Kein Sex mit Nazis (Edit: 19.04.2020)

Da aufgrund der Corona-Pandemie zunächst doch noch ein bisschen Langeweile aufgekommen ist und wir uns über eine unangekündigte, anonyme und prägnante Zusendung zum Thema “problematische/sexistische Slogans” gefreut haben, dokumentieren wir diese nachfolgend. Der Text ist bereits auf anderen Kanälen (mindestens in einem Hambi-Kalender und auf Indymedia) veröffentlicht worden und wurde nun von uns auf Basis bisheriger Diskussionen weiterbearbeitet.

Auch wenn Sprachpolitik ansonsten eher weniger ein Thema für uns ist, würden wir eine Diskussion über das im Beitrag dargelegte Thema durchaus begrüßen, da wir jenes als Möglichkeit für einen leichten Einstieg in eine tiefergehende Debatte zum Themenkomplex “Sexismus (in der radikalen Linken)” sehen.

FCKNZS
In beinahe jedem AZ, auf jeder Besetzung und jedem Wagenplatz sind sie zu finden: Sticker oder Tags mit der Aufschrift FCKNZS, FCKAFD, FCKCPS oder im Kontext Hambacher Forst halt FCKRWE. Wirkt erstmal nach wirrem Buchstaben, lässt sich aber recht einfach entschlüsseln, es werden schlicht und einfach Vokale weggelassen um auf 2×3 Buchstaben zu kommen. FCK steht als für “Fuck” (auf Deutsch für “ficken” oder “scheiß”). In diesem Text soll es darum gehen, warum diese Ausdrucksweise gegebenenfalls nicht emanzipatorisch ist und Zusammenhängen, die sich als feministisch verstehen, besser darauf verzichten sollten.

Da der Argumentation teilweise vorgeworfen wird, ihre Kritik aufgrund einer falschen Übersetzung des Kürzels “FCK” zu formulieren, wollen wir dazu noch schnell ein paar Worte verlieren. Aufgrund der Konsonanten-Schreibweise (hier wird alles immer groß geschrieben) ist für uns nicht zu unterscheiden ob es sich beim englischen “FCK” um “ficken” oder “Scheiße/scheiß” handelt, wobei “Scheiße Nazis” schon mal keine sinnvolle Wortkombination darstellt. Ein Adjektiv ist ein großgeschriebenes “FCK” auch im Englischen typischerweise nicht. Nichtsdestotrotz stammt die Konsonantenschreibweise aus dem amerikanischen Sprachgebrauch und ist an das “RUN DMC” Logo angelehnt. Amerikanische Muttersprachler*innen haben uns darüber in Kenntnis gesetzt, dass das “FCK” in diesem Kontext durchaus als “ficken” übersetzt werden kann, es in den USA aber typischerweise als “scheiß” verstanden wird, da Rechtschreibregeln, die im normalen Sprachgebrauch gelten, für diese Art von Slogans durchaus außer Acht gelassen werden können. Aufgrund der Verwirrungen durch die verschiedenen Übersetzungsmöglichkeiten ist es daher nicht verwunderlich, dass das englische “fuck” im deutschen Jugendslang auch durchgehend als “jemanden ficken” übernommen wurde (wie in 99% der aktuellen Hiphop-Songs). Die Assoziation des Slogans “FCK NZS” zum deutschen “fick Nazis” ist in jedem Fall gegeben, auch wenn sie nicht widerspruchsfrei ist.

Was sagt die Parole “Fuck Nazis” für all jene, die von einer Übersetzung als “fick Nazis” ausgehen, eigentlich aus? Wenn wir es ganz wortwörtlich nehmen, könnten wir erstmal davon ausgehen, dass es in antifaschistischen Kreisen einen Haufen Menschen gibt, die Sex mit Nazis toll finden. “Fuck” wird hier allerdings, wie es im Jugendslang mittlerweie leider üblich ist, als Synonym für “fertig machen” oder “angreifen” verwendet. Doch woher kommt eigentlich die absurde Idee, einen Begriff, der ursprünglich einmal für eine im besten Fall schöne gemeinsame Aktivität steht, als Synonym für Gewalt zu verwenden?

Sexuelle Gewalt ist etwas, das in Jahrtausenden patriarchaler Kultur immer recht breit akzeptiert war, zumindest unter gewissen Voraussetzungen. In Deutschland war die Vergewaltigung in der Ehe bis vor einigen Jahren noch legal und wurde von heutigen Spitzenpolitiker*innen, wie zum Beispiel Horst Seehofer, ganz offen im Bundestag verteidigt. Dass heute in immer breiteren Gesellschaftsteilen sexuelle Gewalt als nicht akzeptabel angsehen wird, ist ein riesiger Erfolg der feministischen Bewegung, vielleicht der größte, den wir je erreicht haben. Allerdings ist sexuelle Gewalt immer noch tief in unserem Sprachgebrauch verankert und unter bestimmten Bedingungen auch breit akzeptiert, zum Beispiel wenn sie sich gegen Schwule richtet.

Für uns stellt sich daher weiterhin die Frage, ob das nicht Grund genug sein kann, auf die Wortwahl “FCK” zu verzichten, da die Unklarheit in Bezug auf die richtige Übersetzung in deutschen Zusammenhängen wohl nicht zum letzten Mal auftauchen wird und so immer wieder das Potenzial besitzt, als Anschluss an einen diskriminierenden Sprachgebrauch interpretiert zu werden. Eine Verweigerungshaltung, die mit einem unkritischen Verweis auf die angeblich “korrekte” Übersetzung auskommt, muss sich die Frage gefallen lassen, was das über den generellen Stellenwert von antisexistischer Praxis in der Linken aussagt.

“Aber ich meine doch gar keine sexuelle Gewalt, wenn ich das sage/schreibe/stickere?”
Die Argumentation ist bekannt: Genau das ist die Reaktion vieler Menschen, wenn sie darauf hingewiesen werden, dass es nicht cool ist, etwa “schwul” oder “behindert” als beleidigenden Begriff zu nutzen. Auch wenn dieser Vergleich im vorliegenden Fall etwas hinkt, wäre zu fragen, wie sich die simultane Verwendung des Wortes “fuck” für “ficken” und “scheiß” im amerikanischen Sprachgebrauch herausgebildet hat und ob hier nicht ähnliche sprachliche Mechanismen wie beim deutschen “schwul” vorliegen? Eine unkritische Übernahme des Wortes in den deutschen Sprachgebrauch bietet die Gefahr, sprachhistorische Problemlagen im Englischen unter den Tisch zu kehren.

NZSBXN
Aber was soll ich denn stattdessen taggen?
Taggt doch das nächste Mal einfach “Nazis auf die Fresse” oder “Fight Cops”. Das ist doch das, was ihr ausdrücken wollt? Beachtet aber auch hier, dass es sich um einen Sprachgebrauch handelt, der Gewalt glorifiziert und überlegt inwiefern das für eine politische Bewegung wünschenswert ist. Und wenn ihr auf die Form ohne Konsonanten besteht, wie wäre es mit “NZS BXN”? oder direkt auf die fragwürdige “FCK”- Parolen bezogen “Kein Sex mit Nazis/Cops/…”? Ihr seid doch kreativ, euch fällt bestimmt noch mehr ein. Erfreulich finden wir, dass sich mittlerweile sogar einige Mailorder dazu entschieden haben, in Zukunft auf den Druck von eigenen Materialien mit “FCK”-Slogans oder ähnlich gelagerten Sprüchen zu verzichten, um falsche Assoziationen zu vermeiden.