3/4 Zwischen Hass und Verharmlosung – Islamismus und arabischer Faschismus in Deutschland

Erklärungsansätze zum Islamismus
Um die große Beliebtheit, die der Islamismus heute in der arabischen Welt erfährt, verstehen zu können, ist es gewinnbringend, sich mit den historischen Wurzeln der islamischen Religion sowie der politischen Entwicklung der entsprechenden Regionen auseinanderzusetzen. Religionen unterscheiden sich, ansonsten hätte es weder die Kreuzzüge noch den Islamischen Staat gegeben und man hätte sich längst auf einen „wahren Gott“ einigen können. In den gemäßigten Religionsverbänden gibt es die Tendenz einen Dualismus zwischen Religiosität und Moderne herzustellen. Das Forum Deutscher Katholiken will sich bspw. mit seinen„natürlichen Verbündeten“, allen Gläubigen aus den verschiedenen Religionen, den zahlreichen Herausforderungen stellen, die eine „gottferne Zeit“ ihnen aufgebe. Diese Positionierung schreit nach einer allgemeinen Religionskritik, welcher wir uns bereits im zweiten Beitrag der Reihe gewidmet haben.

Auch wenn sich die fünf Weltreligionen, mit Ausnahme des Buddhismus, der aufgrund seiner Glaubensstruktur eine Sonderrolle einnimmt, in ihrer Rückwärtsgewandtheit qualitativ nicht unbedingt voneinander unterscheiden, gibt es eklatante Unterschiede im quantitativen Umfang der Strömungen und Personen, welche sich dem Krieg gegen die Moderne verschrieben haben und Gleichberechtigung und Säkularisierung scheuen, wie der Teufel das Weihwasser. Eine religiöse Gesetzgebung, die Finanzierung von Terrororganisationen und die Verachtung von Menschenrechten und Demokratie findet sich heute sehr oft in mehrheitlich durch Muslime bewohnten Staaten und sogar bei Angehörigen des Islam, die in eigentlich demokratischen Ländern leben. Eine von Berlin aus in Ländern durchgeführte Studie hatte zum Ergebnis, dass mehr als 45% der Muslime in Deutschland die Regeln des Korans für wichtiger halten als die deutschen Gesetze. 61 % gaben an, keine Homosexuelle in ihrem Freundeskreis zu dulden und 28% waren der Meinung, man könne Juden grundsätzlich nicht trauen. Diese Werte sind deutlich höher als in der Vergleichsgruppe, den europäischen Christen oder der Durchschnittsbevölkerung. Christ*innen stellen nur zu 13% religiöse Regeln über staatliches Recht [1].

Dies war nicht schon immer so, weswegen wir die historischen und gesellschaftlichen Entwicklungen nachzeichnen möchten, welche global zur Radikalisierung einer großen Anzahl an Muslimen beitragen, bevor wir uns im letzten Teil der Reihe mit der sogenannten „Islamdebatte“ in Deutschland auseinandersetzen, um mit dem als „Islamkritik“ getarnten Ressentiment gegenüber Muslimen aufzuräumen und eine linke Islamkritik samt Handlungsperspektiven zu formulieren, welche die Religion statt dem Individuum zum Gegenstand hat.

Der Islam als Religion der Staatswerdung
Die Geschichte des Islam unterscheidet sich von der des Juden- und Christentums, obwohl alle drei dem selben Kulturraum entsprungen sind, vornehmlich dadurch, dass sie sehr viel später und damit unter anderen Umweltbedingungen begann. Während sich die beiden christlichen Weltreligionen in ihrer Entstehung auf das „außerwählte Volk“ berufen, das von Gott aus der ägyptischen Sklaverei geführt wird, entstand der Islam in einer historischen Situation, in der die Religion verschiedene formal freie Stämme vereinigen sollte.

Der Islam trat im 7. Jahrhundert an den südlichen und östlichen Küsten des Mittelmeers in die Welt. Zu dieser Zeit lebten dort vor allem umherziehende Hirtenvölker und ortsgebundene Bauern. Mohammed, der Vater der Religion, wurde in ein Hirtenvolk geboren. Den Bauern blieb nichts anderes übrig, als sich mit den umherziehenden Beduinen gut zu stellen und sie mit einer, in Verträgen festgehaltenen, Entlohnung für den Schutz gegenüber anderen Räubern zu engagieren. Ein solches, auf beiderseitigem Nutzen beruhendes Herrschaftsverhältnis entwickelte sich auch zwischen den Nomaden und städtischen Kaufleuten. Der Zusammenschluss von Beduinen auf der einen und den Bauern und Kaufleute auf der anderen Seite, sollte durch den Islam reglementiert werden. Eine zentrale Gefahr für die religiös-politische Bewegung bestand anfänglich vor allem in dem Drang der Beduinen nach der Fortsetzung ihrer Raubzüge gegen verfeindete Stämme. Mohammed und seine Anhänger bannten die Gefahr so gut es ging nach innen, indem sie die militärische Macht der verfeindeten Lager in eine gemeinsame Eroberungsbewegung kanalisierten. Diese sollte als von Gott legitimiert verstanden werden. Juden- und Christen, deren Lehren Mohammed anfangs als Vorbilder dienten, wurden seitdem immer wieder das Ziel von Angriffen der nun islamischen Beduinenstämme. Vor allem da auf sie die Maßlosigkeit ökonomischer Bereicherung projiziert wurde, welche in Gestalt von Handels- und Wucherkapital innerhalb der ehemals polytheistischen Stammesordnung und auch im neu gegründeten Islam unterdrückt wurde. Die frühen Feldzüge unter Mohammed können daher als Ausbruch der inneren Selbstzerrissenheit, als Kehrseite eines sakral geschlossenen Zwangszusammenhangs, interpretiert werden:

[2] „Der Islam […] verwarf den Stammesfanatismus und die Auffassungen und Denkweisen, die damit zusammenhingen, und setzte den Gedanken des Volkes als einer politischen Einheit an ihre Stelle. Er legte den Nachdruck nicht auf Verschiedenheit und Stammespartikularismen, sondern auf die Gemeinsamkeit.“

Die Ausübung der Regierungsgewalt ist in islamistischen Staaten auch heute oft „Mittel zur Verwirklichung des Gesetzes und zur Herstellung einer gerechten islamischen Ordnung.“ [2]. Diese Ordnung legt keinen Wert auf Verschiedenheit, sondern auf die Gemeinsamkeit. Sie ruft zum Krieg um des Glaubens willen auf, weil sie alle bloßen Raubzüge ablehnen muss. Sie lehnt Ausbeutung und Gier nach materiellem Besitz ab und forderte stattdessen sozialen Ausgleich. Kurzum: Der Islam beabsichtigte eine radikale Veränderung der Gesellschaftsordnung, die einerseits der beduinischen Lebensauffassung zuwiderlief, aber gleichzeitig auch die Konzeption der Kaufleute ablehnte [3]. Historisch gesehen tendiert die Religion daher verstärkt dazu, als politischer Kitt für innere Widersprüche missbraucht zu werden, während im Juden- und Christentum von Anfang an eine Pluralität der Stämme gegeben war. Im Mittelpunkt der Scharia-Interpretation, der Lehre von den islamischen Normen und Rechtsgrundsätzen, steht dementsprechend auch nicht der Schutz der persönlichen Freiheit und des Privateigentums, sondern das Ansehen der Glaubensgemeinschaft. Festgeschrieben ist das Verhältnis von individueller Verantwortung und Gemeinwohlorientierung in Sure 3, Koran-Vers 104. Nach jener ist jede*r Gläubige dazu verpflichtet, bei der Beobachtung von unschicklichem Verhalten einzuschreiten. Aber nicht um den Einzelnen vor Schaden, sondern um das Ansehen der Umma zu bewahren. Folglich ist die Feindschaft zwischen Sunniten und Schiiten bis heute groß, da Erstere die Zweiten, aufgrund ihrer Abspaltung im Jahr 661, als Abtrünnige betrachten, die das integrative Prinzip des Islam verraten hätten. Jenes Prinzip findet sich in politischer Reinform unter anderem im Kemalismus wieder und liefert die ideologische Grundlage für die Unterdrückung der kurdischen Bewegung in der Türkei.

Zur heutigen Zeit wird die Tendenz, den Staat als Wächter des göttlichen statt des privaten Eigentums anzusehen, in den arabischen Staaten vor allem dort ausgelebt, wo Erdöl, wie bspw. in Saudi-Arabien, zu einem außerordentlichen Reichtum verhilft. Hier entstand eine starke Zentralgewalt, welcher sich die Gläubigen gerne unterwerfen, um vom, von Allah gestifteten Reichtum, zu profitieren. So kommt es, anders als in der Industrialisierung des Westens, gar nicht erst zur Ausbildung einer, der Kapitalist*innen gegenüberstehenden Klasse, von Arbeiter*innen und damit auch nicht zur Entwicklung der entsprechenden politischen sowie säkularen (Gegen)-Bewegungen. Das Einzige, das der Vergottung des Staates hier entgegengesetzt werden könnte, die Individualität der gesellschaftlichen Subjekte, wird durch vormoderne Herrschaftssysteme, die sich zur Befriedigung der Umma herausgebildet haben, unterdrückt. So erklärt sich die Differenz zwischen ökonomischer und sozialer Entwicklung in ölreichen (Stadt-)Staaten auch durch die Verwurzelung des politischen Systems mit der ur-islamischen Religion.

Dort wo der Ölsegen nicht gar so groß ausfällt und sich der Reichtum vor allem auf die Städte konzentriert, zog die ländliche Bevölkerung, entsprechend den religiösen Vorbildern, immer wieder in die Metropolen, um dort den Reichtum der Städter zu plündern, weil jene sich zugunsten der Religionsgemeinschaft bereichern würden. Diese Dynamik zwischen Stadt und Land, bezeichnet Friedrich Engels als „immergleichen Zyklus islamischer Herrschaft“:

[4] „Der Islam ist eine auf Orientalen, speziell Araber zugeschnittene Religion, also einerseits auf handel- und gewerbetreibende Städter, andrerseits auf nomadisierende Beduinen. Darin liegt aber der Keim einer periodisch wiederkehrenden Kollision. Die Städter werden reich, üppig, lax in Beobachtung des “Gesetzes”. Die Beduinen, arm und aus Armut sittenstreng, schauen mit Neid und Gier auf diese Reichtümer und Genüsse. Dann tun sie sich zusammen unter einem Propheten, einem Mahdi, die Abgefallenen zu züchtigen, die Achtung vor dem Zeremonialgesetz und dem wahren Glauben wiederherzustellen und zum Lohn die Schätze der Abtrünnigen einzuheimsen. Nach hundert Jahren stehen sie natürlich genau da, wo jene Abtrünnigen standen: eine neue Glaubensreinigung ist nötig, ein neuer Mahdi steht auf, das Spiel geht von vorne an.“

Neuere Beispiele, welche zumindest in Teilen dem Vollzug dieses Zyklus entsprechen, sind die iranische Revolution von 1979 oder der Aufstand der Muslimbrüdern 1982 in Syrien.

Der Untergang des Osmanischen Reiches
Von besonderer Bedeutung für die heutige weltpolitische Situation sind jedoch vor allem die geopolitischen Veränderungen während und nach dem Untergang des Osmanischen Reiches. Jene haben nicht nur die Islamisierung der Bevölkerung in den heute islamistisch organisierten Staaten, sondern auch die Feindschaft gegenüber vielen westlichen Staaten befeuert.

Der größer werdende Einfluss der europäischen Großmächte führte unter den Bewohner*innen des Osmanischen Reiches zu Zweifeln an der eigenen Vormacht und der Fähigkeit der Zentralregierung im damaligen Konstantinopel. Durch wirtschaftliche Abhängigkeit von europäischen Konzernen und der Urbanisierung vieler Regionen wurden die bisher regierenden Familienverbände geschwächt. Aufgrund dieser einschneidenden Transformationen, die die arabische Welt schließlich durch den Niedergang des Osmanischen Reiches, die Besetzung Ägyptens durch die Briten und weitere Niederlagen erlitten hat, sahen sich die islamischen Gelehrten im Verlauf des 19. und frühen 20. Jhd. unter Zugzwang. Vor allem der Betrug der Briten und Franzosen gegenüber den Arabern, welche glaubten, sich durch eine Revolte gegen das Osmanische Reich während des ersten Weltkriegs einen eigenen Staat zu verdienen, stellt einen nachhaltigen Bruch zwischen den wichtigsten europäischen Staaten und einer der größten arabischen Bewegungen dieser Zeit dar.

Als Antwort auf die Probleme der kolonialisierten Gebiete entwickelten Vordenker wie Muhammad Abduh oder Raschid Rida ein Islamverständnis, das eine Rückbesinnung auf koranische Werte und Traditionen und den Islam als ideales Gesellschaftssystem propagierte. Würden sich die Muslime wieder wahrhaft auf ihre Religion besinnen, so die Annahme, würde die islamische Welt ihre alte Stärke zurückgewinnen. Politisch äußerte sich diese Sichtweise im Widerstand gegen die alliierten Besatzungsmächte, der in der Koalition mit dem deutschen Nationalsozialismus im zweiten Weltkrieg gipfelte. In diese Zeit fällt auch die Gründung der, in Ägypten durch Hasan al-Bannā 1928 aus der Taufe gehobene, Muslimbruderschaft.

Seit der Niederlage der arabischen Koalition gegen Israel im Sechstagekrieg (1967) verlor die Idee eines neuen panarabischen Nationalstaates endgültig an Bedeutung und wurde vollständig durch den Islamismus ersetzt. Seit den 1970er Jahren befinden sich viele der arabischen Länder zusätzlich in einer tiefgreifenden strukturellen Krise. Sie erleben starke Umstrukturierungsprozesse im Zuge der Globalisierung, da die staatszentrierten Wirtschaftsstrategien, zumindest in Ländern ohne Öl-Exporte, auf dem Weltmarkt zusehends versagen. Die wirtschaftlichen Folgen, welche mancherorts durch die Golfkriege verstärkt wurden, sind ein Katalysator für islamistische Weltanschauungen [5].

Für antiindividualistischen Gegenbewegungen zur Moderne bietet diese, im letzten Jahrhundert entwickelte, Islamauslegung eine ideale Grundlage. Während die Situation in den reichen Ölstaaten noch vom historischen Islam geprägt ist, sind die islamistischen Diktaturen und Terrororganisationen vor allem ein Produkt aus dem Untergang des Osmanischen Reiches und den sich anschließenden politischen Entwicklungen des 20. Jahrhunderts. Neben den historischen Fakten, welche uns für das Verständnis der heutigen Situation der arabischen Staaten vorliegen, wird die Interpretation des Koran natürlich auch maßgeblich von den aktuell herrschenden Umweltbedingungen, unter denen die Interpretierenden leben, beeinflusst. Daraus ergibt sich die Frage, wo und unter welchen gesellschaftlichen Konstellationen islamistisches Gedankengut weiter als Staatsräson gilt und warum sich im arabischen Kulturraum immer wieder erfolgreich Terrororganisationen formieren können.

Dabei muss eine plausible Erklärung veranschaulichen können, wie eine strikte Religionsauslegung massenwirksam werden kann, denn dass eine Hand voll schräger Typen die Idee entwickeln, man müsse jetzt alle „Abtrünnigen“ umbringen, wäre ein Problem, um das sich Psycholog*innen kümmern müssten. Dass allerdings hunderttausende Menschen – von Syrien bis Libyen, von Nigeria bis in den Irak – diese Ansichten teilen und nach ihnen handeln, das ist ein gesellschaftlich verheerendes und damit erklärungsbedürftiges Phänomen [6].

Terror für die Staatswerdung
Wenn man sich dschihadistische Medien ansieht, kann man erkennen, wie die Taten gerechtfertigt werden. Es gibt, neben all den theologischen Argumenten, kaum einen Account, auf dem kein Bild von Guantanamo oder Abu Ghraib ist. Es gibt immer wieder den Verweis auf die von westlichen Staaten geführten Angriffskriege, auf die permanente Erniedrigung und Drangsalierung, die den Muslimen seit der Kolonialzeit widerfahren ist. Zumindest in ihrer Selbstwahrnehmung reagieren die islamistischen Organisationen und Staaten auf die Verheerungen, die andere Länder, vornehmlich NATO-Staaten, in den Regionen definitiv angerichtet haben.
Trotzdem sind Islamist*innen keine Freiheitskämpfer*innen, auch wenn das gewisse Strömungen in der europäischen Linken nicht wahrhaben wollen:

[7] „Festzustellen, dass Kolonialismus und Imperialismus, militärische Verheerungen, die durch die entwickelten kapitalistischen Länder in den hier zu diskutierenden Regionen angerichtet wurden, eine entscheidende Rolle für die Entstehung reaktionärer dschihadistischer Bewegungen spielen, ist etwas anderes, als reaktionäre Milizen als Bündnispartner im Kampf gegen den eigenen Imperialismus zu sehen.“

Die betroffenen Regionen sind, durch die beschriebenen äußeren und inneren Dynamiken, in hohem Ausmaß von Armut und Perspektivlosigkeit betroffen. Hinzu kommen die extremen Gewalterfahrungen durch die (Bürger-)Kriege. Die Staaten, in denen der Dschihadismus wirklich stark ausgeprägt ist – Libyen, Syrien, Afghanistan, Irak und Somalia – sind Failed States. In ihnen gibt es keine funktionierenden staatlichen Mechanismen mehr, der Alltag ist geprägt von Verteilungskämpfen zwischen Milizen, die um Herrschaft über Territorien, Ressourcen und Menschen konkurrieren.

Die Islamist*innen treten in dieser Region als eine Bewegung an, die eine erneute Staatswerdung unter dem Titel des „Kalifats“ durchsetzen wollen. Damit beziehen sie sich auf die zentrale historische Funktion des Islam. Auf Basis der islamischen Schriften wird die Wiederherstellung der Ordnung versprochen, welche, wie schon bei Mohammed, nur gegen die Feinde des Kalifats durchzusetzen sei. Jene sind, neben den äußeren militärischen Gegnern, alle die sich der angestrebten homogenen Struktur der Umma im Inneren nicht fügen können oder wollen. Die Bilder, die wir aus entsprechenden Regionen bekommen, sollten in einer Linken das Bedürfnis hervorrufen, das was dort geschieht unterbinden zu wollen: massenhafte Erschießungen, Enthauptungen, der Verkauf gefangener Frauen in die Sklaverei, hunderttausende Menschen auf der Flucht.

Dazu kommt: Die Stärke des neueren Dschihadismus geht auf eine Zeit zurück, in der weiter entwickelte Staaten sunnitische Bewegungen, vor allem über Saudi-Arabien, förderte und unterstützten. Unter anderem trifft das auf Afghanistan zu, da die USA eine Annektierung durch die Sowjetunion verhindern wollte und daher islamistische Milizen innerhalb des zuvor weitgehend säkularisierten Landes unterstützte. Ob die Militärinterventionen, die seit 2001 gegen die gleichen Staaten geführt werden, zu einem Erfolg über den Terror führen, bleibt fraglich. Militärexperten gehen mittlerweile eher davon aus, dass jeder Luftschlag, jede Drohnenattacke mehr Dschihadist*innen produziert, als dadurch ausgeschaltet werden [8]. Aus diesem Grund halten wir die unkritische Parteinahme für kriegerische Interventionen nicht für angebracht, auch wenn sich diese gegen Dschihadisten richtet. Wir als Linke sollten uns darauf konzentrieren unsere eigenen politische Positionen nach vorne zu bringen und wenn überhaupt lokale Gruppen unterstützen, die sich nachhaltig für die Verwirklichung unserer Werte einsetzen. Ebenso wenig empfinden wir aber Mitleid für Gotteskrieger, die von einer amerikanischen Kugel getroffen wurden. Die moralische Unterstützung von einem marginalisierten Teil der deutschen Linken braucht die US-Army hierfür aber sicher nicht.

Zusätzlich zu den, im ersten Teil der Reihe beschriebenen, arabisch-faschistischen Bewegungen organisieren sich aber auch in Deutschland und Europa Menschen, welche sich dem politischen Islam zugehörig fühlen, d.h. den salafistischen Lehren folgen und den politischen Einfluss von islamistischen Staaten und des Dschihadismus hier vor Ort ausdehnen wollen. Jene stehen oft nicht nur in direktem Kontakt mit den Islamist*innen vor Ort, sondern nutzen letztendlich auch das historisch belastete Verhältnis zwischen vielen westlichen und arabischen Staaten für ihre Propaganda (unter Einwanderern) aus. Neben der praktischen Unterstützung für die kurdische Bewegung in Rojava und dem Kampf gegen deutsche Waffenexporte, gibt es aufgrund der geografischen Entfernung in diesen Konflikten für die außerparlamentarische Linke nicht viele direkte Einflussmöglichkeiten.

Aufklärung wagen?
Egal ob sich islamistische Regimes auf den „Ur-Islam“ beziehen oder Dschihadisten sich als ein Produkt der Neuzeit inszenieren, sie stehen den freiheitlichen Zielen jedweder linken Bewegung definitiv entgegen! Die Existenz von Demokratie und Menschenrechten verdanken wir aber keineswegs nur den westlichen Demokratien. Während der Zeit, in der in Europa das Mittelalter siechte, wurde das „Morgenland“ für das „Abendland“ zur Brücke der Antike in die Moderne. Die Wiederentdeckung der hellenistischen Ideale konnte in der Renaissance nur geschehen, weil die Schriften im islamischen Teil der Welt gelesen und interpretiert, also konserviert wurden.

Während im mittelalterlichen Europa das Christentum mit brutalen Methoden durchgesetzt wurde und den Herrschenden als Machtinstrument gegen die eigene Bevölkerung diente, war in der islamischen Welt die friedliche Koexistenz unterschiedlicher religiöser Auffassungen zeitweise (v.a. zwischen dem 9. und 18. Jhd.) möglich. Trotzdem ist zu erwähnen, dass das Zusammenleben auch in dieser Zeit regelmäßig von antisemitischen Verfolgungen innerhalb der islamischen Staaten und Kriegen gegen afrikanische, asiatische und europäische Mächte gestört wurde. Die Emanzipation der Menschen von der Kirche war ein zentrales Anliegen der in Frankreich begonnenen Aufklärung. Die Forderung nach einer vergleichbaren Aufklärung für die islamische Religion, ist nicht zielführend, da der Koran nicht übersetzt werden muss, er war von Anfang an bereits in der Alltagssprache der Menschen verfasst. Im Islam gibt es keine Mittlerebene, wie die christliche Kirche, welche sich zwischen Gott und den Menschen stellt. Alle Gelehrten stehen, wie der Rest der Bevölkerung, unmittelbar vor Gott. Der immer wiederkehrende Hinweis auf angeblich mangelnde Aufklärung im Islam zeugt eher von mangelhaften Geschichtskenntnissen über die Religion sowie über die Inhalte der Aufklärung. In den Staaten, in denen zeitweise oder bis heute desaströse Zustände herrschen, sind viele der aus vormals aus gemäßigten Familien stammenden Muslime heute noch von ihren eigenen religiösen Wurzeln gekappt. Eine Rückbesinnung auf die eigene Geschichte wäre zur Zurückdrängung des politischen Islams innerhalb der Religion vielleicht gewinnbringender als die Forderung nach einer erneuten Aufklärung.

Durch das Nachzeichnen der Geschichte des Islam und der unterschiedlichen Typen islamistischer Staaten und Bewegungen, sollte klar geworden sein, dass bestimmte Elemente eine historische Kontinuität aufweisen und sich die islamischen Religionsgemeinschaften aufgrund ihrer gemeinsamen Geschichte von anderen Religionen durchaus unterscheiden. Vor allem die im Koran und der Geschichte angelegte Tendenz, mit der Religion einen Staat auf antiindividualistischen und nationalistischen Prinzipien aufzubauen, bildet eine Wahlverwandtschaft zum Islamismus. Dass die Religion mit der Scharia eine explizit formulierte Rechtsordnung aufweist, der sich die Muslime laut dem Koran unterwerfen sollen und auch dass ihnen für die erweiterte Selbsttötung der Eingang ins Paradies versprochen wird, bietet natürlich ein gefährliches Potenzial. Es kann nicht glaubhaft argumentiert werden, der Islamismus sei nicht Teil des Islam, wenn sich Islamist*innen genau auf diese historisch gewachsene Rechtsordnung der Religion stützen. Die gemeinsamen Wesensmerkmale der sehr unterschiedlichen islamischen Religionsgemeinschaften dürfen aber nicht zu dem beliebten Fehlschluss verleiten, dass es in allen Staaten, in denen Muslime die Mehrheit stellen, früher oder später zu einem starken politischen Einfluss der Religion kommen muss oder sich dschihadistische Organisationen herausbilden. Inwiefern sich Religionsgemeinschaften über einen unbewussten Einfluss hinaus überhaupt an den religiösen Schriften oder der eigenen Geschichte orientieren, kann sehr verschieden sein. Eine Christin, die sich gegen Schwulenhass engagiert und ein Muslim, der sich für Frauenrechte einsetzt, sind natürlich sympathischer als alle Pius- und Muslimbrüder zusammen. Wie sie es dabei schaffen, alle abstoßenden Teile ihrer heiligen Schriften auszublenden, ist nicht einfach nachzuvollziehen. Wer allerdings behauptet, „das Wesen des Islam“ hindere Muslime prinzipiell daran, säkular zu sein, müsste zum Beispiel erklären, warum die aktuell wieder aufflammenden Aufstände gegen das islamistische Regime im Iran – welche in der europäischen Linken viel zu wenig Beachtung finden –  ausschließlich von Nicht-Muslim*innen organisiert werden [9]:

[10] „Wer glaubt, „das Christentum“ sei, „da durch die Aufklärung gegangen“, heute etwas völlig anderes als „der Islam“, ist – sagen wir mal: ziemlich mutig. Wenn Hunderttausende in Caracas die Schmerzen des ans Kreuz genagelten Christus zu erdulden glauben, während sie ihre Trauer um den verstorbenen geliebten Führer zelebrieren, und wenn zur gleichen Zeit eine vergleichbar große Menge ihrer Glaubensgeschwister durch Paris marschiert, um gegen die Homoehe zu krakeelen, muss er jedenfalls beide Augen fest zudrücken. „Das Christentum“ gibt es genauso wenig wie „den Islam“. Die vermeintlich unterschiedlichen Entfernungen beider von Aufklärung und Emanzipation erweisen sich regelmäßig als unterschiedliche Entfernungen je einzelner religiöser Strömungen oder Interpretationen.“

Wer die gesellschaftlichen Verhältnisse in einer Region verstehen möchte, muss die Lebensbedingungen, unter denen die Religion ausgeübt wird, berücksichtigen. Erst aus der Interpretation aller Fakten kann zu einem Schluss gelangt werden, welcher sich bei näherem Hinschauen nicht als Ressentiment oder blinde Gefolgschaft entpuppt und sich dementsprechend nur in einem zeitlich und örtlich abgegrenzten Rahmen als zutreffend erweisen kann.

Anmerkungen
[1] Wissenschaftszentrum Berlin – Pressemittelung zur Studie

[2] Die Nacht der Vernunft  (Gruppe Morgenthau)

[3] Duri, Abdalaziz (1979): Arabische Wirtschaftsgeschichte, München.

[4] Friedrich Engels – Zur Geschichte des Urchristentums

[5] Al-Azmeh et al. (2004): Islamismus: Kulturphänomen oder Krisenlösung?

[6] Lower Class Magazin – Einige vorläufige Überlegungen zu einem immer drängender werdenden Problem

[7] untergrundblättle – Die Linke und der Islam

[8] Die Zeit – Die Todesengel kommen wieder

[9] Der Tagesspiegel – Geraten die Mullahs in Bedrängnis?

[10] Emanzipation und Frieden – Zur seltsamen Abwesenheit von Religionskritik in der sog. Islamdebatte