Psychoanalyse als Instrument linker Gesellschaftskritik

Der folgende Beitrag entstand in Zusammenarbeit mit einem Genossen, der sowohl mit psychoanalytischen Methoden arbeitet, als auch zu diesen forscht. Wir setzen uns gemeinsam mit der Geschichte der Ideologiekritik auseinander und beleuchten auf welche Weise sie sich als Instrument linker Gesellschaftskritik eignet und wo sie zur Verschleierung von pathologisierenden Urteilen eingesetzt wird oder die Fachsprache nur der eigenen Distinktion dient. Wenn Interesse an der tiefergehenden Beleuchtung von einzelnen der genannten psychoanalytischen Konzepten besteht, meldet euch gerne bei uns!

Ideologiekritik ist ein für die Linke unverzichtbares Instrument: Sie hat in den unterschiedlichsten Formen dazu beigetragen, die eigene Gesellschaftsanalyse zu schärfen und ein Verständnis dafür zu schaffen, auf welche Art Kritik an den herrschenden Verhältnissen vorgetragen werden muss, um Illusionen über die Funktionsweise derselben unter den gesellschaftlichen Subjekten aufzuheben. Ideologiekritik versucht im Allgemeinen die mangelnde Übereinstimmung von Denken und Sein/Handeln aufzuzeigen und die Ursachen der Entstehung dieser Diskrepanz verstehbar zu machen. Zur Gesellschaftsanalyse wird das Verfahren, da die kritisierte „Ideologie“, also die Nichtübereinstimmung des Denkens mit der Wirklichkeit, nicht auf simple Irrtümer der einzelnen Personen zurückgeführt wird, sondern nach systematischen Mustern gesucht wird, die mit Hilfe von ökonomischen oder psychoanalytischen Theorien erklärt werden können.

Der Begriff „Ideologiekritik“ hat seinen Ursprung vermutlich in den Werken von Antonio Gramsci [1]. Wie dargestellt, beschreibt er nicht um die Kritik an der Existenz von Ideologien, sondern das Ziel, unbewusste Motive, die sich durch die Beschaffenheit der Gesellschaft, in der Mehrheit der Individuen oder zumindest in einzelnen sozialen Gruppen herausbilden, zu erklären. Einhergehen soll damit die Befähigung der Menschen ihre Gesellschaft frei von Fehlschlüssen zu verstehen und damit verändern zu können.

Marx und Engels ging es vor allem darum die sogenannten „Fetische“ innerhalb des ökonomischen Systems aufzudecken. Mit dem Begriff „Fetisch“ bezeichnet man die Zuschreibung von Eigenschaften zu Sachen, die diese von Natur aus nicht besitzen. Der Geld-Fetisch führt einfach ausgedrückt dazu, dass eine Person Geld benutzen kann, ohne seine Funktion für das kapitalistische System zu verstehen, dessen Teil das Geld ist. Im Alltagsverständnis nimmt es einen hohen Stellenwert ein, ohne dass durch die Verwendung klar wird, dass sein Gebrauchswert nur innerhalb der kapitalistischen Warenproduktion existiert, weil die Werte von Waren im Kapitalismus, unter anderem zum Zweck des Tausches, in Geld ausgedrückt werden. Wäre die Gesellschaft keine kapitalistische, würde sich der Wert von Gegenständen in einer anderen Form ausdrücken: „die Magie des Geldes“ würde nicht entstehen.

[2] „Marx [weist] ausgerechnet der aufgeklärten Moderne die gewissermaßen schlimmste und „barbarischste“ Form menschlicher Gesellschaftlichkeit nach: nämlich eine über den Fetisch, das heißt über die Zuschreibung von Eigenschaften an Dingen vermittelte Gesellschaft zu sein. […] Gerade die moderne kapitalistische Gesellschaft beruht somit auf einer Unbewusstheit der Menschen gegenüber ihrer eigenen Gesellschaftlichkeit, und einem quasi-automatischen Vollzug von Gesellschaft überhaupt.“

Zum besseren Verständnis der ökonomischen Reproduktion der bürgerlichen Gesellschaft empfehlen wir die Lektüre des Kapitals, insbesondere das Kapitel „Der Fetischcharakter der Ware und sein Geheimnis“ [3].

Popularität erlangte die Ideologiekritik aber vor allem durch die Frankfurter Schule. Erich Fromm entwickelte zusammen mit Max Horkheimer das Konzept des „autoritären Charakters“. Jener entspricht einem „Sozialcharakter“. Durch diesen Begriff führte Fromm psychologische Erkenntnisse in die Sozialforschung ein. Der Begriff beschreibt den idealtypischen Ablauf der Formierung der Charakterstruktur der Menschen einer spezifischen Gesellschaft oder sozialen Gruppe entsprechend ihrer Lebensweise und der typischen Erwartungen darüber, was sozial angepasstes Verhalten ausmacht.

Fromm sieht im Streben nach Freiheit und nach Gerechtigkeit fundamentale Wesenszüge aller Menschen. Die Ursache für die massenhafte Verbreitung des autoritären Charakters in der Weimarer Republik sieht er darin, dass viele Menschen der neu erworbenen Freiheit nicht gewachsen seien, da sie durch ihre Erziehung einen Sozialcharakter erworben hätten, der wesentlich noch an Gehorsam orientiert sei. Sie fliehen vor dieser selbstverantwortlichen Freiheit in eine konforme Sicherheit und orientieren sich an der (faschistischen) Autorität. Die Theorie wurde von Adorno weiterentwickelt und vor allem um psychoanalytische Konzepte von Sigmund Freud ergänzt. Insgesamt ging es, unter Rückgriff auf psychosoziale Konzepte, darum zu erklären, warum die nationalsozialistische Ideologie durch die Beschaffenheit der deutschen Gesellschaft, insbesondere dem Zusammenwirken von autoritärer Erziehung und kapitalistischer Entwicklung, einen derart großen Zuspruch fand. Die Verbreitung des autoritären Charakters war dabei unübersehbar: in den Familien, der Politik, den Bildungseinrichtungen und vielen anderen gesellschaftlichen Bereichen. Eine einfache Antwort auf die gestellte Frage gibt es bis heute nur bedingt. Warum der autoritäre Charakter gerade in Deutschland verbreitet war, konnte grundsätzlich plausibel gemacht werden. Warum diese Verbreitung allerdings in dem industrialisierten Massenmord während des Dritten Reichs münden konnte, bleibt bis heute ein Streitpunkt. Diesen Streit weiter zu führen ist notwendig, um daran zu arbeiten, die gesellschaftlich-ökonomischen Grundlagen zu verstehen, welche die autoritären Charaktere und damit die Gefahr eines erneuten faschistischen Umsturzes hervorbringt und deren Überwindung damit möglich zu machen. Insbesondere die Totalisierung des kapitalistischen Tauschverhältnisses, für den blinden Zwang der Kapitalakkumulation verfügbar sein zu müssen und sich unterzuordnen, bringt systematisch Individuen mit autoritätsgebundenen Charakterstrukturen hervor. Ideologiekritik im Sinne der Frankfurter Schule soll also in erster Linie dazu beitragen, Adornos kategorischen Imperativ „Denken und Handeln so einzurichten, dass Auschwitz nicht sich wiederhole, nichts Ähnliches geschehe“ zu verwirklichen, indem die Wirkung der gesellschaftlichen Strukturen auf die Individuen unter Bezugnahme auf ökonomische und psychoanalytische Theorien verstehbar gemacht werden und damit dem Antisemitismus und dem Hass auf alles angeblich Fremde zuvorzukommen.

[4] „Um festzustellen, dass es ein Skandal ist, dass angesichts des gesellschaftlichen Reichtums […] noch immer Menschen ihr Leben mit dem Versuch des Überlebens verbringen, bedarf es des Rekurses auf die Psychoanalyse nicht. Und genau hier aber besteht einer ihrer Einsatzpunkte: […] Um angesichts des grotesken Maßes überflüssigen Leidens nicht dumm zu werden, bedarf es nicht nur des „vom Hass geschärften Blick[s] auf das Bestehende“, wie ihn Horkheimer einmal Adorno zuschrieb, sondern auch des Eingedenkens dessen, dass Adorno Begabung als „glücklich sublimierte Wut“ bezeichnete und zugleich daran erinnerte, dass Denken „sich auf das Wünschen verstehen müsse“. Ohne die Theorie und Praxis der Psychoanalyse allerdings wären solche Gedanken gar nicht möglich. Kritik bedarf der Psychoanalyse als Reflexionsmoment. […] Sie trägt als „einzige, die im Ernst sich mit den subjektiven Bedingungen der objektiven Irrationalität befasst“ dazu bei, zu verstehen, wie und warum Menschen sich diese miesen Verhältnisse zu eigen machen und zugleich, wenn auch meist kontrafaktisch, darauf zu insistieren, dass sie dies nicht müssten, dass Freiheit möglich ist.“

Zur Beschreibung des international erstarkenden Autoritarismus oder auch anderer politischer Bewegungen und deren Wortführer*innen werden auch heute in ideologiekritischer Absicht vielfach psychoanalytische Begrifflichkeiten verwendet. Zu erkennen ist, dass diese Verwendung unterschiedlich erfolgt. Eine Gemeinsamkeit jedoch in dem Bestreben liegt, das Verhältnis von individuellen Verhaltensweisen und gesellschaftlichen Vorbedingungen darzustellen. In direkter Anlehnung an die Ideologiekritik der Frankfurter Schule wird das heutige Deutschland entweder mit der Weimarer Republik verglichen und vor einer erneuten Renaissance des autoritären Charakters gewarnt, oder es wird argumentiert, dass Veränderungen, beispielsweise im familiären Zusammenleben, wie das Verschwinden einer autoritären Vaterfigur, als Spiegelbild der autoritären Gesellschaft, zu einem neuen dominierenden Sozialcharakter, dem Narzissmus, geführt hätten. Begründet wird das damit, dass es im Rahmen der natürlichen Anpassung des psychischen Apparats an die vorgefundene Umwelt im Laufe der Zeit einen Verlust eines dauerhaften Über-Ichs gegeben hätte, während gleichzeitig die Anpassung an schnelllebige Identifikationsobjekten bewältigt werden muss [5, 6].

Es gibt außerdem Veröffentlichungen, die noch einen Schritt weiter gehen und psychiatrische Diagnosen, wie am Beispiel Fridays for Future und der Person Greta Thunberg, als Teil der Ideologiekritik nutzen wollen, indem sie die sich verändernde gesellschaftliche Sicht auf diese Diagnosen als Massenphänomen beleuchten. Hier dienen psychoanalytische Beschreibungen, wie die verleugneten Notwendigkeiten eines versorgenden äußeren Objekts, der ödipalen Triangulierung sowie die Generationenfolge und die Tatsache des Vergehens der Zeit sowie der eigene Tod zur „Analyse“ der Bewegung und gleichzeitig auch der Bewertung der psychischen Konstitution des Individuums, vor allem von Greta, im Kollektiv [7].

Die unterschiedliche Verwendung der psychoanalytischen Begriffe führt zu der Frage, inwiefern sich diese für ideologiekritische Ansätze eignen und ab wo eine Pathologisierung von gesellschaftlichen Akteuren und Phänomenen beginnt. Verbunden ist sie mit der grundsätzlichen Diskussion über den gesellschaftskritischen Gehalt der Psychoanalyse. Hierzu muss man auf den eingangs beschriebenen Einsatz der Psychoanalyse, als Element einer Gesellschaftskritik, durch die Frankfurter Schule, zurückgehen. Die Mitarbeiter des Institut für Sozialforschung gingen in den dreißiger Jahren der Frage nach, warum die Soziale-Revolution ausblieb und die Menschen autoritäre Verhältnisse zu eigen machten, statt sie zu bekämpfen, dass sie eher Antisemit*innen und Nationalsozialist*innen, statt Marxist*innen wurden. Für die Linke geht es bis heute darum gegen die Machtverhältnisse und gegen die immer wieder stattfindende Frustration der Hoffnung den Gedanken am Leben zu erhalten, dass gesellschaftliche Veränderung noch immer dringend notwendig und nach wie vor möglich ist [4]. Mit Hilfe der Psychoanalyse sind die „subjektiven Bedingungen der objektiven Irrationalität“ ergründbar. Die Verwendung von psychoanalytischen Begriffen im Kontext politischer Analysen folgt der Logik einer Subjekt- und Kulturtheorie, die jedoch keine Gesellschaftstheorie ersetzen kann. Damit Freud jedoch nicht „der Stachel gezogen wird“, der Psychoanalyse also das gesellschaftskritische Potenzial nicht abhandenkommt, sollte sie metapsychologisch gedacht werden, da sie so nicht in der herrschenden Ideologie aufgehen kann. Die Metapsychologie Sigmund Freuds, welche die Psychoanalyse in abstrahierter Form durch die Begriffe „Dynamik, Topik und Ökonomik“ triebtheoretisch darstellt, kann dabei der Fixpunkt sein, da sie darauf hinweist, dass die Psychoanalyse nicht auf eine klinische Methode reduziert werden darf. Metapsychologische Begriffe müssen erst in klinisch brauchbare Begriffe übersetzt werden und stören folglich dabei die Psychoanalyse zu „positivieren“ und rein naturwissenschaftlich zu fundieren. Psychoanalyse kann daher anthropologiekritisch bleiben, um gesellschaftliche Tendenzen, beispielsweise zur Naturalisierung von sozialen Phänomenen, zu entlarven. Die Kulturleistung menschlicher Gesellschaften gelten im Rahmen dieser Theorie als nicht abgeschlossen. Bei Freud heißt es in diesem Zusammenhang „Wo Es war, soll ich werden“ und nicht etwa „Wo Es war, soll ich sein“ [8]. Damit wird die fortdauernde Notwendigkeit der Kulturarbeit beschrieben, die sich zwischen subjektiven Bedingungen und der objektiven Irrationalität oder triebtheoretisch zwischen Wunsch oder Lustbestreben und Realität bewegt. Es entsteht eine metaphorische Lücke, ein Freiraum, welcher den Prozess der Kulturarbeit, das Arbeiten am Fortschritt der menschlichen Gesellschaft, verdeutlicht.

Um an dieser Stelle den Bogen zur grundlegenden Frage nach dem gesellschaftskritischen Gehalt der Psychoanalyse zu spannen, muss darauf verwiesen werden, dass die Konstitution des Subjekts aus psychoanalytischer Sicht, sowie die objektiven Bedingungen aus gesellschaftstheoretischer Sicht zunächst getrennt voneinander betrachtet werden müssen, um sich jedoch anschließend im zu analysierenden Objekt zu treffen. Die Psychoanalyse ist vor allem dann fruchtbar, wenn sie als Teil von Theorien über die Funktionsweise der Gesellschaft fungiert. Sie dient dem Verständnis der Vermittlung von Individuum und Gesellschaft und kann so dabei helfen zu ergründen, warum Menschen sich Verhältnisse zu eigen machen, welchen Ihnen eigentlich schaden und verweist gleichzeitig darauf, dass sie dies nicht müssten. Dabei ist es weder sinnvoll, im Stil von rechten Ideologiekritiker*innen, einzelne Personen aus der Ferne psychologisch analysieren oder gar abwerten zu wollen und die klinische Psychoanalyse somit mit politischen Analysen in Eins zu setzen, noch davon auszugehen, dass es einen Sozialcharakter geben muss, welcher eine komplette Gesellschaft dominiert. Vielmehr braucht die Linke eine Ideologiekritik, welche ökonomische und psychoanalytische Konzepte als Instrumente zur Gesellschaftskritik kombiniert und so danach sucht, die herrschenden Verhältnisse zu überwinden, indem sie so eine Basis für möglichst bewusste Diskussionen schafft, die sich nicht in gegenseitigen Vorwürfen zwischen „Ideologiekritiker*innen“ und „traditionellen Marxist*innen“ erschöpfen. Produktiv könnte es sein, ideologisches Denken in linken Strukturen auf eine wohlwollende Weise zu identifizieren und damit selbstkritisch zu überwinden. Dies würde eine gute Basis für die „Kulturarbeit“, also den eigenen politischen Aktivismus schaffen. Teil davon kann eine Reflektion des, im Kontext der Individualisierung der Industriegesellschaften, zunehmenden Narzissmus in einigen sozialen Gruppen sein. Dies bedeutet aber nicht die Aufgabe der Kritik an autoritären Charakteren, auch weil die Verharmlosung von rechten Bewegungen den Vordenkern der Ideologiekritik und Adornos kategorischem Imperativ in keiner Weise entspricht. Ein positives Beispiel ist Lukas Betzlers materialistische Kritik am Konzept der „Gesellschaft der Angst“. Er reflektiert unter Rückgriff auf psychoanalytische sowie ökonomische Konzepte verschiedenen Arten von kollektiven Ängsten und sucht so nach einem Weg zu deren Überwindung. Über die Konstitution der Existenzangst in der kapitalistischen Gesellschaft schreibt er unter Bezug auf Horkheimer und Adorno:

[9] „Hier sind die ArbeiterInnen zwar von der unmittelbaren Herrschaft des Feudalherren befreit und vor willkürlicher Gewalt grundsätzlich mittels bürgerlicher Freiheitsrechte geschützt. Doch ihre doppelte Freiheit, deren Schutz sich der bürgerliche Staat zur Aufgabe gemacht hat, bedeutet für sie keineswegs Freiheit von Angst, sondern in erster Linie Zwang. Formal sind sie zwar frei, aber aus Angst um ihr Überleben praktisch gezwungen, ihre Arbeitskraft zu verkaufen, und zwar zu den Bedingungen, die die ökonomischen Verhältnisse diktieren. Dieser Zwang ist somit eng mit der Angst verbunden. Gäbe es keine Angst – vor dem Hunger, vor Isolation, vor Deprivation –, dann gäbe es auch keinen Zwang zur unfreien Arbeit. Der Bestand der kapitalistischen Gesellschaft, die sich doch als aufgeklärte versteht und verspricht, den Menschen die Angst zu nehmen, ist konstitutiv mit dem Fortbestand der Angst verknüpft. Nicht zuletzt die Einführung der Hartz-Gesetze in Deutschland und vergleichbare Maßnahmen in anderen Ländern illustrieren, wie der Staat den Verwertungszwangs verschärft, indem er systematisch die Angst vor Armut, Ausgrenzung und sozialem Abstieg erhöht.

Jetzt, da die Wissenschaft uns geholfen hat, die Furcht vor dem Unbekannten in der Natur zu überwinden, sind wir die Sklaven gesellschaftlicher Zwänge, die wir selbst hergestellt haben. Die relativ konkrete Angst vor Deprivation und Armut wird in der kapitalistischen Gesellschaft von einer sehr viel abstrakteren Angst flankiert. Die Ahnung – wie latent sie auch sei –, dass die Gesellschaft mit ihrem materiellen und technischen Fortschritt zugleich das Unheil reproduziert, vor dem sie die Menschen zu bewahren verspricht, verbindet sich mit dem Bewusstsein der eigenen Ohnmacht. Denn der Prozess der wachsenden Naturbeherrschung entzieht sich gesellschaftlicher Verfügung. Die Ermächtigung der Menschen zum Herrn über die Natur hat sie keineswegs zu den Subjekten ihrer Geschichte gemacht, sondern ganz im Gegenteil zum Spielball einer objektiven Tendenz, die sich über ihren Köpfen und hinter ihrem Rücken vollzieht. Das Bewusstsein der eigenen Ohnmacht und Abhängigkeit angesichts der als Fatalität erfahrenen gesellschaftlichen Objektivität führt zu einer, wie Adorno mit Bezug auf Sigmund Freud schreibt, „frei flutenden Angst“, die am ehesten im Sinne von Kierkegaards Angstbegriff als unbestimmt, objektlos und entgrenzt zu verstehen ist“.

Anmerkungen
[1] Haug, W. (2004): Ideologiekritik in: Historisch-kritisches Wörterbuch des Marxismus. Band 6. Argument Verlag, Hamburg, Spalte 692.

[2] Theorie & Kritik Dresden – Der Fetischcharakter der Ware und sein Geheimnis

[3] Karl Marx – Das Kapital, Band 1, Kapitel 1: Die Ware

[4] Phase 2 (Winter 2011/12) – Hass auf Vermittlung und „Lückenphobie“

[5] En arret (2019) – Autoritarismus und Narzissmus: Eine Begriffsklärung und warum Sie notwendig ist

[6] Heitmeyer, W. (2018): Autoritäre Versuchungen. Signatur der Bedrohung 1. Berlin.

[7] Bahamas (2019) – My own private Holocaust

[8] Freud, S. (1933): Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse. Frankfurt am Main.

[9] Phase 2 (2018) – Keine Angst für Niemand?