Interview mit Black Mosquito

Viele Linke kennen Onlineshops nur als Einkaufsladen für den persönlichen Lifestyle oder halten die dort angebotenen Waren, wie bedruckte Tshirts und Aufkleber, für jugendlichen Kitsch. Um etwas Klarheit in diese von Unwissenheit getrübten Sichtweisen, die zugegebenermaßen auch in unseren Reihen vorherrschten, zu bringen, haben wir dem not-for-profit Mailorder Black Mosquito ein paar ziemlich naive Fragen gestellt. Der Versandhandel aus Flensburg versteht sich als linksradikal und anarchistisch. Zusammengearbeitet wird in einem diffusen Kollektiv. Nach Abzug der Fixkosten (Miete. Lohn etc.) fließen sämtliche Gewinne zurück in politische Projekte. Dies geschieht entweder durch Rabatt für Infoläden & Politgruppen für den Verkauf von Soli-Artikeln oder durch den Verkauf von Produkten aus solidarischem Handel (wie etwa zapatistischer Kaffee oder Oliven-Öl von anarchistischen Kollektiven aus Griechenland).
Nachfolgend könnt Ihr das Interview bestaunen, in dem die Kollektivist*innen durch ihre interessanten Antworten die Qualität der Fragen vergessen machen! Die Antworten wurden redaktionell bearbeitet, dh. an wenigen Stellen sprachlich verändert und an das Layout des Blogs angepasst.

Was war eure Motivation einen linken Mailorder zu gründen?
Uns gibt es nun seit gut 16 Jahren. Gegründet wurde Black Mosquito (BM) von einer Einzelperson, die auch nach wie vor im Kollektiv ist.
Die ursprüngliche Intention war auf Antifa Soli-Konzerten in der Provinz Schleswig-Holsteins einen Infostand anbieten zu können. Parallel war die Person recht aktiv in der DIY Punk Szene und tauschte viele Platten / Tapes. Irgendwie wurde daraus eine kleine Mailorder-Liste, die per Hand kopiert und verteilt wurde. Einen Onlineshop hat dann mal ein Freund eingerichtet, während der Gründer noch meinte, dass sich das Internet nicht durchsetzen wird :-D. Die ersten Onlineshop-Updates wurden dann immer Sonntags (da gabs Flatrate) mit Modem-Verbindung hochgeladen. Es gab nie einen konkreten Plan hinter BM oder irgendwelche Ziele, die erreicht werden sollten. Wir haben halt nur irgendwie gespürt, dass es Bedarf nach einem funktionalen und zuverlässigen anarchistischen / linken Vertrieb gibt und haben den dann motiviert bedient.
Ganz nebenbei: Wir haben uns nie als „linken“ Mailorder bezeichnet, immer als „anarchistisch“ – aber das ist vielleicht auch nicht so wichtig.

Gibt es auch ökonomische Interessen bzw. könnt ihr vom Projekt leben?
Ökonomische Interessen haben nie eine wesentliche Rolle bei der Entwicklung des Projektes gespielt. Auch wenn wir inzwischen etwas besser geworden sind im kalkulieren der Preise und nicht mehr regelmäßig drauf zahlen (wie früher) – jede ausgebildete Ökonomin würde wohl kopfschüttelnd den Raum verlassen, wenn wir ihr einen Blick auf unsere Kalkulation gewähren würden. Was wir aber nicht vorhaben!

Seit einigen Jahren leben ein paar Menschen auch von dem Projekt – dieser Umstand ergab sich aber eher als Notwendigkeit: nach dem sich unser Gründer jahrelang irgendwie durchgemogelt hatte, wurde es halt einfach zu viel Arbeit. Trotz zeitlich großem Aufwand und kaum Einnahmen, selbst für containern blieb zum Beispiel kaum noch Zeit, war die anfallenden Aufgaben alleine nicht mehr zu bewältigen. Da wir aber nie einen Plan dahinter hatten, waren die ersten Jahre in denen Leute von BM lebten ein Paradebeispiel für anarchistische Selbstausbeutung. Wir sind da immer noch nicht gut drin und sind auch fernab davon einen wirklich passablen Lohn auszahlen zu können, aber wir machen Fortschritte, verstehen langsam die Bürokratie und versuchen uns da etwas besser aufzustellen.

Existieren Kontakte zu anderen linken Shops (Mobaction, Linke-Tshirts, Schwarzesocke, Diraction etc.) oder gibt es unter euch so etwas wie Konkurrenz?

Wir stehen zu fast allen der Genannten in einem freundschaftlich-, solidarischen Verhältnis, kennen uns auch teilweise persönlich und tauschen Sachen untereinander aus oder produzieren auch mal gemeinsam Artikel. Konkurrenz kann man das nicht nennen – ist doch schön, wenn es möglichst viele Bezugsquellen für emanzipatorische Materialien gibt.

Apropo „emanzipatorische Materialien“: Inwiefern ist es eurer Meinung nach sinnvoll politische Projekte durch den Verkauf von Produkten zu unterstützen (Kampagnenshirts etc.)? Und wie beurteilt ihr dieses Engagement im Vergleich zu “echtem” Aktionismus?
Wir wären immer ziemlich vorsichtig damit, etwas als „echten Aktionismus“ zu bezeichnen und etwas anderem eben jene Echtheit abzusprechen. Es gibt da so eine Tendenz, insbesondere in social media, sich innerhalb der irgendwie als emanzipatorisch, links oder anarchistisch gelabelten Bewegung / Szene vorzuwerfen, dass dieses oder jenes ja nun gar kein echter Aktivismus sei. Dahinter steckt der Glaube, dass „wir“ uns nur endlich mal alle auf eine Linie, auf eine Richtung einigen müssten und dann würde auch endlich mal die Revolution passieren. Es ist wohl leider nicht so einfach. Wir würden zustimmen, dass es ein diskursiver Austausch darüber geben sollte, welche Taktiken, Formen und Wege sinnvolle Beiträge zur Umgestaltung des falschen Ganzen darstellen. Dazu Bedarf es aber nicht der Abgrenzung, sondern viel mehr einen solidarischen Bezug aufeinander. Statt einer Einheitsideologie wäre ein schwarz-roter Faden, der Kämpfe verbindet und solidarisch aufeinander bezieht, etwas für das es sich aus unserer Perspektive zu streiten lohnt.

Selbstverständlich kann das tragen eines Politshirts lediglich Ausdruck eines Selbstdarstellungsbedürfnisses sein, bei dem auch erst mal nicht viel mehr dahinter steht. Daraus kann sich aber über die Zeit durchaus doch auch mehr entwickeln. Unter anderen Umständen ist das Tragen eines entsprechenden Politshirts aber eben auch eine ganz konkretes Zeichen. Ob nun der Barista im Fernsehen einen kleinen Skandal durch das Tragen eines „Barista, Barista“-Shirts erzeugt und somit Öffentlichkeit für antifaschistisches Engagement schafft, oder ob nun ganz simpel im Alltag durch entsprechende Shirts Öffentlichkeit und Diskussionen erzeugt werden. Sinnvoll sind Soli-Artikel aber alleine deshalb, weil durch die Einnahmen entsprechende Projekte finanziell unterstützt werden – und zu guter Letzt auch noch Kollektive wie wir oder das Siebdruckkollektiv, dass die Shirts herstellt.

Radical Past hatte einen ganz schönen Thread auf Twitter zu der Thematik, der kann hier nachgelesen werden.

Sehr ihr euch eher als “neutral” innerhalb der Linken? Es gibt ja sehr verschiedene Motive in eurem Shop, die sich teils auf verschiedene Strömungen, auch Abseits des Anarchismus, beziehen?
Wie schon weiter oben angedeutet, sehen wir uns als anarchistisches Kollektiv, die Auswahl unserer Materialien ist aber nicht dogmatisch anarchistisch, sondern umfasst ein weites Spektrum linker, emanzipatorischer Projekte.

Wir beobachten in den letzten Jahren eine massive Verrohung innerhalb der subkulturellen Linken – ähnlich wie in anderen Teilen der Gesellschaft. Es wird viel härter gedisst und mit Beissreflexen gearbeitet, wobei Konflikte in schwarz/weiß Schemata gezwängt und statt Gemeinsamkeiten wird der antagonistische Widerspruch untereinander gesucht.
Es scheint als würden die verschiedenen linken Strömungen sich gegenseitig für das gesamtgesellschaftliche Scheitern antifaschistischer und linksradikaler Politik verantwortlich machen. Wir versuchen dem entgegen zu stehen, auch wenn es nicht immer leicht ist – regelmäßig müssen wir leider Trolle aller Couleur auf unseren social media Seiten sperren.

Aus dieser Perspektive erscheint es uns sinnvoll, keine Politik zu verfolgen, bei der wir persönlich hinter allen Produkten hundertprozentig stehen müssen – wir versuchen eher nach dem Prinzip der Infoläden radikale Theorie verfügbar zu machen. Dazu gehört unserer Meinung nach auch Streit und Dissens, aber auf einer solidarischen Ebene. Auch im Kollektiv selber haben wir zu vielen Themen unterschiedliche Standpunkte und können lange darüber diskutieren. Materialien landen bei uns im Angebot, weil wir sie für wichtig oder zumindest diskussionswürdig halten – oder weil uns die Leute angefragt haben ob wir sie verteilen können. Wir sind also recht undogmatisch was den Kern der Frage angeht, würden uns aber nicht als neutral bezeichnen – zum einen ist ein neutraler Standpunkt schlichtweg nicht möglich, zum anderen wäre das auch verlogen, denn selbstverständlich gibt es auch bei uns Grenzen. Sexismus gegen Rechts, linker Antisemitismus, verkürzte Kritik, staatstreue Parteipolitik oder stalinistischer Wahnsinn kommen uns zum Beispiel nicht ins Haus und haben für uns nichts mit Emanzipation zu tun. »Strömungsübergreifend« ist ein Wort, mit dem wir uns labeln würden und mit dem wir ganz zufrieden sind.

An dieser Stelle beschreibt uns ein Zitat aus dem Buch Message in a Bottle wohl ganz gut: „Wir sind Anarchosyndikalist_innen in der Produktionsstätte, Öko-Anarchist_innen in den Wäldern, Soziale Anarchist_innen in unseren Communities, Individualist_innen wenn du uns alleine triffst, anarchistische Kommunist_innen wenn es etwas zum Teilen gibt, Insurrektionalist_innen wenn wir einen Schlag landen.“ (CrimethInc. 2017)

Eure Räumlichkeiten wurden im März diesen Jahres vom Revolutionären Kollektiv (RK) Flensburg mit Farbe angegriffen, vielleicht könnt ihr den Zusammenhang zu eurer Arbeit erläutern und was ihr daraus für Schlüsse zieht? Eventuell auch ganz Allgemein im Hinblick auf den Schutz eures Ladens und der Kund*innen?
Puh, also zu dem Haufen wollen wir eigentlich nicht mehr viel schreiben – der Jugendwiderstand (JW) und seine Ableger hatten und haben rein gar nichts mit linker Politik oder gar Emanzipation zu tun und gehören entsprechend ausgegrenzt. Wer die Vorgänge in Flensburg nachlesen will, kann das auf dem extra dafür eingerichteten Watchblog machen.
Der Angriff auf uns steht in einer Reihe mit einigen anderen Übergriffen, die das RK in Flensburg zu verantworten hat. In Berlin ist die Taktik dieser Gruppe eine Spaltung zwischen ‚bösen‘ (vermeitlichen) Antideutschen und ihnen, als Speerspitze der ‚guten‘ Antiimperialisten, zu provozieren – unter diesem Deckmantel haben sie es ganz gut geschafft bestimmte Antifaschist*innen zu terrorisieren und den Rest der Szene schweigend zuschauen zu lassen. Die meisten Strukturen wollen sich in dem Konflikt nicht positionieren, da er fälschlicherweise als klassischer Anti-Imp. vs. Anti-D. Konflikt wahrgenommen wird. Der Jugendwiderstand nutzt dabei geschickt die bereits vorhandenen Trennlinien innerhalb der radikalen Linken. Im Gegensatz zu Berlin gab (und gibt) es in Flensburg diese Trennlinie nicht. Mangels identitär-antideutscher Gruppen war das RK gezwungen ihren autoritären Charakter eben ganz offen zu zeigen: gegen Anarchist*innen, Punx, Antinantionale und „normale“ Antifas. Jede*r, der*die nicht auf ihrer Linie ist, ist eben ihr Feind.

In Bezug auf staatliche Repression hatten wir ja auch einige Fälle (der Letzte bezüglich eines Rojava Posters) und sind entsprechend vorbereitet.
Im Hinblick auf die Feindes- und Todeslisten von Naziterrorgruppen ist es an dieser Stelle vielleicht sinnvoll darauf zu verweisen, dass wir keinerlei Kund*innendaten länger im System haben als nötig – spätestens 3 Wochen nach Abfertigung der Bestellung ist alles unmittelbar Relevante aus dem System gelöscht! Daten, die wir aus rechtlichen Verpflichtungen speichern müssen, sind anonymisiert und so sicher verschlüsselt wie möglich.

Antwort auf die Kritik “Wider dem reaktionären Zeitgeist!” zu unserem Diskussionsbeitrag “Linke Konsumräume”

Getroffene Hunde bellen

– mein Opa nach dem 5. Glas Bier!

Da unser Diskussionsbeitrag “Die Linke als Konsumraum” scheinbar in der SWING (Autonome Zeitschrift Rhein-Main) veröffentlicht wurde, hat sich eine anonyme Person auf Indymedia dazu genötig gesehen, jenen auf eine herablassende Art zu kommentieren, weswegen wir uns eine Richtigstellung der vorgenommenen Behauptungen an dieser Stelle nicht nehmen lassen wollen.

Unser Ziel ist es einen innerlinken Diskurs zu fördern, statt polemisch aufeinader einzuschlagen und sich gegenseitig abgedroschene Argumente an den Kopf zu werfen. Aus dieser Perspektive finden wir es schade, dass Kritik an unserer Position nicht sachlich und direkt an uns gerichtet vorgetragen wird.

Wir zitieren nachfolgend kursiv aus dem entsprechenden Beitrag und in normaler Schrift aus unserem ursprünglichen Text.

“[…] dass das kolportierte Bild, aus dem Projekt sei ein Drogenhandelring betrieben worden völlig aus der Luft gegriffen ist. Was als – wenn auch unangenehmes – Problem hätte innerhalb des Projektes gelöst werden können, wird von Manchen nun missbraucht, um das Projekt (ob abischtlich oder nicht) zu diskreditieren […].”

Schon zu Anfang des Beitrages wurde unmissverständlich klar gemacht, dass gerade die fehlende Diskussion problematisch für uns erscheint und daher keine genauen Angaben darüber gemacht werden können: “inwieweit die festgenommenen Personen wirklich in organisierte kriminelle Strukturen verwickelt waren, ebenso wie die internen Diskussionen im “Bettenhaus” genau aussehen. Unser Ziel ist daher nicht die Denunziation von einzelnen Beteiligten oder des Bettenhauses, sondern die Problematisierung von Drogenkonsum und organisierter Kriminalität im Allgemeinen.”

“Zunächst wird sich gleich auf der ersten Seite über die angeblichen gesundheitsschädlichen Risiken von Cannabis und Alkohol ausgelassen, und das alte Argument der Konservativen herangezogen, dass selbst einmaliger Drogenkonsum irreversible Schäden ausrichten würde. Was denn nun Drogen eigentlich sind wird nie geklärt.”

Wer ernsthaft der Meinung ist, dass Drogen “bei regelmäßigem Konsum” keine Schädigungen hervorrufen, der spricht vielleicht von der medikamentösen Einnahme von Cannabis. Das Wort “Drogen” näher zu definieren halten wir im Kontext der Diskussion für unnötig, da alle nachfolgenden Ausführungen, die sich nicht im allgemeinen auf Rauschmittel beziehen, entsprechend spezifiziert wurden. Zum Beispiel an der Stelle, als folgerichtigt von uns behauptet wurde, dass selbst ein einmaliger Konsum eine Schädigung hervorrufen kann, dieser Passus bezog sich nämlich rein auf chemische Partydrogen, inwiefern das ein typisches Argumentationsmuster von Konservativen oder Neoliberalen sein soll, bleibt uns unverständlich, da eine “substanzinduzierte Psychose” ein gebräuchlicher medizinischer Fachbegriff ist, den es nicht ohne Grund zu geben scheint. Für weitere Informationen fragen Sie bitte ihren Arzt oder Apotheker. Den medizinischen Nutzen von Cannabis zu thematisieren wäre durchaus richtig, hat thematisch aber nichts mehr mit dem Thema Drogenkonsum zu tun und wurde daher aus Platzgründen ausgespart.

“Die Behauptung Drogenkonsum führe grundsätzlich nur zur Unterdrückung eines revolutionären Bewusstseins wird legiglich mit dem dümmlichen Argument belegt, dass sie der “Zerstreuung” dienten. Und wer sogenannte Drogen konsumiert sei grundsätzlich unzuverlässig.”

Inwiefern das aus dem ursprünglichen Beitrag herauszulesen ist, bleibt uns völlig schleierhaft. Behauptet wurde lediglich, dass Drogenkonsum kein emanzipativer, sondern individueller Akt ist. Das Wort “Zerstreuung” wurde sogar im positiven Kontext gebraucht und die negativen Auswirkungen, auf die Fähigkeiten das eigene Leben zu gestalten, wurden mit einer DrogenSUCHT verknüpft, die klar von unregelmäßigem Konsum abgegrenzt wurde.
Da unser Vorhaben eine metapolitische Komponente hat, also über möglichst gute Informationen das Verhalten und die Denkweisen von Einzelnen zu bereichern sucht, sehen wir es im Kontext als angebracht an, vor den negativen Auswirkungen von DrogenSUCHT zu warnen, da jene, im Vergleich zu den positiven Aspekten des Gelegenheitskonsums, nicht selbst erfahren werden kann bzw. sollte. Trotzalledem haben wir das individuelle Recht auf Konsum betont und eine Legalisierung von bisher illegalen Drogen gefordert.

“[…] Marx hätte ja nicht wisssen können das Leute irgendwann tatsächlich sogenannte Drogen in größeren Mengen konsumieren. Nochmal damit es klar ist: sie sind nicht vom Himmel gefallen, sie waren schon immer Teil menschlicher Kulturen. Entsprechend gab es auch einen massiven “Drogenkonsum” zu Zeiten von Marx.”

Dass Drogen schon immer ihren Platz in den verschiedenen menschlichen Kulturen hatten, ist sicher richtig. Dennoch hat sich der Drogenkonsum weltweit vor allem durch die Verfügbarkeit stark erhöht [1]. Diese Verfügbarkeit wird heute vor allem durch die Organisierte Kriminalität (OK) gewährleistet, während zu Lebzeiten von Marx Medikamentenmissbrauch und Alkoholismus vorherrschend waren.

“Speed, Ecstasy usw. kann von jedem mit Zugang zu den notwendigen chemischen Wissen und Mitteln hergestellt werden, Cannabis kann ohne große Hürden auch selbst angebaut werden. Wer meint, dass die Mehrzahl der Drogenkonsument*innen in Frankfurt ihre Konsumprodukte auf einer verdreckten Toilette oder in einem der wenigen noch zugänglichen und nicht videoüberwachten Hinterhöfen im Bahnhofsviertel von Tagelöhnern kaufen, glaubt den Märchen der Polizei und Stadtverwaltung, denen diese Erzählung nur als Tarnung dient um Arme und durchaus hilfsbedürftige Menschen, sowie aus rassistischen Gründen vor allem gegen Menschen mit dunkleren Hautfarben (rassistisches Stichwort “Nafri”) und Obdachlose Sinti und Roma, vorzugehen.”

Ein eigener Anbau erscheint im Fall von Cannabis eventuell noch glaubwürdig, bei allen anderen illegalen Drogen eher als an den Haaren herbeigezogen. Mal ehrlich: Wer ernsthaft der Meinung ist, dass der Großteil des hergestellten Speeds in Deutschland nicht aus Strukturen der OK stammt, sondern von Hinz und Kunz in der eigenen Küche zusammengebraut wird, der will zwanghaft die Augen vor der Realität verschließen. Nur weil Stadt und Polizei in Frankfurt eine ähnliche Argumentation missbrauchen, um gegen Arme und Geflüchtete vorzugehen, bedeutet dies nicht, dass Strukturen der OK nicht existieren. Darüber hinaus sind Hells Angels & Co. doch auch im Frankfurter Bahnhofsviertel sichtbar präsent. Zusätzlich sollte der Umstand, dass eben nicht mehr nur auf Bahnhofsklos gedealt wird, Anreiz dafür sein, sich darüber Gedanken zu machen, wie tief Drogenhandel und die zugehörigen bandenmäßig organisierten Strukturen bereits in die Mehrheitsgesellschaft eingesickert sind.

“Aber für die Autor*innen ist das Problem darin zu sehen, dass die nebulöse “Organisierte Kriminalität” vor allem zu Verbindungen zwischen “Neonazis, Rockerbanden und arabischen Faschisten” führt. Eine weitere Behauptung die ohne jeglichen Beweis einfach mal so in den Raum gestellt wird. Wem das nicht Angst genug macht hört dann noch Schauermärchen von bösen “Clankriminellen” wie dem “Remo-Clan in Berlin”, welche Mieter*innen in der Hauptstadt vermeintlich in Angst und Schrecken versetzen würde, noch später hört man dass selbst Connewitz nicht mehr sicher ist. Und nun auch noch das beschauliche Marburg? Sogar Rödelheim? ARMES DEUTSCHLAND, DANKE MERKEL (!!1!) will man uns wohl damit sagen. Das man ein von bürgerlichen und extrem rechten Reaktionären in Medien und Parteien aufgebauschtes rassistisches Ammenmärchen von der Übermacht fieser “krimineller Ausländer” in Großstädten übernimmt ist ein fatales Zeichen für sich antirassistisch dünkende Menschen, wenn sie dann noch als “linke Kritik” an patriarchalen Strukturen zu tarnen versucht wird ist es eine Pervertierung feministischer Politiken, wie man sie aus bürgerlichen Traditionen nur zu gut kennt.”

Ein Beleg wurde an dieser Stelle sehr wohl mitgeliefert, wobei darauf geachtet wurde, dass er eine Verbindung zwischen “deutschen” Rockern und Faschisten aufzeigt, um darauf hinzuweisen, dass die Probleme nicht durch “Ausländer importiert” sind, wie in rechten Kreisen oft behauptet wird. Die beschriebenen Verbindungen sind für uns übrigens nur das “i-Tüpfelchen” und nicht das primäre Problem an der OK. Dass Connewitz nicht mehr sicher ist, wurde nie behauptet, sondern das genaue Gegenteil. Ebenso wurde nie darüber geschrieben, dass “Ausländer” Großstädte übernehmen. Diese Art der Interpretation zeugt mehr von der Gewöhnung an populistisches Geschwätz, wie es leider auch innerhalb der Linken an der Tagesordnung ist, als von einer sachlichen Auseinandersetzung mit dem von uns veröffentlichten Text. Gerade aufgrund der Abwehrmechanismen sehen wir es als dringend notwendig an, einem Thema Aufmerksamkeit zu schenken, welches in der Linken, gegenüber anderen Themen deutlich unterrepräsentiert ist. Ein Grund dafür ist, dass die OK (in der Statistik wurden nur Großfamilien mit nicht-deutscher Herkunft erfasst, wir lehnen die Bezeichnung “Clankriminalität” aber ab, da es sich hierbei um ein Wort handelt, welches das Problem der OK auf familiäre Strukturen reduziert) alleine in Nordrhein-Westfalen mittlerweile etwa einen halb so großen Umfang wie alle rechtsextremistischen Straftaten im ganzen Bundesgebiet umfasst [2]. Zwischen 2016 und 2018 registrierte die Polizei in NRW mehr als 14.225 Straftaten mit rund 6449 tatverdächtigen Clanmitgliedern. Unter den 14.225 Straftaten waren 26 Tötungsdelikte oder versuchte Tötungsdelikte, 5600 Gewaltdelikte, 2600 Betrugsfälle, 2600 Eigentumsdelikte und 1000 Drogendelikte. Von Sommer 2018 bis Januar 2019 kam es zu über 100 Festnahmen [3]. Was das mit einem “Ammenmärchen” oder “Pervertierung feministischer Politiken” zutun hat, kann man ja mal versuchen den (Zwangs)prostituierten im Frankfurter Bahnhofsviertel zu erzählen. Vielmehr führt die Überstrapatzierung von Rassismus-Vorwürfen zur Entleerung des Begriffes, was sicher nicht im Sinne der wirklich Betroffenen sein kann und an dieser Stelle aufgrund der durchaus differenzierten Argumentation, welche an keiner Stelle die Herkunft oder Hautfarbe von Kriminellen thematisiert, völlig fehl am Platz ist.

“Wer meint die Welt würde sich automatisch zum positiven Verändern wenn keine sogenannten Drogen konsumiert werden würden träumt. Das Problem heißt immernoch Kapitalismus, eine moralisierende Kritik an einzelnen Symptomen dient niemanden, höchstens eigenen Überheblichkeitsgefühlen und neoliberalem Gesundheitswahn.”

Der mehrfach wiederholte Versuch, legitime Argumente mit dem Verweis auf deren “Bürgerlichkeit” zu diskreditieren, zeugt von völliger Verweigerung dem Inhalt gegenüber. Ein Argument ist nicht deswegen richtig oder falsch, weil es bestimmte Personen benutzen. Genauso ist es ein typisch linkes und dennoch ermüdendes Totschlagargument darauf zu verweisen, dass nur durch die Aufhebung des Kapitalismus alles gut werden würde und alle anderen gesellschaftlichen Veränderungen zum Scheitern veruteilt sind. Würde der/die Autor/in dieses Argument wirklich ernst nehmen, hätte der anfängliche Absatz zur Wohnungspolitk ausgespart bleiben können, denn auch linkes Engagement im Bereich des Wohnungsmarktes wäre dann zum Scheitern veruteilt. Weder wird mit einem geringeren Drogenkonsum die Welt sofort eine bessere, noch ist es wahr, dass ein anderer Umgang mit dem eigenen Konsum keinerlei Wirkung erzielen kann. Dass wir lieber eine bürgerliche Welt ohne autoritär-patriarchale Schattenseiten möchten, macht uns nicht zu schlechteren Linken, sondern zu den größeren Realist*innen. Dementsprechend halten wir die Forderungen gegenüber der SWING und die gefährliche Beleidigung gegenüber unserer Argumentation als “reaktionär” für völlig verfehlt.

“Auch wenn “organisierte Kriminelle” teilweise im Wohnungsmarkt operieren, so sind die wirklichen Probleme und Kriminellen die Privatinvestor*innen und große Wohnungskonzerne mit ihrem Heer an Anwälten und eine Stadtpolitik die dem Handel mit Wohnraum als profitmaximierende Investition in Frankfurt in keinster Weise einhalt gebietet […].”

Obwohl die abschließenden Auslassungen zum Frankfurter Wohnungsmarkt durchaus interessant sind, finden wir es bedenklich, dass hier Privatinvestor*innen auf eine Stufe mit Schwerkriminellen gestellt werden. Gerade diese verkürzte Kapitalismuskritik hätten wir nicht erwartet, wo vorher doch selbst bei einem Phänomen, was zumindest rechtlich außerhalb der bürgerlichen Gesellschaft steht, ein zu geringer Fokus auf innerkapitalistische Dynamiken bemängelt wurde.

“[…] selbst wenn sie Kinder haben die auf ein Rollstuhl angewiesen sind – ohne weitere Betreuung oder Perspektive einfach auf die Straße geworfen haben, nur um ein Abschreckungsszenario gegen ach so schlimme “Kriminelle” zu schaffen. Die kommunalen Wohnungsbaugesellschaften fragen völlig selbstverständlich nach rassistischen Kriterien bei Selbstauskünften auf ihren Formularen, um ihre Mieter*innen entsprechend auswählen (oder viel mehr abweisen) und zuteilen zu können.”

Sollte diese Praxis in Frankfurt tatsächlich so stattfinden, dann können wir nur unsere tiefste Abneigung ihr gegenüber ausdrücken. Solcherlei Forderungen wie eine “Abschreckung” durch die Polizei wurden in unserem Beitrag nie gestellt und sind auch nicht in unserem Sinne. Als linkes Projekt wollen wir uns für eigene Problemlösungen einsetzen, die auf rassitische Stereotype verzichten und nur in Ausnahmen und Ermangelung an Alternativen Forderungen an den Staat stellen. Gleichzeitig wollen wir aber auch nicht auf die positive Verkehrung der Stereotype hereinfallen.

Anmerkungen
[1] Weltdrogenbericht 2018

[2] Rechtsextreme Straftaten 1. Halbjahr 2019

[3] Straftaten in NRW

Linke (Kampf-)Sportvereine in Deutschland

Nach längerer Anlaufzeit und ein paar kleinen Abstimmungsschwierigkeiten präsentieren wir euch heute einen Beitrag, der in Zusammenarbeit mit dem Kampfsportstudio Attitude Sports aus Neubrandenburg entstanden ist. Die hilfsbereiten Genoss*innen haben Fragen rund um Sport, Kampfsport und ihr Studio beantwortet und sind, genau wie wir, der Meinung, dass es mehr von diesen Trainingsmöglichkeiten geben sollte.

Sportverein? – Selbst aktiv werden!
Das Gym von Attitude Sports wurde als diy Konzept gegründet. Das bedeutet, dass die Arbeit ehrenamtlich erfolgt und jeglicher Gewinn wieder in Equipment und Seminare gesteckt wird. Grundlage war eine Gruppe, welche Bock auf Kampfsport und keine Angst hatte etwas zu riskieren, um sich den Traum vom eigenen Trainingscenter zu erfüllen. Als wichtigster Tipp, der zum Nachmachen anregen soll, haben sie uns daher „machen, machen, machen“ mit auf den Weg gegeben!

Ist eine Gruppe gefunden, mit der man sich auf ein Trainingskonzept einigen kann, dann steht man vor den zwei größten Hürden für einen eigenen Sportverein: Trainer*innen und Räumlichkeiten finden. Empfehlenswert ist es bei bestehenden Vereinen/Studios und in den sportwissenschaftlichen Fakultäten von Hochschulen und Universitäten nach Personen zu suchen, die noch Erfahrungen als Trainer*in sammeln möchten, ohne dafür ein großes Honorar zu verlangen. Während der Übergangszeit können sich Leute aus der Gruppe ausbilden lassen oder man hat schon sehr erfahrene Sportler*innen an Board, die auch ohne Schein übergangsweise ein Training geben oder sich gegenseitig trainieren können. Um Räumlichkeiten zu finden eignen sich in großen Städten in erster Linie Hausprojekte, die in der Regel Kellerräume haben, welche man zu Sporträumen umfunktionieren kann. Judovereine bekommen in regelmäßigen Abständen neue Matten, die Alten kann man ggf. sogar umsonst bekommen, um den Boden auszukleiden, nachfragen ist auf jeden Fall kostenlos. Viele Sportarten können im Sommer zunächst auch draußen trainiert werden. Das nötigste Equipment, was im Bereich Kampfsport schon eine ganze Menge sein kann, ist aber Voraussetzung. Sinnvoll ist es auf gebrauchtes Material (aus der Gruppe) zurück zu greifen oder im Internet nach günstigem Equipment zu suchen. Vor allem auf Facebook gibt es Gruppen in denen (Kampf-)Sportequipment günstig verkauft wird. Grundsätzlich können die Materialien auch Stück für Stück erweitert werden, am Anfang genügt in der Regel ein Mundschutz und Handschuhe für jede Person und ein Satz Pratzen für zwei. Andere Sportarten können ggf. sogar nur mit einem Ball oder zunächst ganz ohne Equipment ausgeführt werden.

Bestehende Strukturen
Offiziell linke Vereine gibt es in Deutschland bisher extrem wenige, der Rote Stern Frankfurt ist ein Gegenbeispiel, hier gibt es verschiedene AG´s, in denen man preisgünstig mitmachen kann. Das Projekt zeigt, dass eine Anerkennung durch Sportverbände auch mit einem alternativen Vereinskonzept möglich ist. Im Bereich Kampfsport wird in nächster Zeit noch das Redore Gym in Halle eröffnet werden, welches sich durch Crowdfunding eine Basis schaffen möchte. Wenn ihr noch mehr offizielle dezidiert linke Sportvereine und vor allem Kampfsportstudios kennt, schreibt uns gerne und wir werden diese auf unserer Seite ebenfalls aufführen!

Zusätzlich gibt es im Kampfsportbereich aber in einer Menge Städte Trainingsgruppen, diese bleiben aber meistens privat. Diese Lösung ist ebenso gut, denn letztendlich geht es um den Sport.

Ein Plädoyer für den Sport
Die nachfolgenden Ausführungen sollen nicht dazu animieren Menschen zu verurteilen, die keine Lust auf Sport haben oder aus verschiedenen Gründen nicht dazu in der Lage sind sich körperlich effektiv zu verteidigen. Vielmehr sollen Vorteile eines sportlich aktiven Lebensstils aufgezeigt werden, um die eigenen Einstellungen zu hinterfragen. Egal für welche Sportart man sich vielleicht interessiert, körperliche Bewegung ist nicht nur gesund, sondern bietet eine ganze Reihe an weiteren Vorteilen. Sport, richtig angeleitet, fördert das eigene Selbstbewusstsein und die Körperwahrnehmung. Diese Fähigkeiten können im Alltag extrem nützlich sein. Vor allem in linken Zusammenhängen geht es oft darum seine eigenen Grenzen für direkte Aktionen, Demonstrationen oder Veranstaltungen einschätzen zu können, um sich selbst und andere nicht zu gefährden. Eine verbesserte Fitness ist gleichzeitig für das Gelingen von vielen Vorhaben notwendig oder zumindest nie abträglich. Zudem bietet ein sportlicher Rahmen eine Gelegenheit, um neue Leute kennen zu lernen und sich auszutauschen. Überregionale Veranstaltungen, die durch offizielle Vereine realisiert werden (können), bieten Raum für Vernetzung zwischen Gruppen und Vereinen, wodurch Möglichkeiten entstehen sich auch gegenseitig zu unterstützen und bei Gründungsvorhaben anzuleiten. Die Verbindung der sozialen und körperlichen Komponente des Sports kommt insbesondere Menschen zugute, die an psychischen Erkrankungen leiden und von denen gibt es in einer Szene, die sich tagtäglich mit dem Abgrund der menschlichen Gesellschaft beschäftigt, wie wir alle wissen oder sogar selbst betroffen sind, genug [1].

Kampfsport als Selbstschutz
Der größte Vorteil von Kampfsporttraining ist aber der Selbstschutzfaktor. Nazis trainieren fast alle in (eigenen) Kampfsportvereinen. Sich verteidigen zu können kann daher für keinen Linken ein Nachteil sein. Allein die Existenz von linken Kampfsportgruppen hat einen Abschreckungsfaktor, ein paar unangenehme Erfahrungen können diesen leicht verstärken, wenn Rechte merken, dass die Zecken sich verteidigen können, dann kann das ausreichen, um erneute Angriffe zu verhindern und so Personen zu schützen, die es nicht können. Dies gilt aber leider auch andersherum. Nazis körperlich anzugreifen ist sicherlich möglich und nicht jede*r von ihnen ist MMA-Profi, trotzdem sollten die eigenen Fähigkeiten nicht überschätzt werden. Nur weil man ein paar Monate in einem Kampfsportstudio trainiert, heißt das nicht automatisch, dass man jeden Straßenkampf gewinnt. In einer kontrollierten Situation, ohne echte Gefahr, ohne Waffen etc. im Gym zu kämpfen ist etwas völlig anderes als eine wüste Straßenschlägerei! Die unkontrollierte Situation kann neben der Eigengefährdung auch dazu führen, dass dem Gegenüber Verletzungen zugefügt werden (müssen), welche nicht beabsichtigt waren. Zum einen können unvorhergesehene rechtliche Konsequenzen folgen, zum anderen müssen die Folgen auch auf einer psychischen Ebene toleriert werden!

Demgegenüber wollen wir alle Menschen ermutigen sich in Situationen, in denen sie sich bedroht fühlen, konsequent selbst zu verteidigen und nicht zu warten bis es zu spät dafür ist. Die BGH Urteile im Bereich des deutschen Notwehrrechts zeigen, dass eine Verteidigung mit dem mildesten Mittel erfolgen soll, was dennoch eine gleichwertige Zuverlässigkeit aufweist [2]. Auch wenn im Einzelfall ein Gericht über den Fall entscheidet, ist eine einfache körperliche Verteidigung, entgegen dem oftmals vorherrschenden Irrglauben, zum Beispiel schon gegen eine verbale Bedrohung gerechtfertigt, wenn nicht damit zu rechnen ist, dass eine Flucht oder verbale Antwort zum gleichen Erfolg führt. Grundsätzlich ist es natürlich zu empfehlen, Situationen verbal zu deeskalieren, sollte diese Taktik keine Wirkung zeigen und ist eine Flucht nicht möglich oder gefährlich, dann muss mit der Verteidigung nicht gewartet werden, bis man selbst körperlich angegriffen wird!

Auf der Suche nach einem Kampfsport-Gym
Gibt es in der Gegend (noch) keine linke Trainingsgruppe, so hindert die Unwissenheit oder Angst vor einem Einstieg in einen kommerziellen Verein viele Linke am effektiven Kampfsport-Training. Daher wollen wir nachfolgend ein paar Grundregeln an die Hand geben, welche den Einstieg erleichtern.

Grundsätzlich gilt in der Sportwissenschaft das Spezifitätsprinzip. Jenes besagt, dass eine Person in der Sache besser wird, welche trainiert wird. Ist das eigene Ziel sich effektiv verteidigen zu können, dann sollte man also einen Verein auswählen, der eine Kampfsportart anbietet, welche eine reale Auseinandersetzung möglichst gut simuliert. Dazu gehört auch möglichst früh, aber in einer angebrachten Weise ans Sparring heran geführt zu werden. Geeignete Sportarten sind beispielsweise MMA, Boxen, Muay-Thai oder Krav Maga. Insbesondere bei reinen Selbstverteidigungskonzepten ist darauf zu achten, dass die Techniken auch realitätsnah geübt werden. Vor allem Selbstverteidigungs-Wochenendkurse, die in der Regel für Frauen angeboten werden, sind mit Vorsicht zu genießen und vermitteln oftmals ein völlig falsches Bild von realen Auseinandersetzungen und damit eine falsche Sicherheit, die zu Fehleinschätzungen der eigenen Fähigkeiten führt!

Ein Austausch mit der örtlichen Szene kann darüber hinaus auch aufschlussreich sein. Eine gute Gelegenheit ist es auch sich zusammen zu schließen und sich gemeinsam über die möglichen öffentlichen Gyms zu informieren. Die Herausforderung, einen Verein zu finden, in dem man sich auch menschlich wohlfühlt, kann so leichter gemeistert werden. Die Möglichkeit als Gruppe zusammen anzufangen gibt es in der Regel. Aus einer Gruppe heraus lässt sich ein Problem dann auch oft besser ansprechen. Man muss in öffentlichen Studios zum Beispiel oft mit Mackertum rechnen. Sollten im Rahmen der eigenen Recherche Vorfälle bekannt werden, in denen ein Studio systematisch rassistisch agiert oder offen Neonazis toleriert, meldet die Vorfälle bitte an die Initiative Runter von der Matte! – Kein Handshake mit Nazis oder der Recherchegruppe Out of Business aus Brandenburg, welche zurzeit noch keine Möglichkeit bietet online Kontakt aufzunehmen. Auf der Internetseite von „Runter von der Matte“ könnt ihr auch Informationen über Neonazistrukturen in der Kampfsportszene finden, um effektiver die Augen offenhalten zu können. Zudem finden sich rhetorische Hilfen, wenn es um die Argumentation gegenüber Betreiber*innen von Kampfsportvereinen bei den zuvor genannten Problemen geht. Auch schicke Plakate können bestellt werden, welche auf Kampfsportevents oder in den eigenen Hallen aufgehangen werden können, um Nazis sofort zu signalisieren, dass sie fehl am Platz sind.

Das Spezifitätsprinzip gilt ebenso für das Training an sich. Ist es mein Ziel die eigene Technik zu verbessern, dann ist es unsinnig den Körper mit tausend Liegestützen zu plätten, sodass das Nervensystem keine Bewegungsreize mehr verarbeiten kann. Die Struktur des Trainings sollte daher zu den eigenen Zielen passen. Für eine*n Anfänger*in eignen sich vor allem Vereine in denen die technischen Grundlagen geübt und im Sparring realitätsnah umgesetzt werden. Ausdauer, Kraft und Beweglichkeitstraining ist wichtig, sollte aber am besten getrennt vom eigentlichen Kampfsporttraining oder zumindest nachgelagert stattfinden und nicht über die Hälfte der Trainingszeit einnehmen. Will man zuhause zusätzlich etwas tun, was die Leistung im Kampf unterstützt, eignet sich vor allem athletikfokussiertes Krafttraining, welches sich auf die muskulären Strukturen konzentriert, welche beim Kampfsport zu kurz kommen. Dies ist vor allem der obere Rücken (Rhomboiden, hintere Schulter, unterer Trapez), die Rotatorenmanschette der Schulter, der Beinbizeps und der Bauch. Ein Training dieser Muskeln mit Körpergewicht oder an Hanteln/Maschinen wird euch weder unbeweglicher noch langsamer machen, sondern die Verletzungsanfälligkeit reduzieren und die Gelenkstabilität erhöhen. Beim Training von Brust/Schulter/Trizeps und des vorderen Oberschenkels ist vor allem auf eine explosive Ausführung der konzentrischen Bewegung zu achten. Die konzentrische Phase, ist die, in der man einen Widerstand aktiv überwinden muss. Im Fall einer Liegestütze sollte man sich grundsätzlich also explosiv hochdrücken und kontrolliert wieder herablassen. Es bieten sich daher neben klassischen Krafttrainingsübungen auch Würfe, Sprünge und Sprints an. Darüber hinaus ist natürlich auch zusätzliches Techniktraining (Schattenboxen, Sandsack etc.) möglich, insofern die Bewegungen alleine schon richtig ausgeführt werden können. Grundlagenausdauer kann am besten durch Schwimmen oder Laufen trainiert werden, wobei ein Tempo gewählt werden soll, mit dem man 45-90min. durchhält.

Ring frei – kein Handshake mit Nazis!

Anmerkungen
[1] SWR Podcast: Sport und psychische Gesundheit

[2] Auswahl an BGH Urteilen:
https://dejure.org/dienste/vernetzung/rechtsprechung?Text=BGHSt+24%2C+356
https://dejure.org/dienste/vernetzung/rechtsprechung?Text=BGHSt+27%2C+336
https://dejure.org/dienste/vernetzung/rechtsprechung?Text=BGHSt+42%2C+97

 

Die Linke als Konsumraum

Eigentlich war ein Beitrag zum Thema Drogenpolitik erst im Anschluss an eine tiefergehende Betrachtung der, an die Linke angrenzenden Subkulturen, in denen vermehrt Drogen konsumiert werden, geplant. Doch weil unverhofft oft kommt, entzündet sich an der Hausdurchsuchung des Wohnprojektes „Bettenhaus“ in Marburg momentan eine dringend notwendige Debatte über das Thema. Doch eins nach dem anderen.

Was ist bisher passiert?
Am Nachmittag des 17. Juni, also vor ca. einem Monat, wurde im hessischen Marburg das linke Wohnprojekt “Bettenhaus” von Polizei und Staatsschutz durchsucht. Die Durchsuchung richtete sich dabei nicht gegen politische Strukturen, sondern galt einem Drogenring:

[1] “Im Zuge der Razzia nahmen die Beamten acht Verdächtige fest, im Alter zwischen 22 und 43 Jahren. Außerdem stellten sie mehrere Kilo Drogen sicher, darunter Marihuana, Haschisch und Amphetamine sowie größere Mengen Chemikalien zur Herstellung synthetischer Drogen. Die Ermittler fanden zudem mehrere Schreckschusswaffen und eine scharfe Schusswaffe samt Munition.” In einer anderen Wohnung wurden “XTC-Pillen, Amphetamine, Marihuana, Crystal Meth, Kokain und Heroin […] insgesamt 4000 Tabletten und fast drei Kilogramm weitere Betäubungsmittel” gefunden.

Die in Marburg angesiedelten linkspolitischen Gruppen haben zu dem Thema bisher überwiegend geschwiegen. Einzig der Hausverein des Bettenhaus hat ein kurzes Statement veröffentlicht, in dem eine Aufarbeitung der Geschehnisse angekündigt wurde, die auf sich warten lässt. Aufgrund des ausbleibenden Aufschreis hat eine anonyme Gruppe unter dem Namen „Antifa Hessen“ ein Statement mit dem Titel [2] „Den Drogensumpf trockenlegen“ auf Indymedia verfasst. In diesem Statement wird unter anderem der lockere Umgang der (Marburger) Linken mit dem innerszenischen Drogenkonsum und Handel kritisiert:

[2] „[…] dass offenbar innerhalb eines der größten linken Projekte der Stadt sich mindestens [ein] Kennverhältnis zwischen den Projektler*innen [und] einer größere Bandenstruktur zum Verkauf von Drogen aller Art gebildet hat. Man könnte sogar soweit gehen, dass hier ein Teil der linken Bewegung Marburgs stillschweigende Schützenhilfe für eine der niedersten Arten der Kriminalität geleistet hat. Es wurden in diesem Zuge immer wieder relativierende Stimmen laut, die den Drogenhandel als quasi aufständischen Flügel von Personen umreißen, der eben auf Recht und Gesetz pfeift, wie es sich für Linke gehört.“

Da der Text sich an manchen Stellen auf eine sehr vereinfachende Art mit dem Thema Drogenkonsum auseinandersetzt, haben wir uns dazu entschieden, einen Beitrag zum Thema zu verfassen, den wir nachfolgend veröffentlichen. Grundsätzlich hoffen wir dadurch einen inhaltlichen Beitrag für notwendige Diskussionen und Anstöße für individuelle Reflexion zu leisten. Inwieweit die festgenommenen Personen wirklich in organisierte kriminelle Strukturen verwickelt waren, können wir nicht beurteilen, ebenso wie die internen Diskussionen im “Bettenhaus” genau aussehen. Da wir keine internen Einblicke in das Wohnprojekt haben, beziehen wir uns auf die Geschehnisse so wie sie in der Presse dargelegt wurden. Unser Ziel ist aber sowieso ein anderes. Es geht nicht um eine Denunziation von einzelnen Beteiligten oder des Bettenhauses, sondern um die Problematisierung von Drogensucht und organisierter Kriminalität im Allgemeinen.

Drogenkonsum ist kein emanzipativer Akt
Grundsätzlich sind wir der Meinung, dass in der Diskussion über den richtigen gesellschaftlichen Umgang mit Drogen zunächst zwischen drei verschiedenen Dingen unterschieden werden muss: Drogenkonsum, Drogensucht und Drogenhandel. In dem Wissen, dass zwischen den Phänomenen aber keine völlige Unabhängigkeit besteht, wollen wir insbesondere die bisher oft unbeachteten Verbindungslinien thematisieren, um einen Einstieg in die Thematik zu ermöglichen. Wir sind keine Mediziner*innen, deswegen basiert insbesondere der einleitende Teil zu den Gefahren, die mit dem Konsum von harten Drogen einhergehen, auf den Erfahrungen, die wir innerhalb der linken Szene an verschiedensten Orten gesammelt haben.

Wissenschaftlicher Konsens aber ist, dass selbst legale und „weiche“ Drogen wie Cannabis und Alkohol dem eigenen Körper massive Schädigungen zufügen können. Bei regelmäßigem Konsum nimmt die kognitive und körperliche Leistungsfähigkeit ab. Seit dem Einzug der elektronischen Musik in die, an die Linke angrenzenden Subkultur, sind „Partydrogen“ in Mode gekommen, welche durch ihre primäre Wirkung auf die Psyche schneller bleibende Schäden bei den Konsument*innen hervorrufen können. Schädigungen wie Psychosen können bei vorhandener Disposition schon durch einen einmaligen Konsum ausgelöst werden! Im Falle einer Sucht, insbesondere nach harten Drogen, geht die Fähigkeit über das eigene Leben selbstbewusst zu bestimmen mitunter fast vollständig verloren. Alle Drogen können potenziell süchtig machen und bergen so die Gefahr eines (lebenslangen) Kontrollverlusts, der zum einen über die alltäglichen Zwänge der bürgerlichen Gesellschaft hinausgeht, weiter aber auch die politische Arbeit, welche das Ziel hat, diese Zwänge zu überwinden, massiv einschränkt.

Als Marx die Religion als „Opium des Volkes“ bezeichnete, wusste er noch nicht, dass zwei Jahrhunderte später das als Metapher verwendete „Opium” weit wichtiger für die Betäubung der gesellschaftlichen Subjekte sein würde, als die Religionen, zumindest insofern man das Wort in diesem Kontext als Synonym für Süchte aller Art begreift. Drogenkonsum ist, bezogen auf seine Wirkung, ein individueller Akt. Wird er zur Regelmäßigkeit und gerät außer Kontrolle, so kann er, in Form der entstehenden Sucht, zur unkontrollierbaren Selbstzerstörung ausufern und betrifft dann nicht mehr nur das Individuum, sondern auch das politische Umfeld und im schlimmsten Fall alle Personen in gesundheitlichen und sozialen Einrichtungen, die die Folgen des Konsums auffangen müssen. Es sollte deutlich werden, dass es eine lose Verbindung zwischen Konsum und Sucht, aber eine enge Verbindung zwischen Sucht und den Folgen für andere Mitglieder*innen der Gesellschaft gibt.

Nun ist das politische Engagement, genauso wie der Konsum, in jedem Einzelfall eine persönliche Entscheidung. Die Diskussion über ein „Recht auf Rausch“ ist im Allgemeinen wenig zielführend. Wer sich mit Alkohol oder selbstangebautem Cannabis berauscht, sollte keinen Repression ausgesetzt werden. Auch sehen wir das Potenzial, dass Drogen Momente der Ausgelassenheit oder Geselligkeit ermöglichen oder verstärken können. Dennoch halten wir es für fragwürdig, dass in linken Strukturen Drogensucht oder exzessiver Drogenkonsum regelmäßig als persönliche Marotte verharmlost werden. Dies wird weder dem Anspruch der Linken als politische Strömung gerecht: Wer jede Woche von Donnerstagabend bis Sonntagmorgen feiert, wird am Sonntagnachmittag nicht auf die geplante Demo gehen, noch kann bei einer unkontrollierten Sucht noch von einem “Recht auf Rausch” gesprochen werden. Die Bezeichnung als “Recht” impliziert die Möglichkeit der einzelnen Person jenes freiwillig in Anspruch zu nehmen oder dies zu unterlassen. Eine Möglichkeit, die Drogensüchtigen fehlt. So verwandelt sich das “Recht” in einen Zustand, der die Menschen im schlimmsten Fall in die Abhängigkeiten von Dealer*innen treibt, ein Zustand der aufgrund der Ausbeutungssituation von Linken eigentlich massiv kritisiert werden müsste.

Die Linke als Konsumraum?
Konsumräume im Frankfurter Bahnhofsviertel sind eine notwendige soziale Maßnahme, um Abhängigen zu helfen. Implizite oder gar explizite Konsumräume innerhalb der linken Szene (wie bspw. auf der Fusion), stellen eine Verharmlosung von Sucht dar und ermutigen zum Konsum. Vor allem dann, wenn gegenüber dem Konsum einseitige Akzeptanz herrscht, die, im Gegensatz zu professionellen Anlaufstellen, nicht durch ein entsprechend kritisches Informationsangebot begleitet wird. Akzeptierende Drogenpolitik ist ein Thema, welches auf einer gesamtgesellschaftlichen Ebene mit professionellen Fachkräften diskutiert werden muss und das nicht innerhalb einer Szenennische verwirklicht werden kann.

Wie viel individuelle Zerstreuung notwendig ist, um das eigene Leben ertragen zu können, muss jede Person in einem gewissen Rahmen selbst entscheiden dürfen! Jede*r ist selbst dafür verantwortlich bestmöglich zu garantieren, dass der Konsum eine private Angelegenheit bleibt. Im Einzelfall muss es dabei möglich sein, eine klare Trennungslinie zwischen Konsum und Sucht zu ziehen. Voraussetzung dafür ist, dass kritisch über Drogenkonsum gestritten werden darf, ohne dass dies als Eingriff in die Privatsphäre von Konsument*innen betrachtet wird. Die Abwehrhaltung von Konsument*innen erscheint vor allem vor dem Hintergrund der alltäglichen Sprüche, wie der Aufforderung „heute doch auch mal ein paar Bier zu trinken“, welche in der Regel als lustig geduldet werden, als besonders zynisch. Drogensucht, die natürlich nur in einigen Fällen, aus dem Konsum erwächst, kann kein privates Phänomen sein, spätestens dann nicht mehr, wenn die erste Überdosis im Krankenhaus behandelt werden muss. Der grundsätzlich lockere Zusammenhang zwischen Drogenkonsum und Sucht kann durch die Motivation zum Konsum grundsätzlich verstärkt werden, motivierende Strukturen und Denkweisen finden sich auch innerhalb der Linken, während kritische Stimmen mit dem Verweis auf die Privatsphäre der Konsument*innen oftmals mundtot gemacht werden sollen.

Drogenhandel – die Negation der Zivilisation
Durch den Status legal/illegal unterscheiden sich die einzelnen Drogen zusätzlich voneinander. Obwohl Cannabis als weniger gesundheitsschädlich gilt als Alkohol, ist schon dieser harmlose Konsum oft damit verbunden, dass ein, und wenn auch nur anonym-geschäftliches Verhältnis, zu Personen aus der Organisierten Kriminalität (OK) gepflegt werden muss. Ein Handel mit diesen Strukturen kann nicht als „normales“ Tauschgeschäft, im Sinne der kapitalistischen Definition, bezeichnet werden, da es außerhalb der staatlichen Rahmenbedingungen stattfindet. Was dies für das Zusammenleben in der Gesellschaft bedeutet, soll im nächsten Abschnitt dargestellt werden.

Auch wenn wir grundsätzlich einen großen Unterschied zwischen Konsum und dem organisierten Drogenhandel sehen, hängen die beiden Phänomene im Fall von illegalen Drogen zwangsläufig miteinander zusammen, da mit jedem Kauf auch die illegalen Strukturen unterstützt werden. Dies ist für uns übrigens ein Hauptargument für die Legalisierung von Drogen. Eine Legalisierung könnte sowohl einen kontrollierteren Umgang auf individueller Ebene ermöglichen, als auch der OK große Teile der Einnahmen abgraben.

Der Handel mit illegalen Drogen wird in Deutschland maßgeblich von der OK kontrolliert. Er steht damit außerhalb der bürgerlichen Rechtsordnung. Die „Geschäftszweige“ Prostitution und Drogenhandel, auf die sich die OK spezialisiert hat, unterscheiden sich von Individualdelikten wie Diebstahl oder Betrug darin, dass eine dauerhafte Ausbeutungssituation von Menschen hergestellt oder zumindest ausgenutzt wird. Die Profitmarge der Dealer*innen ist umso größer, je abhängiger die Kunden. Wachsendes Leid bedeutet also wachsende Einnahmen.

Die Herstellungs- und Vertriebsstrukturen sind autoritär-patriarchal organisiert, Gewalt und Ausbeutung von Untergebenen ist Alltag. Daher ist es auch kaum verwunderlich, dass an dieser Schnittstelle Kontakte zwischen Neonazis, Rockerbanden und arabischen Faschisten geknüpft werden. In Mecklenburg-Vorpommern existiert zum Beispiel eine enge Zusammenarbeit zwischen Bandidos und der AfD [3]. Ob sexueller Missbrauch in der Prostitution oder lebensgefährlicher Drogenschmuggel, als ein zwangloses Leben außerhalb des Kapitalismus sollte die OK für die meisten Beteiligten nicht idealisiert werden. Erwähnt werden müssen an dieser Stelle auch die Folgen für Unbeteiligte im In- und Ausland. Zum Beispiel die tausenden Drogenkriegstote oder die Kinder und Zwangsarbeit in den Herstellungsländern. Die innerhalb der Strukturen gelernten Verhaltensweisen erstrecken sich natürlich auch auf den sozialen Kontakt außerhalb der eigenen Bruderschaft und entfalten auch eine direkte Wirkung im sozialen Umfeld vor Ort. Eine eher harmloses Beispiel dafür, was passiert, wenn sich Clankriminelle für die Größten halten, kann man an den Schikanen des Berliner Remo-Clan gegenüber Menschen erkennen, die in Wohnungen wohnen, welche der Clan für sich beansprucht. [4]

Das Suchtverhalten Einzelner wird von den Beteiligten für die eigenen Profitinteressen bewusst ausgenutzt. Hier liegt keine abstrakte Herrschaftssituation, wie im kapitalistischen Wettbewerb vor, bei dem sich die Konsument*innen und Arbeitnehmer*innen auf bestimmte institutionalisierte Regeln und einen freien Wettbewerb verlassen können. Ein Mindestmaß an Verbraucher- oder Arbeitsschutz wird hier nicht gewährt. Im Statement der „Antifa Hessen“ wird daher richtigerweise und wütend festgestellt, dass:

[2] „Wer sich mit Kalkül auf das abhängige Suchtverhalten Einzelner eine goldene Nase verdient, ist kein “Genosse”, sondern ein Schwein. Und hat scheinbar rein gar nichts von dieser ungerechten, elendigen Gesellschaft verstanden. Wer Drogen dealt, ist politisch am Ende. [Demgegenüber kämpfen wir,] als linke Bewegung […] gegen Armut, Ausbeutung und Unterdrückung jeder Art. Wir kämpfen gegen die Unterdrückung der Frauen und anderen Geschlechter, wir kämpfen gegen die Ausbeutung und Armut, wir kämpfen gegen den Rassismus, wir kämpfen gegen die Zerstörung der Umwelt. Und wir kämpfen gegen den Staat, der diesen Wahnsinn aufrechterhält. […] Wer hier [in der OK] “etwas werden möchte”, muss seinen ethischen und politischen Kompass völlig ausgeschaltet haben.“

Der illegale Drogenhandel ist in seiner momentanen Form ein gesellschaftlicher Bereich, in dem das Recht des Stärkeren zum Prinzip erhoben wurde und der in seiner Organisation damit hinter die Errungenschaften des bürgerlichen Staates zurückfällt. Es ist auch ein Geschäft, das nicht konträr zur deutschen Politik steht, sondern aufgrund der Illegalisierung der Drogen durch die deutschen Gesetze befördert wird. Und doch finden die Geschäfte auf einer vorkapitalistischen Entwicklungsstufe statt.

Konsument*innen, welche noch nicht süchtig sind, haben zunächst die Möglichkeit keine Geschäfte mit den Strukturen zu machen. Dabei sollte sich jede*r Einzelne vergegenwärtigen, dass ein solcher Boykott, aufgrund der völlig anderen Rechtsgrundlage, nicht mit dem Boykott von Firmen verglichen werden kann, mit dem der Kapitalismus als Ganzes bekämpft werden soll. Im Fall von Drogenhandel kann ein Boykott dazu beitragen, die OK finanziell in Gänze zu schädigen, da ihr Geschäftsfeld nicht vom rechtlichen Rahmen des bürgerlichen Staates abgedeckt wird. Während bei einem Boykott von „besonders schlimmen“ Konzernen oft ausgeblendet wird, dass die Normalbedingungen des kapitalistischen Systems schon eine zu große Zumutung darstellen und der Niedergang der einen, der Aufstieg eines anderen Unternehmens ist, so ist dies bei der OK nicht zwangsläufig der Fall. Denn hier arbeiten die Boykottierenden nicht gegen den Schutz, den der Staat den Firmen gewährt, sondern in Einklang mit den Repressionsbehörden für das selbe Ziel, nämlich Strukturen still zu legen, welche für Menschenleben einen feuchten Furz übrig haben!

Dass der Handel mit Drogen eine Möglichkeit für sozial Benachteiligte ist, ein eigenes Einkommen zu erzielen, kann keine Ausrede dafür sein, sich in den Vertriebsstrukturen von Berufskriminellen zu engagieren. Wer sich an seinen Bekannten bereichert, vor allem dann, wenn diese offensichtlich in die Abhängigkeit rutschen, verrät nicht nur jedes linke Ideal, sondern die Grundlage des zivilisierten Zusammenlebens von Individuen, die sich, zumindest im Rahmen des geltenden bürgerlichen Rechts, auf freiwilliger Basis gegenübertreten.

Organisierte Kriminalität in linken Freiräumen
Wir sind der Meinung, dass eine politische Solidarisierung mit Personen, welche nachweislich Kontakte zur OK pflegen, in jedem Fall ein Fehler ist. Vor allem in linken Wohnprojekten, welche sich als Freiräume bezeichnen, gibt es immer Menschen, die besonders schutzbedürftig sind, wozu insbesondere Kleinkinder und alle Freund*innen gehören, die einen nicht abschließend geklärten Aufenthaltsstatus haben. Die potenziell negativen Folgen eines Polizeieinsatzes sind dann besonders hoch, wobei die Verantwortung für den Schutz von Unbeteiligten natürlich auch immer bei der Polizeiführung liegt. Darüber hinaus werden alle Hausbesucher*innen fahrlässig der potenziellen Gefahr von Gewalttaten durch konkurrierende Banden ausgesetzt.

Die vermeintliche Zugehörigkeit von einzelnen Bewohner*innen des Bettenhauses zu einem Drogenring, hat dem öffentlichen Ansehen der Linken Szene in Marburg geschadet, da diese vor allem überregional auch mit dem Bettenhaus assoziiert wird. Unabhängig davon ob sich die Vorwürfe juristisch bestätigen oder nicht, sehen wir eine etwaige transparente Aufarbeitung der Geschehnisse durch das Bettenhauskollektiv als Chance dafür an, dass andere Freiräume aus den Erfahrungen lernen können. Allerdings ist uns auch bewusst, dass es ein schwieriger Prozess sein kann, mit einer großen Anzahl an unterschiedlichsten Bewohner*innen einen Konsens über das weitere Vorgehen zu finden und das Projekt gegenüber möglichen Zugriffen durch die Stadt oder Universität zu schützen.

Als Teil der radikalen Linke ist es uns generell wichtig, Räume zu schaffen und aufrecht zu erhalten, in denen wir uns ohne staatliche Überwachung bewegen können. Diese Strukturen für privatwirtschaftliche Kriminalität zu nutzen, setzt Errungenschaften aufs Spiel, von denen wir in Deutschland nicht mehr viele haben und die von anderen mühsam erkämpft wurden! Zudem sollte man dem Staatsschutz keine kostenlosen Begehungen ermöglichen, die Repressionen in anderen Bereichen nach sich ziehen können.

Nicht zuletzt rufen wir weiter dazu auf, sich kritisch mit dem eigenen Drogenkonsum auseinanderzusetzen und sich der Organisierten Kriminalität in den Weg zu stellen, insoweit dies mit den eigenen Mitteln möglich ist! Das Besetzen des Themas gewinnt vielleicht auch (indirekt) betroffene Personen für linke Politik, die bisher nichts mit den klassischen Themenfeldern zutun haben. In Connewitz hat man das teilweise schon verstanden [5].

Anmerkungen
[1] Die Berichterstattung in der Oberhessische Presse

[2] „Den Drogensumpf trockenlegen“

[3] Rocker und Rechte Szene

[4] Spiegel-TV Reportage über ein bekanntes Mitglied des Remo-Clans

[5] Farbanschlag auf Shischa-Bar in Connewitz