4/4 Zwischen Hass und Verharmlosung – Islamismus und arabischer Faschismus in Deutschland

Das Spannungsfeld „Antimuslimisches Ressentiment – Islam – Islamismus“
Der Kampf gegen gesellschaftliche Unterdrückungsstrukturen ist nicht frei von Widersprüchen. Das zeigt sich auch in der sog. „Islamdebatte“, welche seit etwa 20 Jahren auch in der deutschen Linken geführt wird. Linke Politik stellt sich qua ihrer Definition gegen die Unterdrückung von Menschen, u.a. gegen Rassismus, Antisemitismus, Homo- und Transfeindlichkeit sowie alle anderen antiemanzipatorischen Einstellungen, wozu auch viele religiöse Dogmen gehören. Das Abbauen von diskriminierenden Denkmustern beinhaltet dabei auch den Kampf gegen politische Gegner*innen, welche jene aufrechterhalten wollen oder zu stärken versuchen. Das Verteidigen der Religionsfreiheit bei gleichzeitiger Religionskritik oder der Kampf gegen antimuslimische Ressentiments bei gleichzeitigem Widerstand gegen Islamismus, sind typische Ambivalenzen, welche sich aus dem Kampf gegen Unterdrückungsmechanismen ergeben. Die Notwendigkeit Widersprüche im eigenen Denken sowie Handeln auszuhalten und sich einzugestehen, auch Fehler machen zu dürfen, ergibt sich vor allem daraus, dass Menschen gleichzeitig als schützenswerte Individuen und Träger*innen abzulehnender Ideologie sein können.

Dies gilt insbesondere in einem Themenfeld, welches zum einen neu für die antifaschistische Linke ist, als auch in einer Zeit, in der antimuslimische Bewegungen auf einem neuen Höhepunkt zu sein scheinen. Pegida und der intellektuelle Rechtsextremismus schüren strategisch Vorurteile gegen islamische Einwanderer, während bewaffnete Neonazis, wie z.B. der NSU, zur Tat schreiten. Getragen werden diese Akteure von einem gesellschaftlichen Klima, dass den Islam, bis in die Reihen der Sozialdemokratie, in kulturchauvinistischer Manier als Inbegriff des Rückschritts und der Unterdrückung begreift. Es soll (unbewusst) vom eigenen Weltbild, den Toten an den EU-Außengrenzen und der totbringenden wirtschaftlichen Konkurrenz auf dem Weltmarkt, abgelenkt werden. Politiker*innen lassen in Deutschland selten eine Gelegenheit aus, sich als tolerant, weltoffen und fortschrittlich zu inszenieren. Eine Glorifizierung der „westlichen Zivilisation“ in Abgrenzung zur „islamischen Barbarei“ ist für uns hingegen nicht zielführend. Vielmehr gehören beide Phänomene, Kulturchauvinismus und Islamismus, in ihren Eigenheiten analysiert und mit den geeigneten Mitteln bekämpft. Diese Erkenntnis fordert, nicht darüber hinweg zu sehen, dass es qualitative Unterschiede zwischen den im Grundgesetzt verankerten Werten und der wörtlichen Interpretation der Scharia gibt. Diese Unterschiede werden auch in der Linken allzu oft kulturrelativierend gerechtfertigt, dabei besteht auch innerhalb Deutschlands ein massives Problem mit islamistischen Einstellungen, die von der wörtlichen Auslegung der islamischen Schriften (Fundamentalismus) bis zum bewaffneten Kampf (Dschihadismus) reichen.

Nicht alle oben genannten Menschenfeindlichkeiten funktionieren auf die gleiche Weise. Eine ernstzunehmende Kritik muss daran arbeiten, die Abstraktheit der Begriffe zu reduzieren und stattdessen klar zu machen, wie sich die Phänomene in der Realität äußern und wie man ihnen begegnen kann. Antisemitismus, Kulturchauvinismus und Islamismus als leere Worthülsen nebeneinander zu stellen, welche sich nur dadurch unterscheiden würden, dass man sich in Opposition zu allen dreien positionieren müsse, wie es Farid Hafez in einem Interview mit dem TAZ-Redakteur Fabian Goldmann kürzlich getan hat, führt zur Beliebigkeit linker Kritik, welche so weder Prioritäten setzen, noch angemessen auf politische Veränderungen hinarbeiten kann [1].

Rassismus, Antisemitismus und Antimuslimische Ressentiments
Niemand käme in Diskussionen über die abscheulichen Verbrechen des NSU und seiner Unterstützer auf die Idee, den Rassismus der Täter*innen zu verschweigen. In Diskussionen um islamistische Anschläge ist jedoch regelmäßig zu hören, dass eine Kritik der Ideologie, welche die Täter*innen antreibt, rassistische Vorurteile befeuern würde. Diesen Aussagen liegt ein falsches Verständnis des Phänomens zugrunde, was sich auch durch die Wortwahl des „antimuslimischen Rassismus“ äußert. Es gibt die Vorstellung, dass „die Juden von heute“ doch eigentlich die Muslime seien. Wer dieser Vorstellung anheimfällt, hat weder etwas von Antisemitismus, noch vom Rassismus verstanden. Die Feindschaften gegen Juden oder Muslime entspringen meist nicht einfachen Vorurteilen und sind schon gar keine verschiedenen Unterarten von Rassismus. Kein Mensch unterstellt den Muslimen, sie regierten die Finanzsphäre und würden das Schicksal der Menschheit mittels geheimer Netzwerke bestimmen. Vielmehr ist es so, dass sich die Feindschaft gegen Muslime häufig mit antisemitischen Ideen ergänzt: Antisemitismus ist dabei so etwas wie die größte Verschwörungstheorie der Welt, die den Juden Allmacht zuspricht und sie damit für die Vernichtung der deutschen Rasse verantwortlich macht, da die Juden ein „undeutsches“ Gesellschaftssystem etabliert hätten, was es den muslimischen Einwanderern, die diese Vernichtung in die Tat umsetzen, erst erlauben würde, hier her zu kommen.

Der wichtigste Unterschied aber ist, dass Antisemitismus die Juden nicht als Religionsgemeinschaft, sondern als Rasse begreift. Von Rechten verfolgt werden nicht nur Kippa-Träger, sondern auch alle Menschen „jüdischer Abstammung“. Natürlich werden auch immer wieder Personen zur Zielscheibe, welche aufgrund ihres Aussehens für Muslime gehalten werden, die Ideologie, die dem antimuslimischen Ressentiment zugrunde liegt, sieht aber nicht die unveränderliche Hautfarbe (Rassismus) oder die Abstammung aus einer jüdischen Familie (Antisemitismus) als Problem, sondern phantasiert die Zerstörung der deutschen „Kultur“ oder „Identität“ durch die Anwesenheit von Muslimen herbei. Teil des Ressentiments sind Denkmuster, die mit Rassismus, also der Abwertung der Menschen an sich, nichts zu tun haben:

[2] „Das wird an der gängigen Argumentation gegen eine befürchtete „Überfremdung“ deutlich. Das Schlimme daran, dass „wir“, so diese Rede, in absehbarer Zeit zu „Fremden im eigenen Land“ werden könnten, wird in aller Regel nicht als drohende Übernahme durch eine fremde „Rasse“ imaginiert, sondern durch eine fremde „Kultur“. Diese passe nicht zu der „unseren“, denn „wir“ seien schließlich für Demokratie und Menschenrechte – ganz im Gegensatz zu den Muslimen, die gar nicht aufgeklärt und säkular sein könnten.“

Neben dem chauvinistischen Bezug auf die Menschenrechte, sind die, an den Antisemitismus anschlussfähigen, verschwörerischen Elemente für das antimuslimische Ressentiment von großer Bedeutung. Diese gipfeln in Aussagen über die „Gebärmutter als Geheimwaffe des Islam“. Es handelt sich um ein gefährliches Ressentiment, da es weit verbreitet ist und enormes Gewaltpotential entfaltet. Die Erkenntnis, dass hier Menschen aufgrund „ihrer Kultur“ bzw. ihres Verhaltens (der Migration nach Europa) angegriffen werden, ist zentral: Es gibt unter vielen Rechten keine Islamfeindlichkeit im rassistischen Sinne. Muslime sind lediglich Feinde, wenn sie in Deutschland leben. In ihrem angestammten Kulturraum, so wusste schon Hitler, können sie zu einem erstklassigen Verbündeten werden.

Von der Herkunft zur Rasse
„Antimuslimischer Rassismus“ und besonders der Begriff „Islamophobie“ sind aber nicht bloß Konzepte, die zu Missverständnissen über antimuslimische Einstellungen führen, sie delegitimieren darüber hinaus auch die dringend notwendige Kritik am Islam und am Islamismus, weil sie die Ablehnung einer Religion mit der Verachtung von Menschen verwechseln. Diese Verwechslung findet bis in die höchsten staatlichen Stellen Anwendung: Demnach lebten nach Angaben der Bundesregierung Ende 2015 um die 4,5 Mio. Muslime in Deutschland. Als „Muslime“ gelten dabei allerdings sämtliche Menschen mit Migrationshintergrund, die aus einem Land mit mehrheitlich muslimischen Einwohner*innen kommen. Es wird also völlig ignoriert, dass diese Menschen ganz unterschiedlichen Religionen angehören und auch als Muslime mehr oder weniger religiös sein können. Genauso reduziert die Aussage, Islamfeindlichkeit sei rassistisch, die Menschen auf ihre vermeintliche Religion und spricht ihnen ab, dem Islam den Rücken kehren zu können. Die Konzepte „Islamophobie“ und „antimuslimischer Rassismus“ schreiben die Zugehörigkeit zum Islam als ethnisches Merkmal der einzelnen Muslime fest und manifestieren letztendlich das, wogegen sie sich aussprechen: den Rassismus. Die angewandten Konzepte führen letztendlich zu einer so starken Reduktion der Komplexität, dass die Wirklichkeit nur noch als schwarz/weiß Schemata wahrgenommen werden kann. Es scheint fortan so, als könnten Menschen aus bestimmten Ländern gar nicht anders, als ein durch die religiösen Regeln des Islam vorgegebenes Leben zu leben. Der Islam muss stattdessen als eine religiöse Ideologie analysiert werden, um sie zugänglich für Kritik zu machen und allen Muslimen die Möglichkeit zu geben, sich von ihrer Religion zu befreien.

Dass der Begriff „Islamophobie“ auch immer wieder gezielt in Stellung gebracht wird, wenn islamistisches Gedankengut legitimiert werden soll, zeigt die aktuelle Debatte um den „Europäischen Islamophobiebericht“ [3]. Der Begriff hat überdies aber auch eine aussagekräftige Geschichte, welche von Caroline Fourest und Fiammetta Venner 2003 in der Jungle World dargelegt wurde:

[4] „Das Wort wurde zum ersten Mal 1979 von den iranischen Mullahs verwendet, die jene Frauen, die sich weigerten, den Schleier zu tragen, zu »schlechten Muslimen« degradierten, indem sie sie bezichtigten, »islamophob« zu sein. Der Begriff ist dann in der Rushdie-Affäre reaktiviert worden, und zwar von Londoner islamistischen Vereinigungen wie Al Muhajiroun oder der Islamic Human Rights Commission, deren Statuten vorsehen, »die Informationen über den Missbrauch der Rechte Gottes zu sammeln«. Tatsächlich fällt der Kampf gegen die »Islamophobie« in diese Kategorie, da er alle Angriffe auf die fundamentalistische Moral umfasst (Homosexualität, Ehebruch, Blasphemie usw.). Die ersten Opfer der »Islamophobie« sind in ihren Augen die Taliban, während die von diesen Gruppen am häufigsten genannten »islamophoben« Täter Salman Rushdie oder Taslima Nasreen heißen. Anstatt irgendeinen Rassismus zu bezeichnen, dient das Wort in Wirklichkeit dazu, diejenigen zu disqualifizieren, die sich den Fundamentalisten widersetzen, und das sind zuerst die Feministinnen und die liberalen Moslems. […] Dabei ist alle Welt dem Begriff der »Islamophobie« auf den Leim gegangen. Nachdem er sich in den britischen antirassistischen Vereinigungen durchgesetzt hat, ist das Wort in Frankreich von dem Philosophen und Theoretiker Tariq Ramadan inthronisiert worden, dessen widersprüchliches Auftreten als reformistischer fundamentalistischer Moslem und als Dritte-Welt-Aktivist es erlaubt hat, das Wort schnell bei der extremen Linken zu verbreiten. Seither treibt es unsere Debatten in die Falle, indem es all jene, die es wagen, sich den radikalen und politischen Interpretationen des Islam zu widersetzen, systematisch zu Angeklagten macht.“

Und auch der Begriff des „antimuslimischen Rassismus“ soll Islamkritiker*innen bisweilen mundtot machen. Im Frühjahr 2019 wurde die Frankfurter Professorin Susanne Schröter Opfer einer Hetzkampagne, weil sie eine Konferenz zum Thema Kopftuch veranstalten wollte. Gegenstand der Kampagne waren nicht etwa Positionen, die auf der Konferenz vorgetragen wurden, sondern der Umstand, dass Schröter selbst keine Muslima ist:

[5] „Die Proteste gegen die Konferenz waren der Versuch, ein Exempel zu statuieren. […] Über den Islam sollen nur noch Muslime diskutieren. Mit dem ­Begriff „antimuslimischer Rassismus“ hat man geglaubt, mich zum Aufgeben zu bringen.“ Auf der Konferenz zeigte Schröter auf, dass das Kopftuch nicht nur ein Kleidungsstück ist, sondern oft der erste Schritt zur Islamisierung ganzer Gesellschaften. Ob Indonesien oder Ägypten – was vor Jahrzehnten mit einer harmlos daherkommenden Kampagne für das Kopftuch begonnen habe, habe damit geendet, dass sich Frauen in der Öffentlichkeit verhüllen müssen. Es gebe sogar einige islamische Geistliche, die Männern das Recht zugestehen, Frauen zu vergewaltigen, die sich nicht an die islamischen Kleidervorschriften halten. Das Kopftuch habe eine private und eine systemische Bedeutung: Ein Kopftuch sagt nichts über die Trägerinnen aus. Eine Frau könne Feministin sein und ein Kopftuch tragen. […] Doch wo das Tragen des Kopftuchs vom politischen Islam gefordert werde, sei die Freiheit von Frauen in Gefahr.“

Die Opfer des Islamismus
In der sog. „Kopftuchdebatte“ zeigen sich die gleichen zu kurz gedachten Argumente, die ebenfalls von den Konzepten der „Islamophobie“ und des „antimuslimischem Rassismus“ inspiriert werden. Millionen Frauen leiden weltweit unter dem Zwang das Kopftuch tragen zu müssen, der ihnen wahlweise von der Familie oder in islamischen Staaten gleich per Gesetzt auferlegt wird. Leider spielt die Solidarität mit diesen Frauen unter den meisten Linken keine große Rolle, stattdessen bekommt man zu hören, das Kopftuch sei doch die „freie Entscheidung“ der Frauen, die respektiert werden müsse. Selbst Feministinnen feiern das Kopftuch mitunter sogar als Symbol selbstbestimmter religiöser Identität und Nichtanpassung an den Westen. Viele Frauen wählen auch die AfD und gehen auf Märsche gegen Abtreibungen. Sind dies ab jetzt also auch Einstellungen, die wir als Linke einfach akzeptieren sollen? Nein, denn Zwänge können auch internalisiert sein und werden dann gar nicht mehr als solche wahrgenommen. Eine linke Analyse sollte auch die zugrundeliegende fundamentalistische Ideologie in den Blick nehmen, wenn sie regressive Phänomene verstehen will, statt sich ausschließlich auf einzelne Meinungen zu verlassen. Dass einige Personen versuchen, die Diskriminierung, die sie aufgrund ihrer Religion erfahren, in etwas Positives umzudeuten oder dem vereinzelnden Individualismus unserer Zeit eine kuschelige Gruppenidentität entgegenzusetzen, spricht eher für die Auseinandersetzung mit ideologischem Denken und weniger dafür, dem Urteil einer einzelnen Person in komplexen Diskursen blind zu vertrauen. Dies soll nicht bedeuten, dass die Beschäftigung mit Einzelschicksalen völlig wertlos ist, sondern dass reflektiert werden muss, bei welchen Fragen jene hilfreiche Antworten oder zumindest Denkanstöße bieten können.

Was die beiden Konzepte aber besonders heuchlerisch macht, ist, dass sie verkennen, dass die Verharmlosung des Islamismus Muslim*innen auf zwei Arten am meisten schadet. Die eine Art entsteht aus dem kulturrelativierenden Dogmatismus, der sich häufig darin äußert, dass „wir Deutsche oder Europäer“, aus der Erinnerung an den Holocaust und den Kolonialismus die moralische Verpflichtung hätten, andere Kulturen und Religionen so zu akzeptieren, wie sie sind. Das stimmt unter Umständen, wenn daraus der Kampf gegen Menschenfeindlichkeit folgt. Das stimmt aber ganz und gar nicht, wenn aus der Verpflichtung ein Kritik- oder gar Beschäftigungsverbot gegenüber Religionen und „kulturellen“ Praktiken wird [2]. Genau das aber ist das Problem an der Debatte: die meisten Opfer des Fundamentalismus und Islamismus sind nun mal Muslime. Im Fall des Dschihadismus z.B. die durch den Islamischen Staat massenweise misshandelten Mädchen und Frauen oder die kurdischen Kämpfer*innen. Im Fall des Fundamentalismus aber auch alle islamischen Frauen in Deutschland, deren männliche Kleinkinder mehr Eigenständigkeit besitzen als sie selbst. Die Konzepte der „Islamophobie“ und des „antimuslimischen Rassismus“ lassen viele Linke glauben, dieses Leid sei in irgendeiner Form akzeptabel. Oder sie haben Angst als „rassistisch“ zu gelten, sollten sie es wagen, eine Kritik am Islamismus zu formulieren. Doch genau mit dieser Geringschätzung der Opfer verhalten sie sich selbst rassistisch, indem sie die Religion der Täter*innen als unüberwindbare ethnische Kategorie hinnehmen. Die Thematisierung von Fundamentalismus, Dschihadismus und auch Religionskritik als solche, ist hingegen eine migrationsfreundliche Debatte, indem sie dabei hilft, denjenigen, die im Islam nur das reine Böse sehen und Muslime in ihrer Existenz bedrohen, den Wind aus den Segeln zu nehmen. Solidarität mit progressiven Muslimen und Islamkritiker*innen sollte, neben dem Kampf gegen deutsche Rechte, eine der obersten Prioritäten der antifaschistischen Linken sein! Denn ansonsten verhöhnt man nicht nur die Opfer des Islamismus, sondern lässt zu, dass Rechte ein leichtes Spiel dabei haben, sie ein zweites Mal mit ihrem antimuslimischen Ressentiment zu belegen. Durch ihre fehlerhaften Konzepte hat die Linke den Aufstieg der AfD schon mitverschuldet und so dem Kampf gegen antimuslimische Ressentiments geschadet, Zeit damit aufzuhören.

Gegen Integration und Ausgrenzung
Neben dem Kampf gegen islamistische Organisationen und antimuslimische Vorurteile, stellt sich auch die Frage, wie die Linke sich in der dritten wichtigen, der sog. „Integrationsdebatte“, verhalten solle. Ist jene als ausländerfeindlich abzulehnen oder ist eine Verbesserung der Integration von (muslimischen) Einwanderern im Sinne antifaschistischer und linker Politik?

Ja und nein. Die bürgerlich-liberale Akteure fordern von Zugewanderten, genau wie von Einheimischen, vor allem das Erlernen der Sprache und Engagement im (Aus-)Bildungssystem, um sie auf dem Arbeitsmarkt verwertbar zu machen:

[6] „Um in der EU leben zu dürfen, muss etwas angeboten werden: eine möglichst hohe Qualifikation, die auch noch auf dem Arbeitsmarkt nachgefragt wird. Dann darf es auch mal jemand aus Tunesien oder Algerien sein. So funktionieren Menschenwürde und Freizügigkeit im bürgerlichen Nationalstaat. Wer seinen Kriterien nicht entspricht, muss eben zuhause bleiben, egal wo das ist. […] Dass Staat und Kapital den Bedürfnissen der Menschen dienen, wird als Ideologie immer unglaubwürdiger.“

Konservative und rechte Ideolog*innen gehen oft noch einen Schritt weiter, indem sie die beschriebenen kulturchauvinistischen und antimuslimischen Ressentiments schüren, weil sie die unmenschlichen Zustände, die der Kapitalismus für alle Menschen bereithält, nicht verstehen oder die Schuld zumindest lieber auf eine Minderheit abschieben wollen. Thilo Sarrazins immer noch anhaltende Hetze gegen Menschen, „die ökonomisch nicht gebraucht werden“ und „ständig kleine Kopftuchmädchen produzieren“, befriedigt das primitive Bedürfnis frustrierter Deutscher nach Abgrenzung. Die CSU hat das Verständnis von Integration, was aus diesen menschenfeindlichen Einstellungen entsteht, in einem „Integrationsgesetzt“ festgehalten. Zum Glück ist sie damit in Teilen mittlerweile vor dem Verfassungsgericht gescheitert [7]:

[8] „Alle von dem Gesetz Betroffenen werden auf eine vage umrissene „deutsche Wertegemeinschaft“, und eine „Leitkultur“, verpflichtet. Das Gesetz unterscheidet „Ausländer“, „Halb-Ausländer“ und „Viertel-Ausländer“ von „Bio-Deutschen“ und betrifft alle Menschen mit mindestens einem Großelternteil, welches „nicht deutsch“ ist, d.h., dass dieses nicht seit spätestens 1955 in Deutschland lebt. Bei Zuwiderhandlungen im Sinne des neuen Gesetzes können Betroffene zu zwangsweisen Integrationsmaßnahmen verpflichtet und bei deren Verweigerung mit Geldbußen bis zu 50.000€ belegt werden.“

Weder das neoliberale noch das regressive Verständnis von Integration ist für eine linke Bewegung anschlussfähig. Vielmehr muss herausgestellt werden, dass die Beschaffenheit der bürgerlichen Gesellschaft an sich zu überwinden ist. Integration als Maßnahme, um deutsche Interessen zu befriedigen, seien sie nun „kulturell“ oder ökonomisch, ist für uns uninteressant!

Islamistische Kontinuitäten in Deutschland
Fundamentalistische und dschihadistische Einstellungen einfach hinzunehmen, kann für uns aber ebenso keine Option sein. Integration sollte aus unserer Sicht für alle Menschen die gleichen Möglichkeiten schaffen, an den Freiheiten der Gesellschaft bestmöglich teilzuhaben und ihre vorhandenen Rechte in Anspruch zu nehmen. Dabei spielt es weniger eine Rolle wie die aktuelle Gesellschaftsordnung verfasst ist oder ob es bessere Alternativen geben würde, vielmehr geht es darum keine zusätzlichen Benachteiligungen für spezifische Personengruppen zu schaffen. Auch wenn wir uns in diesem Text mit dem Beispiel des fundamentalistischen Islam beschäftigen, sollte dieses Prinzip selbstredend auch für alle andere gesellschaftliche Gruppen gelten, welche von Diskriminierung betroffen sind oder Hilfe bei der Realisierung ihrer Rechte benötigen.

Dieses Ziel erfordert aber auch die Frage zu beantworten, welche spezifischen Hindernisse Menschen von der Partizipation an diesen Rechten und Freiheiten abhalten. Im Fall von Menschen, die auf einen Rollstuhl angewiesen sind, wären das unter anderem bauliche Hindernisse in der Architektur der Städte, die mit einem Rollstuhl nicht überwunden werden können.

Warum aber gibt es bei Muslimen eine große Tendenz dazu, die Wertvorstellungen, einer auf Partizipation und Gleichheit beruhenden Gesellschaftsordnung, abzulehnen und lieber an der Unterdrückung von Frauen, Schwulen und Kurd*innen im Rahmen der Religion mitzuwirken? Eine Emnid-Umfrage unter türkischen Einwanderern und ihren Nachkommen, die durch das Exzellenzcluster „Religion und Politik“ der Universität Münster durchgeführt wurde, kam z.B. zu dem Ergebnis, dass man unter den Teilnehmenden einen „beträchtlichen Anteil an islamisch-fundamentalistischen Einstellungen erkennen [kann], die schwer mit den Prinzipien moderner Gesellschaften zu vereinen sind“ [9].

Gleichzeit bemängelt die Mehrheit der Befragten aber sozial nicht anerkannt und von Diskriminierung betroffen zu sein. Sozialer Ausschluss und das Gefühl benachteiligt zu werden macht anfällig für autoritäre Ideologien. Besonders unter Verweis auf Kolonialismus, Kriegsverbrechen gegen mehrheitlich islamische Bevölkerungen und die teils prekäre Lage islamischer Staaten, können islamistische Gruppen bei Betroffenen zusätzliche Sympathien für die eigenen Ziele schaffen. Dass islamistische Einstellungen, wie bereits dargelegt wurde, nicht an die Herkunft der Träger*innen geknüpft sind, ist auch daran zu sehen, dass Konnvertit*innen besonders anfällig für Radikalisierungsprozesse sind. Sie schließen sich meist aus ähnlichen Gründen (Suche nach einem Zugehörigkeitsgefühl, Macht, Gefühlte Benachteiligung etc.) überhaupt dem Islam an. So trägt die deutsche Mehrheitsgesellschaft eine Mitschuld am Fortbestehen der islamistischen Ideologie. Eine Kritik sollte daher immer auch darstellen, wie eine Aufgabe der Ideologie zu einer verbesserten gesellschaftlichen Position beitragen kann und wie die Mehrheitsgesellschaft verändert werden muss, um Radikalisierungsprozessen entgegenzuwirken.

Eine alternative Erklärung bezieht sich auf die Migrationsprozesse, mit denen ein Großteil der islamischen Familien in den letzten 70 Jahren nach Deutschland gekommen sind. Es wird angenommen, dass Anpassungsschwierigkeiten im Aufnahmekontext dazu führen, dass die Eingewanderten an vertrauten Ritualen festhalten und sich in Communities organisieren. Lernen die Menschen dort in den Aufnahmekontext gut integrierte Personen kennen, werden die Communities zum „Sprungbrett“. Die Gefahr besteht allerdings darin, dass Communities sowohl vom Herkunfts- als auch vom Aufnahmekontext abgeschnitten sind. So werden auch die gesellschaftlichen Veränderungen im Herkunftsland nicht mehr vollständig wahrgenommen. Auswanderer weisen aus diesem Grund oft eine konservativere Einstellung als Personen in ihrem Herkunftsland auf. Der Erklärungsansatz findet vor allem auf die überdurchschnittlich großen Wahlerfolge der AKP in Deutschland Anwendung. Islamische Reformer*innen wie die Feministin Seyran Ateş kritisieren die islamischen Communities in Deutschland, indem sie darauf hinweisen, dass es vor allem die fundamentalistischen und die gewaltbereiten Muslime sind, welche sich bisher gut organisiert haben. Reformer*innen, welche Einwanderern zeigen könnten, wie Religion im Einklang mit den bürgerlichen Freiheiten gelebt werden kann, seien es bisher noch nicht [10].

Eine dritter Erklärungsansatz setzt am traditionellen Geschlechterverhältnis an, welches sich in vielen muslimischen Familien in Deutschland nachweisen lässt. Die fehlende Anpassung dieser Vorstellung an die moderne Welt, begründet sich vor allem durch die neuere Geschichte der Religion, welche im dritten Teil der Reihe ausführlich dargelegt wurde. Der Vorwurf der mehrheitlich weiblichen Autor*innen lautet: Muslimische Mütter erziehen ihre Söhne viel zu oft zu Prinzen oder Machos [11, 12, 13]. Einer Konfrontation mit der gesellschaftlichen Realität im Erwachsenenalter halten sie dadurch nicht stand und suchen Zuflucht in fundamentalistisch-religiösen Gemeinschaften. Auch hier geht es wieder um internalisierte Zwänge, die von muslimischen Müttern an die eigenen Kinder weitergegeben werden. In einem Interview beschreibt Zana Ramadani ihre Erfahrungen, die sie beim Aufwachsen in einer islamischen Community in Deutschland gemacht hat:

[14] „Im islamischen Kulturkreis ist es so, dass noch immer fast ausschließlich Frauen erziehen. Die Frauen haben die Werte, unter denen sie selbst oft gelitten haben, so verinnerlicht, dass sie sie sowohl an ihre Söhne als auch an ihre Töchter weitergeben. Die Jungs werden schon von klein auf als Prinzen behandelt und verhätschelt. Die Mädchen werden vor allem zur Tugendhaftigkeit angeleitet. Sie müssen von Anfang an im Haushalt arbeiten und der Mutter helfen, die Männer der Familie zu verziehen. […] Frauen sind Bedienstete. Frauen sind Sklavinnen. Wir sind Ware. Wir haben uns züchtig zu benehmen. Wenn wir einem Mann zu lange in die Augen sehen, dann wollen wir ihn reizen und erregen. Alles, was wir tun, und alles, was wir sind, ist reine Provokation. Deswegen müssen wir uns verhüllen. Zugleich wird Männern damit unterstellt, dass sie triebgesteuerte Vergewaltiger sind. Und dann ist da natürlich noch dieser Jungfrauenwahn. Die Ehre der Familie befindet sich zwischen den Beinen der Tochter.

[…] Andererseits gibt es im Koran auch Frauenhuldigung. Die Mutter hat Heiligenstatus. Die Frau ist in manchen Suren und Hadithen die Heilige. In anderen ist sie das Gegenteil, da ist sie die Schamlose, das Saatfeld des Mannes, der sich an ihr sexuell bedienen darf. Es ist so, dass die Frau gut ist, solange sie sich rein und züchtig verhält, solange sie sich unterordnet und gehorcht und funktioniert. Man wird geehrt und gut behandelt, wenn man sich fügt.“

Auch wenn diese Schilderung keine Repräsentativität für alle muslimischen Familien besitzt, weist Ramadani auf Tatsachen hin, die man in Stadtteilen mit hohem Anteil an Muslimen leicht beobachten kann: Während die Männer das öffentliche Leben auf der Straße, in Cafés und „Kulturvereinen“ dominieren, werden die Frauen ins Private verdrängt. Ein Lösungsansatz wäre, muslimische Frauen in eine Position zu bringen, in der sie sich gegenüber ihren Männern besser behaupten können. Sie sind der „Schlüssel zur Familie“ und damit zu den nächsten Generationen. Islamistische Einstellungen lassen sich so unter Umständen von innen heraus bekämpfen.

Resümee der Reihe
Am Ende des letzten Teils der Reihe bleibt uns nicht viel mehr als die Feststellung, dass das Spannungsfeld „Antimuslimisches Ressentiment – Islam – Islamismus“ in Deutschland und auch global noch viel zu wenig Beachtung von Linken bekommt. Dies mag einerseits an der Komplexität des Themas liegen, der auch wir auf wenigen Seiten unmöglich gerecht werden konnten. Andererseits aber auch an den Konzepten, welche eine Kritik an islamistischen Organisationen unter dem Vorwurf des Rassismus erschweren. Egal welchen Erklärungsansätzen man letztendlich glaubt: Islamismus ist ein Problem, welches aus mannigfaltigen Gründen eine Konjunktur erlebt. Er ist Teil des Islams, da sich sowohl moderate als auch fundamentalistische Muslime auf die selben Schriften berufen und eine gemeinsame Geschichte teilen. Die Kombination aus religiösen Vorschriften und der historischen Anwendung jener, hat eine große Anzahl an fundamentalistischen und dschihadistischen Organisationen hervorgebracht, die eine massive Bedrohung für die Freiheit und Emanzipation der Menschheit darstellen. Die Leidtragenden sind meist selbst islamischen Glaubens, weswegen es ein großer Fehler wäre, alle Muslime als grundsätzlich fortschrittsfeindlich zu brandmarken oder ihnen die Möglichkeit auf Emanzipation von ihrer Religion abszusprechen. Den Islam als Religion wahlweise mit seinen Anhänger*innen oder dem Islamismus vollständig in eins zu setzen, wird der Komplexität der Sache nicht gerecht und dient leider viel zu oft nur der identitätsstiftenden Abgrenzung von Critical-Whiteness-Jünger*innen oder Pseudo-Ideologiekritiker*innen [15]. Nicht verallgemeinerbare individuelle Reaktionen auf die Lebensrealität und religiöse Angebote verschiedenster Glaubensgemeinschaften sorgen für den Fortbestand regressiver Einstellungen unter Muslimen, genau wie es auch zu Gegenbewegungen kommt, welche an die aufklärerische Seite der Religionsgeschichte anknüpfen wollen. Die deutsche Mehrheitsgesellschaft trägt mit ihren antimuslimischen Einstellungen auf lokaler Ebene gleich auf mehrere Arten zum Fortbestand des Islamismus bei, während NATO-Staaten international sogar teilweise mit islamistischen Mörderbanden kooperieren. Aufgabe einer antifaschistischen Linken muss es weiterhin sein, Unterdrückungsmechanismen zu analysieren und miteinander in Beziehung zu setzen. Statt Sprechverbote auszusprechen, wäre Solidarität mit allen angebracht, die sich dem Islamismus in seinen verschiedenen Facetten in den Weg stellen oder mit allgemeiner Religionskritik für Säkularisierung eintreten. Insbesondere die Antifa-Szene täte gut daran, sich mit arabischen Faschist*innen und islamistischen Organisationen vertraut zu machen, genau wie es beim Thema Evangelikalismus schon seit Jahren üblich ist. Regressive Akteure müssen effektiver daran gehindert werden, fortschrittliche Bemühungen, insbesondere solche, die ihren Ursprung innerhalb islamischer Communities haben, zu kontern!

Anmerkungen
[1] TAZ – Politikwissenschaftler über Islamophobie

[2] Emanzipation und Frieden – Antimuslimisches Ressentiment und linke Versäumnisse in der Islamdebatte

[3] Mena Watch – Wer steckt hinter dem „Europäischen Islamophobiebericht“

[4] Jungle World – Islamophobie?

[5] Jungle World – „Versuch ein Exempel zu statuieren“

[6] Ums Ganze – Gegen Integration und Ausgrenzung

[7] Süddeutsche Zeitung – Urteil zum Integrationsgesetzt

[8] Antifa nt – Gegen Integration und Ausgrenzung

[9] PM Universität Münster

[10] Seyran, A. (2009): Der Islam braucht eine sexuelle Revolution: eine Streitschrift.

[11] Deutschlandfunk – „Mütter erziehen ihre Söhne zu Paschas“

[12] Frankfurter Neue Presse – Viele muslimische Mütter erziehen ihre Söhne zu kleinen Machos

[13] Toprak, A. (2019): muslimisch, männlich, desintegriert – was bei der Erziehung muslimischer Jungen schiefläuft.

[14] Welt – „Seid wütend auf die muslimischen Frauen!“

[15] Jungle World – Gegen Dogma und Denunziation