sicher nicht.

Zusätzlich zu den, im ersten Teil der Reihe beschriebenen, arabisch-faschistischen Bewegungen organisieren sich aber auch in Deutschland und Europa Menschen, welche sich dem politischen Islam zugehörig fühlen, d.h. den salafistischen Lehren folgen und den politischen Einfluss von islamistischen Staaten und des Dschihadismus hier vor Ort ausdehnen wollen. Jene stehen oft nicht nur in direktem Kontakt mit den Islamist*innen vor Ort, sondern nutzen letztendlich auch das historisch belastete Verhältnis zwischen vielen westlichen und arabischen Staaten für ihre Propaganda (unter Einwanderern) aus. Neben der praktischen Unterstützung für die kurdische Bewegung in Rojava und dem Kampf gegen deutsche Waffenexporte, gibt es aufgrund der geografischen Entfernung in diesen Konflikten für die außerparlamentarische Linke nicht viele direkte Einflussmöglichkeiten.

Aufklärung wagen?
Egal ob sich islamistische Regimes auf den „Ur-Islam“ beziehen oder Dschihadisten sich als ein Produkt der Neuzeit inszenieren, sie stehen den freiheitlichen Zielen jedweder linken Bewegung definitiv entgegen! Die Existenz von Demokratie und Menschenrechten verdanken wir aber keineswegs nur den westlichen Demokratien. Während der Zeit, in der in Europa das Mittelalter siechte, wurde das „Morgenland“ für das „Abendland“ zur Brücke der Antike in die Moderne. Die Wiederentdeckung der hellenistischen Ideale konnte in der Renaissance nur geschehen, weil die Schriften im islamischen Teil der Welt gelesen und interpretiert, also konserviert wurden.

Während im mittelalterlichen Europa das Christentum mit brutalen Methoden durchgesetzt wurde und den Herrschenden als Machtinstrument gegen die eigene Bevölkerung diente, war in der islamischen Welt die friedliche Koexistenz unterschiedlicher religiöser Auffassungen zeitweise (v.a. zwischen dem 9. und 18. Jhd.) möglich. Trotzdem ist zu erwähnen, dass das Zusammenleben auch in dieser Zeit regelmäßig von antisemitischen Verfolgungen innerhalb der islamischen Staaten und Kriegen gegen afrikanische, asiatische und europäische Mächte gestört wurde. Die Emanzipation der Menschen von der Kirche war ein zentrales Anliegen der in Frankreich begonnenen Aufklärung. Die Forderung nach einer vergleichbaren Aufklärung für die islamische Religion, ist nicht zielführend, da der Koran nicht übersetzt werden muss, er war von Anfang an bereits in der Alltagssprache der Menschen verfasst. Im Islam gibt es keine Mittlerebene, wie die christliche Kirche, welche sich zwischen Gott und den Menschen stellt. Alle Gelehrten stehen, wie der Rest der Bevölkerung, unmittelbar vor Gott. Der immer wiederkehrende Hinweis auf angeblich mangelnde Aufklärung im Islam zeugt eher von mangelhaften Geschichtskenntnissen über die Religion sowie über die Inhalte der Aufklärung. In den Staaten, in denen zeitweise oder bis heute desaströse Zustände herrschen, sind viele der aus vormals aus gemäßigten Familien stammenden Muslime heute noch von ihren eigenen religiösen Wurzeln gekappt. Eine Rückbesinnung auf die eigene Geschichte wäre zur Zurückdrängung des politischen Islams innerhalb der Religion vielleicht gewinnbringender als die Forderung nach einer erneuten Aufklärung.

Durch das Nachzeichnen der Geschichte des Islam und der unterschiedlichen Typen islamistischer Staaten und Bewegungen, sollte klar geworden sein, dass bestimmte Elemente eine historische Kontinuität aufweisen und sich die islamischen Religionsgemeinschaften aufgrund ihrer gemeinsamen Geschichte von anderen Religionen durchaus unterscheiden. Vor allem die im Koran und der Geschichte angelegte Tendenz, mit der Religion einen Staat auf antiindividualistischen und nationalistischen Prinzipien aufzubauen, bildet eine Wahlverwandtschaft zum Islamismus. Dass die Religion mit der Scharia eine explizit formulierte Rechtsordnung aufweist, der sich die Muslime laut dem Koran unterwerfen sollen und auch dass ihnen für die erweiterte Selbsttötung der Eingang ins Paradies versprochen wird, bietet natürlich ein gefährliches Potenzial. Es kann nicht glaubhaft argumentiert werden, der Islamismus sei nicht Teil des Islam, wenn sich Islamist*innen genau auf diese historisch gewachsene Rechtsordnung der Religion stützen. Die gemeinsamen Wesensmerkmale der sehr unterschiedlichen islamischen Religionsgemeinschaften dürfen aber nicht zu dem beliebten Fehlschluss verleiten, dass es in allen Staaten, in denen Muslime die Mehrheit stellen, früher oder später zu einem starken politischen Einfluss der Religion kommen muss oder sich dschihadistische Organisationen herausbilden. Inwiefern sich Religionsgemeinschaften über einen unbewussten Einfluss hinaus überhaupt an den religiösen Schriften oder der eigenen Geschichte orientieren, kann sehr verschieden sein. Eine Christin, die sich gegen Schwulenhass engagiert und ein Muslim, der sich für Frauenrechte einsetzt, sind natürlich sympathischer als alle Pius- und Muslimbrüder zusammen. Wie sie es dabei schaffen, alle abstoßenden Teile ihrer heiligen Schriften auszublenden, ist nicht einfach nachzuvollziehen. Wer allerdings behauptet, „das Wesen des Islam“ hindere Muslime prinzipiell daran, säkular zu sein, müsste zum Beispiel erklären, warum die aktuell wieder aufflammenden Aufstände gegen das islamistische Regime im Iran – welche in der europäischen Linken viel zu wenig Beachtung finden –  ausschließlich von Nicht-Muslim*innen organisiert werden [9]:

[10] „Wer glaubt, „das Christentum“ sei, „da durch die Aufklärung gegangen“, heute etwas völlig anderes als „der Islam“, ist – sagen wir mal: ziemlich mutig. Wenn Hunderttausende in Caracas die Schmerzen des ans Kreuz genagelten Christus zu erdulden glauben, während sie ihre Trauer um den verstorbenen geliebten Führer zelebrieren, und wenn zur gleichen Zeit eine vergleichbar große Menge ihrer Glaubensgeschwister durch Paris marschiert, um gegen die Homoehe zu krakeelen, muss er jedenfalls beide Augen fest zudrücken. „Das Christentum“ gibt es genauso wenig wie „den Islam“. Die vermeintlich unterschiedlichen Entfernungen beider von Aufklärung und Emanzipation erweisen sich regelmäßig als unterschiedliche Entfernungen je einzelner religiöser Strömungen oder Interpretationen.“

Wer die gesellschaftlichen Verhältnisse in einer Region verstehen möchte, muss die Lebensbedingungen, unter denen die Religion ausgeübt wird, berücksichtigen. Erst aus der Interpretation aller Fakten kann zu einem Schluss gelangt werden, welcher sich bei näherem Hinschauen nicht als Ressentiment oder blinde Gefolgschaft entpuppt und sich dementsprechend nur in einem zeitlich und örtlich abgegrenzten Rahmen als zutreffend erweisen kann.

Anmerkungen
[1] Wissenschaftszentrum Berlin – Pressemittelung zur Studie

[2] Die Nacht der Vernunft  (Gruppe Morgenthau)

[3] Duri, Abdalaziz (1979): Arabische Wirtschaftsgeschichte, München.

[4] Friedrich Engels – Zur Geschichte des Urchristentums

[5] Al-Azmeh et al. (2004): Islamismus: Kulturphänomen oder Krisenlösung?

[6] Lower Class Magazin – Einige vorläufige Überlegungen zu einem immer drängender werdenden Problem

[7] untergrundblättle – Die Linke und der Islam

[8] Die Zeit – Die Todesengel kommen wieder

[9] Der Tagesspiegel – Geraten die Mullahs in Bedrängnis?

[10] Emanzipation und Frieden – Zur seltsamen Abwesenheit von Religionskritik in der sog. Islamdebatte